Tausche Klassenzimmer gegen Werkbank

26.07.2019

Kaum zu glauben, aber es gab sie tatsächlich: eine Zeit, in der ich viele Nächte lang nicht spät auf war, obwohl ich eigentlich jeden Grund dazu gehabt hätte. Sie liegt noch nicht lange zurück, und eigentlich hätte sie zum ersten Mal seit langer Zeit vor allem eines beinhaltet: Freiheit.

Die Freiheit, sich nicht mehr über Zahlen definieren lassen zu müssen, von Formeln der analytischen Geometrie endlich den Abstand halten zu können, den man Wochen zuvor noch mühsam berechnet hatte, und sich so lange die Nacht um die Ohren schlagen zu können, bis bereits die Dämmerung einsetzt. Es war die Zeit der Selbstbestimmung, ein dünner aber stabil erscheinender Draht, auf dem man zum ersten Mal ohne Hilfe balancieren und die Wolkenwelt darunter betrachten durfte. Mit Lagerfeuern in der Einöde, lauwarmem Donauradler und waghalsigen Pläne, die man spinnen wollte, unabhängig davon, ob sie irgendwie umsetzbar waren.

Genau in dieser Zeit lag ich jeden Abend um halb acht im Bett, die zugezogenen Jalousien verdeckten den Sommer vor dem Fenster und meine Freunde antworteten irritiert auf meine „Gute-Nacht“- Nachrichten. Rund 9 Stunden später war ich wieder wach – freundlich geweckt von dem grellen Piepen meines Weckers. Kaum später fuhr ich auf leeren Straßen, sah im Licht der aufgehenden Sonne die Felder ruhig daliegen und wünschte mir dann und wann, ich sei selber eines. Es gab Tage, da stand ich um 06:15 in der Werkstatt und stellte fassungslos fest, dass ich bereits seit 15 Minuten an der Arbeit war, zu einer Uhrzeit, zu der ich mich in meinem früheren Leben mit Ach und Krach und viel eigener Überzeugungsarbeit – nein du kannst nicht einfach die erste Stunde „ausfallen lassen“, ja du brauchst dein Abitur – aus dem Bett bewegen konnte. Diesem früheren Leben habe ich zu verdanken, dass ich für eine gewisse Zeit mein geliebtes „spät auf“ gegen „früh auf“ getauscht habe, gelernt habe, „Mahlzeit“ von „Guten Appetit“ zu unterscheiden, ein lebenslanges Rohrtrauma mitgenommen habe – und noch eine ganze Menge mehr.

In meinem früheren Leben begann der Tag um 07:45 Uhr mit dem ersten Gong und endete um 17:45 Uhr mit dem letzten. Alles dazwischen war Überzeugungsarbeit, Fleiß und Disziplin, mehr oder weniger delikates Mensaessen, Spaß und der Hauch von Abenteuer, der sich auch im eintönigsten Schulalltag finden lässt, wenn die richtigen Leute neben einem im Klassenzimmer sitzen. Dass das nicht unendlich war, wussten wir immer. Dass es so schnell enden wird, hätte keiner gedacht. Plötzlich war da dieser Samstag nach dem letzten Schultag und ich saß da und dachte: Und jetzt? Die Antwort kam dreißig Minuten später in der Kursstufengruppe in Whatsapp. Ich soll von der Firma, in der mein Vater arbeitet, fragen ob jemand spontan Lust hat, dort für 7 oder 14 Tage Ferienjob zu machen.

Nicht ganz, was ich mir vorgestellt hatte, aber doch immerhin ziemlich konkret. Die kaufsüchtige, spendable und kalkulierende Seite von mir steuerte auch sofort eine Menge Argumente bei. Du hast keine Prüfungen mehr, der Abiball ist erst in zwei Wochen, du hast nichts zu tun und du brauchst Geld. Da hat sie recht, dachte ich, und dann schritt ich zur Tat.

Nächste Szene: ein Mädchen in einem überdimensionalen Overall, der vor einer langen Zeit wohlmöglich mal weiß war, das mutterseelenallein in einer gigantischen Halle voller Holz und Beton steht und andächtig Rohre mit roter Farbe bestreicht, wobei nicht ganz klar ist, ob ihre ausdruckslose Miene auf einen durch das gleichmäßige Streichen ausgelösten meditativen Zustand hindeutet, oder ob sie einfach nur kurz vor dem Einschlafen ist. Was – in Anbetracht der ungewohnten Arbeitszeiten von 06:00 Uhr bis 15:30 Uhr – auch durchaus nicht verwunderlich wäre. Das also war für kurze Zeit mein neues Leben. Ich war mittendrin in einem 10-tägigen Ferienjob in der Heizungsbau-Abteilung der Firma Schwörer Haus in Oberstetten.

