Schlachtfeld Abiball (Zweiteiler)

26.03.2018

 

Erster Teil

Wenn ich spät auf bin, tue ich das für gewöhnlich freiwillig. Weil mir meistens erst nachts wieder einfällt, was auf der To-Do-Liste des Tages noch abgehakt werden müsste, weil die besten Chat-Gespräche für gewöhnlich erst nach null Uhr beginnen, oder im schlimmsten Fall auch, um mich unter dem zusätzlichen Ausstoß von Adrenalin im Angesicht der Geschichte-Klausur in weniger als 24 Stunden endlich an den Schreibtisch zu setzen, nachdem ich es den ganzen Tag über erfolgreich geschafft habe, sie zu verdrängen. Was mir eher selten passiert: dass ich regelrecht gezwungen bin, wach zu bleiben und die Kirchturmuhr 200 Meter weiter viertelstündlich schlagen höre. Heute ist so eine Nacht, und ich weiß ganz genau, wem ich sie zu verdanken habe. Der Täter liegt neben mir im Bett und hat 160 Seiten – die ich in den letzten drei Stunden verschlungen habe. Ja, es ist tatsächlich ein Buch, dass mich wachliegen lässt, oder besser gesagt das, was es mit mir gemacht hat. Der Titel lautet „Abifeier“. Was an einen glamourösen Abend voller Glück, an den krönenden Abschluss einer Schulzeit und an Aufregung und Harmonie erinnert, ist in Wirklichkeit eine Achterbahnfahrt für 17,00 Euro. Im Grunde genommen hat der Autor Eric Nil einfach eine Berichterstattung abgelegt: von seinen eigenen traumatischen Erfahrungen mit Abifeiern. Eigentlich könnte alles so schön sein: Tochter Nora steht am Ende ihrer Schulzeit, legt erfolgreich das Abitur ab und freut sich auf die abschließende Abschiedsfeier. Ihr Vater, der Ich-Erzähler der Geschichte, würde gerne das Selbe fühlen – hat aber noch so seine Probleme mit dem bevorstehenden Abend, oder eher mit denjenigen, mit den er ihn verbringen wird. Zum einen ist da sein Sohn Alex. Der hat zwar seit Jahren keinen Kontakt mehr mit dem Vater, wird Nora zuliebe allerdings anwesend sein. Ebenso die Exfreundin des Vaters, die ja immerhin Noras Mutter ist. Neben Stolz für ihre Tochter dürfte sie an diesem Abend allerdings noch etwas anderes empfinden, denn auch die neue Freundin des Vaters, Johanna, ist an diesem Abend stolze Mutter eines Abiturienten. Der wiederum ebenfalls Mutter und Vater dabei haben will, sprich Johanna bringt ihren Ex mit, was für den Ich-Erzähler zur Herausforderung wird… Was Nora sieht: eine Abifeier. Was der Ich-Erzähler sieht: ein emotionales Schlachtfeld! Eric Nil beschreibt akkurat, wie brenzlig, verwirrend und irrsinnig es in Patchwork-Familien zugehen kann, die heutzutage längst keine Seltenheit mehr sind. Zu erfahren, wie der Abend am gemeinsamen Tisch, aka dem Pulverfass ausgeht, ist nahezu Pflicht – und der erste Grund, wieso ich so spät auf bin. Weit über die Geschichte von Noras Familie hinaus hat mich Nils Roman aber veranlasst, über meine eigene Abi-Schwierigkeiten nachzudenken. Und damit meine ich nicht, dass ich noch einmal üben muss, eine geographische Profilskizze zu zeichnen oder dass ich an der Ableitung von Exponentialfunktionen regelmäßig scheitere. „Das Abitur wird total stressig!“, haben alle immer gesagt, aber dass die eigentliche Prüfungsvorbereitung dabei nur ein Teil von vielen sein wird, hätten sie auch mal früher erwähnen können. Eigentlich fängt es schon in der elften Klasse an, wenn abgesehen von den ohnehin überbewerteten Leistungskursen auch die Abitur-Komitees gewählt und gegründet werden. An unserer Schule gibt es sechs davon: eine Gruppe kümmert sich um die Erstellung und Produktion des Abibuches, eine andere um die mehr oder weniger regelmäßigen Disco- Ausfahrten ins allseits beliebe TOP10 in Balingen. Die dritte Gruppe beschäftigt sich auch mit Party – unseren eigenen Stufenfesten nämlich. Gruppe Nummer Vier ist für die Erstellung des Abimottos und die Bestellung des Abi-Pullis verantwortlich und das fünfte Komitee organisiert die öffentliche Abiparty nach den schriftlichen Prüfungen. Das sechste und letzte Komitee befasst sich mit jener manchmal verhängnisvollen Abifeier im Rahmen der Zeugnisübergabe. Hier fängt der Stress schon an: …

