Schwarz ist bunt genug - Fraukes schwarz eingefärbte Wahlfamilie

05.04.2019

Die Tatsache, dass sich die Erde um die Sonne dreht, und daher stets irgendwo auf der Welt Tag ist, ist schön und gut. Dass – egal zu welcher Uhrzeit – immer jemand wach ist, fällt dagegen manchmal schwer zu glauben. Spät auf, ganz alleine im dunklen Zimmer. Manchmal braucht es die Gewissheit, dass da noch mal jemand ist, der dasselbe denkt: „Wann ist diese Nacht endlich vorbei?“ Oder aber: „Könnte der Moment doch nur für immer bleiben?“

Die Identifikation mit anderen, die die eigenen Interessen, Gedanken, Nöten und Freuden teilen, gehört zu den sozialen Grundbedürfnissen des Menschen. Solche Menschen können Freunde sein – oder gar eine ganze Szene, die ihre Mitglieder über Ländergrenzen und tausende von Kilometern hinweg verbindet. Eine Szene setzt sich zusammen aus Menschen, die dasselbe Interesse teilen, etwa in Bezug auf Kunst, Musik und oder die Lebenseinstellung. Gleichzeitig wird in einer Szene keine Gleichrangigkeit vorausgesetzt, jeder Anhänger geht seinen eigenen Weg, bleibt aber Teil der Szene, so lange er sich damit identifizieren kann. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen einzelnen Szenen häufig verschwimmen, da immer wieder Parallelen erkannt werden.

„Darüber kann man ganze Bücher schreiben.“ sagt Frauke. „Das sprengt hier definitiv den Rahmen.“ Sie muss es wissen. Frauke weiß genau, was eine Szene ist und wie es sich anfühlt, in ihr zu leben, denn: sie ist Gothic. Oder: sie gehört der sogenannten Schwarzen Szene an. Ob hinter Gothic und der Schwarzen Szene zu hundert Prozent dieselbe Bedeutung steckt, ist schwer umstritten. Viel mehr als um die Begriffsfeinheiten geht es Frauke aber um das, was sie tut, für die Szene, mit der Szene, für sie selbst. In Tuttlingen aufgewachsen, arbeitete Frauke zunächst in Stockach. Auch an Messkirch und Mengen denkt sie gerne zurück – an wilde Partys. Seit 2010 lebt Frauke in Hamburg, die Freude an der Schwarzen Szene ist in den Umzugskartons mitgereist.

Doch was ist schlussendlich unter diesem Begriff zu verstehen? Die Schwarze Szene hat ihre Anfänge in den späten 1980er Jahren, als aus der musikalischen Spielart „Dark Wave“, die für ihre traurigen, schwermütigen Kompositionen bekannt war, und aus der „Independent“- Filmbewegung abseits der aktuellen Trends und Gepflogenheiten eine neue Formierung entstand: die Schwarze Szene. Zunächst als Jugendkultur verbreitet, fanden sich immer mehr Gleichgesinnte aus allen Altersklassen, sodass nach und nach eine ganze Szene zu wachsen begonnen hat – bis heute.

Die Farbe schwarz spielt dabei eine tragende Rolle, ist aber nicht das alleinige Erkennungsmerkmal der Szene, denn ihre Mitglieder definieren sich auch über eine bestimmte Musik, Kultur und Philosophie. Ein Außenstehender mag noch nach dem Sinn suchen, den Titel „Schwarze Szene“ betreffend. Mit der Farbe Schwarz assoziiert die Gesellschaft meist Trauer, Hoffnungslosigkeit, Dunkelheit. Mit diesen Themen befasst sich die Schwarze Szene, allerdings nicht mit Unbehagen und Niedergeschlagenheit, sondern auf eine bestimmte Art und Weise fasziniert.

Auf viele mag das befremdlich wirken, das weiß auch Frauke, die beispielsweise von ihrer Arbeitskollegin darauf angesprochen wurde.  „Ich habe dann versucht, das Phänomen zu erklären: Dass die Szene nämlich keinesfalls böse, düster, gefährlich und befremdlich ist, sondern im Gegenteil dazu lustig, freundlich, entspannt und kreativ.“  Diesen freundlichen, entspannten Menschen sieht sich Frauke definitiv zugehörig. Doch diese Identifikation ist keine Selbstverständlichkeit, auch bei ihr kam sie auf Umwegen.