Normalerweise werden dort hauptsächlich Fertighäuser produziert, aber für einen Erweiterungsbau auf dem eigenen Gelände brauchte es Rohre – und davon jede Menge. Rohre in blauer und roter Farbe zu streichen klingt nicht spektakulär, ist es auch nicht. Herausforderungen, an denen ich in Ruhe wachsen durfte, gab es freundlicherweise dennoch genug. Angefangen bei der Orientierung, die ich als frischgebackene Geographie-Abiturientin doch eigentlich im Blut haben sollte. Zwar hatte mir mein Chef am ersten Tag den Weg gezeigt, den ich von der Pforte bis zu meinem Arbeitsplatz zurücklegen musste. Diesen auch noch zu finden, wenn diverse Tore einmal ausnahmsweise nicht oder doch offen waren, war aber gar nicht so einfach. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, ich würde wohl für den Rest meines Lebens im Labyrinth dieses Geländes herumirren (womit sich immerhin die quälende Frage nach meiner langfristigen Studien- und Berufsperspektive geklärt hätte, ich wäre bestimmt die erste Gelände-Herumirrerin und würde weltweit berühmt dafür werden), bis mir schließlich irgendwelche freundlichen Mitarbeiter den Weg gezeigt hatten und ich diese spezielle Karriere wieder fürs erste aufs Eis legen hatte können.

Apropos Mitarbeiter – freundlich waren sie wirklich durch die Reihe hinweg. So freundlich, dass sie mich jeden Morgen beim Vorbeilaufen grüßten und in ein kurzes Gespräch verwickelten (meist eingeleitet mit: „Ohje, du solltest die Farbe doch auf die Rohre streichen und nicht ins Gesicht!“) und anschließend lächelnd weiterzogen. Die Schwierigkeit daran war, zu erkennen, mit welchen Mitarbeitern man wann was schon gesprochen hatte, welche man zum ersten Mal sah, und welche man eigentlich schon mit Namen kannte. In nur 10 Tagen sah ich so viele neue Gesichter, dass mein Gehirn wahrscheinlich heute noch mit der Verarbeitung beschäftigt ist. Ebenso wie mit folgendem Phänomen: bis kurz vor 12 Uhr begrüßte mich jeder mit „Guten Morgen!“ oder einem schlichten „Hallo!“, ab 12 Uhr tönte es dann von überall nur noch „Mahlzeit!“. Insbesondere wenn ich zur Mittagspause den Aufenthaltsraum betrat. Deswegen, und weil an mir auch in 8 Jahren Gymnasialzeit wohl so einiges vorbei gegangen war, kam ich nach kurzer Zeit zu dem Schluss, dass „Mahlzeit“ äquivalent zu „Guten Appetit“ stand. Was soll ich sagen, es kostete mich einige irritierte Blicke und schallende Lacher von diversen Mitarbeitern, bis mir dämmerte, dass „Mahlzeit“ einfach das „Hallo“ ab 12 Uhr bedeutete. „Danke gleichfalls“ waren also nicht die hellsten Worte, die ich während der Arbeit so ausgesprochen hatte.

Abgesehen davon, und von der Tatsache, dass mich immer wieder Mitmenschen besorgt fragten, woher denn die blutenden Wunden kämen (Tipp: rote Farbe mit Lösungsmittel geht wirklich sehr schwer ab!), hatte ich eine unglaublich schöne Zeit. Zumindest, nachdem ich mich an die teils wirklich massiven Unterschiede zum Schulalltag gewöhnt hatte. An den körperlichen Anspruch, den das stundenlange Stehen und Gehen forderte, an das Fehlen von Gleichaltrigen und vor allem Freunden, mit denen man die Zeit hätte zum Reden nutzen können, und an ein neues Gefühl, das mich ergriff. Die Arbeit hatte mich dazu gebracht, viel über Grundsätzliches nachzudenken. Was in der Schule mein Ansporn war. Klar, ich wollte möglichst gut mein Abitur schaffen, aber dieser Gedanke wurde frühestens in den letzten Monaten tatsächlich präsent. In all den Jahren zuvor war ich zur Schule gegangen, weil es mir einfach nur Spaß machte, weil mir das Lernen und die Gemeinschaft größtenteils Freude brachte und sich wie ein persönlicher Gewinn an Wissen und Zwischenmenschlichem anfühlte. Und dann wurde mir klar, wie groß der mentale Unterschied zwischen Arbeit und Schule zumindest bei mir ist.