Zweiter Teil

Wie war das doch gleich? Bei der Wahl der Komitees fängt der Stress schon an… sollte man lieber – wie gefühlt die halbe Stufe – ganz strategisch das wählen, wofür auf die Sekunde genau gerechnet am wenigsten Zeitaufwand droht? Oder schenkt man den restlichen Mitgliedern eines Komitees wenig Vertrauen und tritt ihm bei, um die jeweilige Aufgabe würdig und verlässlich zu erledigen? Zu diesem Zeitpunkt scheint das Abi noch meilenweit weg – trotzdem befasst man sich kurz sehr intensiv damit, bevor schließlich alle Entscheidungen gefallen sind und man sich wieder vorkommt, als würde die Schulzeit noch mindestens fünf Jahre dauern. Und dann ist es auf einmal da, das Abi, und während alle Außenstehenden mitleidig denken, dass das Lernen auf die Prüfungen das Schlimmste wäre und Schokolade zur mentalen Unterstützung vorbei bringen, wird einem jeden Abiturient klar, dass das Dilemma weitaus größer ist. Erstens, weil die Zeit des Abiturs auch den Sturz in einen finanziellen Ruin bedeuten kann. Abipulli, Abi T-shirt, Abihütte, Abireise, Beitrag für die Abiparty und den Abiball – würde man das zusammenrechnen, ich will gar nicht wissen wie viel Schokolade ich mir davon kaufen könnte. Oder Spotify-Gutscheine. Oder...hören wir auf, darüber nachzudenken. Es geht ohnehin genauso weiter. Neben Geld muss nämlich auch jede Menge Zeit geopfert werden. Zum einen für die Arbeit der bereits erwähnten Komitees, aber auch zum Beispiel für die Charakterisierungen eines jeden Schülers, die am Ende das Abibuch füllen sollen. Wir in unserem Freundeskreis sind 10 Mädchen, die untereinander jeweils mehr oder weniger eng befreundet sind. Wenn die einzelnen Charakterisierungen geschrieben werden, darf die betreffend Person nicht dabei sein, die engsten Freundinnen dagegen unbedingt. Jetzt stellt euch mal vor, wie lange es dauert, bis überhaupt ein geeigneter Termin gefunden ist. Sagen wir so – eine fünfzehnminütige Schulpause voller Diskussion auf jeden Fall. Kommt dann die unvollständige Gruppe zusammen, kann das Textschreiben nach einer einstündigen Verzögerung aufgrund des notwendigen Newsflashs über die Gerüchte und Fakten der Schule auch gleich starten. Mehr als ein Text pro Abend schaffen wir selten – es ist also Stress pur. An diesen Abenden holt übrigens auch immer eine aus dem Kreise ihr Handy raus und sagt: „Wollt ihr euch mal meinen momentanen Favorit als Abiball-Kleid ansehen?“ Und schon ist der nächste Stressfaktor im Raum. Bei mir besteht jener vor allem darin, dass mein absolutes Traumkleid gerade ausverkauft ist. Zalando erhält daher pro Tag etwa fünf Emails mit Größenanfragen von mir und hat mich sicher schon in den Kreis der treuen Stammkunden aufgenommen. Wenn das so weitergeht, muss ich wohl doch noch durch die Städte ziehen um ein annähernd schönes Kleid zu finden – was in Anbetracht meiner Anspannung definitiv auch einem Krimi gleichen könnte. Egal welches Kleid ich letztendlich tragen werde, der Abiball an sich wird vermutlich ebenso dramatisch wie es in Eric Nils Roman der Fall ist. Ich habe zwar keine Patchwork-Familie und bei mir werden ganz klassisch Mama, Papa, Schwester 1 und Schwester 2 anreisen, aber Herausforderungen gibt es auch so schon genug. Werde ich mit hohen Stufen die Treppe hochkommen, wenn die Aufmerksamkeit des ganzen Saals auf mich gerichtet ist, weil auf der Bühne der Rektor mit dem Abiturzeugnis wartet? Wo ich dann vermutlich krampfhaft dagegen ankämpfen muss, völlig sentimental und hysterisch in Tränen auszubrechen? Fakt ist also, Abitur ist viel mehr als nur Prüfungen schreiben und Präsentationen halten. Weder für die Schüler noch für die Angehörigen, wie Eric Nil in seinem Roman eindrücklich beschrieben hat. Nachdem ich all diese kleinen und großen Probleme jetzt ausführlich erörtert habe, wäre es ganz schön, endlich einschlafen zu können. Der Stress geht früh genug weiter – spätestens bei Klingeln der Schulglocke in nun mehr acht Stunden. In diesem Sinne wünsche ich eine gute Nacht, und dass für keinen da draußen die nächste Abifeier in einem blutigen Massaker enden muss.

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