Bereits mit 12 Jahren greift sie mit Vorliebe zu schwarzen Klamotten, zunächst ohne dass es dafür einen konkreten Grund gegeben hätte. „Mit circa 14 Jahren habe ich mich dem Punk und Grunge zugewandt.“ erinnert sie sich. „Aber die Punkszene war mir eigentlich immer ein bisschen zu stressig und zu aggressiv.“ So dauert es nicht mehr lange, bis sie schließlich bei der Schwarzen Szene ankommt, wo sie sich tatsächlich von Beginn an „angekommen“ gefühlt habe.

In der Szene tut Frauke die Dinge, die sie faszinieren. „Privat bin ich ,normaler´ und natürlich auch zweckmäßiger unterwegs,“ meint sie. Umso mehr genießt sie es, in der Schwarzen Szene in Korsetts, Reifröcke und Lackschuhe zu schlüpfen, ein extravagantes Make-Up und aufwändigen Kopfschmuck zu tragen. Damit ist sie in ihrem Element – Kreativität sei ihr immer wichtig gewesen. So stammen auch zahlreiche ihrer Outfits aus der heimischen Nähwerkstatt. „Mode im klassischen Sinn - also Modeschauen, Modezeitschriften - hat für mich überhaupt keine Bedeutung. Mir ist Individualität sehr wichtig, deshalb entwerfe und fertige ich meine Outfits zum Teil selbst. Ich finde es schön, dass in der Szene viele Dinge möglich sind, die im Alltag einfach nicht gehen.“

Genau aus diesem Grund besitzt Frauke auch zwei Kleiderschränke: während der eine ihre gesammelten und selbstgenähten Schätze für die Schwarze Szene beinhaltet, ist der andere mit bequemeren Alltagsklamotten gefüllt. Zwar dominieren in beiden Schränken die dunklen Farben, aber Frauke trägt nicht nur Schwarz, sondern auch gerne dunkelrot, lila, pink, Petrol oder Jeans. Selbst weiß ist ab und zu dabei.

Unter ihren Freunden ist sie kein Vogel – weder ein bunter, noch ein schwarzer. „Fast mein gesamter Freundeskreis bewegt sich in der Szene oder hat zumindest Berührungspunkte damit.“ erklärt sie. Folglich sind die auffallenden Outfits hier nichts Neues. Anders sieht es aus, wenn Frauke mit diesen Klamotten in der Öffentlichkeit unterwegs ist – hier wird sie oft bewundernd angesprochen.

Wie viele Menschen der Schwarzen Szene angehören, ist schwer einzuschätzen. Dass sie viele sind, und das sie „mehr sind als nur schwarz“, beweisen sie aber jedes Jahr aufs Neue. Auf dem „Wave-Gotik-Treffen“, kurz WGT, treffen sich jedes Jahr um Pfingsten etwa 20.500 Menschen in Leipzig. Seit dem Jahr 1992 wird hier die Kultur und die Musik der Schwarzen Szene gefeiert. Auch Frauke ist schon Teil dieses großen Ereignisses, und das seit 18 Jahren. Eine perfekte Gelegenheit, um neue Inspirationen zu erlangen. "Ich experimentiere mehr und bin stilistisch nicht mehr so sehr festgelegt wie zu Teeniezeiten, sondern schaue auch gerne mal über den Tellerrand“ meint sie, und fügt zwinkernd hinzu: „So langsam macht sich aber tatsächlich auch das Alter bemerkbar - die Outfits werden zum Teil ,gemütlicher´, und es muss nicht immer das Korsett und der 15-cm-Pfennigabsatz sein.“ Es ist also in der Schwarzen Szene definitiv möglich und üblich, sich in bestimmten Punkten abzugrenzen und zu unterscheiden. Die Schwarze Szene habe durchaus ihre Modeerscheinungen, so Frauke, aber selbst die seien ihr herzlich egal.

Trotzdem würde sie sich immer wieder für die Schwarze Szene entscheiden, eine große, friedliche Gemeinschaft, in der ein jeder seinen eigenen Vorstellungen und Ideen nachgehen kann, ohne dass es dabei zu Konflikten kommt – und schon gar nicht zu Eintönigkeit. Vielleicht ist es das, was Frauke meint, wenn sie sagt: „Hier geht es nicht darum, möglichst düster zu sein. Im Gegenteil: Jeder ist auf seine ganz eigene Art sehr bunt.“

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Nachteule-Tabitha

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