Beim Arbeiten dachte ich: Ich brauche das Geld. Und obwohl ich ein neues Handy brauchte und reisen wollte, hatte ich nie diese grundsätzliche Motivation wie alle Jahre davor, weil mir der Akt an sich, das Streichen der Rohre, nicht das Gefühl gegeben hatte, persönlich voranzukommen. Die Interaktion mit dem Werkstattteam, die Gespräche mit Azubis, die Disziplin um fünf Uhr aufzustehen – klar, all das hat mich persönlich sehr geprägt. Aber eben nicht die reine Arbeit an sich. Deswegen habe ich nach kurzer Zeit angefangen, meine Mitarbeiter zutiefst dafür zu bewundern, wie sie arbeiten. Alles, was sie Tag für Tag anfertigen, wird nahtlos in eine Kette der Produktion eingehen und in irgendeinem Fertighaus seinen Platz finden, das sie niemals mit eigenen Augen sehen werden, dessen Besitzer sie nicht kennenlernen werden. Es ist eine andere Mentalität, auf die ich gestoßen bin, und ich bin sehr froh darüber. Ich bin ehrlich – ich könnte das nicht. Ich will später in einem Beruf arbeiten, in dem ich mich in irgendeiner Form selbst verwirklichen kann, auch wenn sich das utopisch und naiv anhört, und vermutlich genau das auch ist.

Aber die Menschen, die darauf weniger Wert legen, als auf andere Dinge, braucht man auch, und hier in SchwörerHaus und zahllosen anderen Firmen in der Region gibt es sie. Und durch die Reihe weg sind sie freundlich und gesellig, offen und interessiert – und damit wurden einhundert heimlich von mir gehegte Vorurteile still und leise davon gepustet.

Oft stand ich in dieser Halle, in der es auch bei 30 Grad Celsius Außentemperatur kühl und schattig und ein bisschen wie im Herbst war, und dachte: Du verpasst was. Wieso tust du das? Genauso oft wurde mir aber klar, dass die eine WhatsApp-Nachricht, die ich an jene Klassenkameradin verschickt hatte, genau die richtige Entscheidung war. Was hätte ich sonst in diesen zwei Wochen gemacht? Genau, nichts. Ich hätte zu viel Zeit zwischen Wänden verbracht, die ich in und auswendig kenne, die die immer gleichen Gedanken über meine Zukunft hin- und her geworfen und mich ratlos zurückgelassen hätten. Wie dankbar ich diesen Wänden aus Beton und Holz bin, dem Geruch von Sägespäne und Regen und Farbe, den 38 486 426 Rohren und den Worten der Azubis, die einen halben Tisch von mir entfernt saßen und in einer anderen Welt leben.

Jemand hat mal zu mir gesagt: jeder neue Mensch, dem du begegnest ist eine Chance auf neuen Input. Und in meinen Augen ist Input das, was wir nach dem Schulabschluss am meisten brauchen, nur diesmal nicht in Schulstoff, sondern in Sachen Leben. Leben, das wir während des Lernens zwangsläufig eine Weile verpassen mussten.

Das Loch der Tatenlosigkeit habe ich umgangen, den finanziellen Notstand auch, und früher oder später hat sie auch wieder Einzug gehalten, die Zeit, in der ich spät auf bin. In langen Nächten, zwischen Lagerfeuer und lauwarmem Donauradler, träume ich jetzt manchmal davon, noch einmal zurückzugehen, auf das Firmengelände, dessen verwinkelte Wege ich finally auseinanderhalten kann, zu meinen Rohren, mit denen ich am Ende geredet habe als wären es neugewonnene Freunde (nein, man wird natürlich nicht verrückt beim Ferienjob!) und zu meinem Werkstattteam, von dem ich so viel gelernt habe. Und am meisten zu den im Morgengrauen ruhig daliegenden Straßen und Feldern, die noch auf den Tag warten und dabei am allerschönsten sind, ein Anblick, der sich wirklich lohnt, denn wie heißt es so schön: der frühe Vogel fängt den Wurm.

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