Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Chucks - Der Schuh, der nichts sagt

31.05.2019

Je später man auf ist, desto verrückter werden die Träume – und desto realer erscheinen sie uns. Sprechende Schuhe, eine Galerie mit allen jemals getragenen Schuhen unserer Vergangenheit – und eine Zeit, in der Sportarten wie Basketball noch ganz an ihrem Anfang standen. In dieser Zeit ist auch er spät auf: Marquis M. Converse. Ein Mann aus Malden, Massachusett, der womöglich mit denselben Schlafstörungen zu kämpfen hat wie viele weitere großen Erfinder dieser Welt.

Seine Firma, die Converse Rubber Shoe Company, produziert seit ihrer Gründung im Jahr 1908 bereits erfolgreich Winterschuhe und Schuhe aus Segeltüchern. Aber jetzt, im Jahr 1917, hat Converse den Eindruck, es wäre an der Zeit, noch etwas Neues zu erschaffen. Etwas, das mit der Zeit geht, sich ihrer Schnelllebigkeit anpasst und die Menschen da draußen abholt, in ihren Bedürfnissen und Interessen. Vielleicht muss es ein Trend sein und vielleicht ist dieser Trend ja Basketball – eine Sportart, die nach ihrer Entstehung 1891 noch immer in ihren Kinderschuhen steckt – ausgerechnet. Converse hatte immer schon Mitleid – mit den körperlichen Strapazen, die die Sportart mit sich bringt. Er bewundert die Schmerzgrenze der Sportler, und er denkt darüber nach, wie man ihnen entgegenkommen könnte. Schuhe sind naheliegend – damit verdient er sein Geld. Und sie müssten so konstruiert sein, dass sie den Sportler an den verletzlichsten Stellen des Fußes schützen...

Marquis M. Converse ist noch lange auf in dieser Nacht. Man könnte meinen, er übertreibt es sogar damit, aber schlaflose Nächte wie diese relativieren sich, wenn sie zu etwas führen, das wohl möglich immer währt...

„Meine ersten Chucks hatte ich mit ungefähr 14 Jahren“, sagt Bernhard Kräußlich mit einem breiten Grinsen. „In der Zeit eben, in der man sich über so etwas zum ersten Mal Gedanken gemacht hat.“ Weiße und schwarze Modelle sind damals am erschwinglichsten – und damit auch von außerordentlicher Popularität. „Vielleicht war es am Anfang ein Trend“, meint Kräußlich, wenn er an die erste Begegnung denkt, die er und seine Freunde mit den Converse Allstars hatten. Weil die finanziellen Möglichkeiten im Leben eines Schülers bekanntermaßen eher begrenzt sind, sind die Chucks eine Art Heiligtum, eine besondere Errungenschaft. Viel weiter eigentlich: sie dienen auch dazu, neue Errungenschaften zu machen. „Wenn dann beispielsweise ein Mädel die weißen Kappen vorne auf den Schuhen signiert hat – dann war das auf einmal etwas ganz Besonderes.“

Geschichten wie diese sind Bernhard Kräußlich außerordentlich präsent. Dienstlich mag er der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Landkreis Sigmaringen sein, privat ist er aber vor allem eines: ein Chucks-Liebhaber. Seine Freunde bestätigen das, ein kurzer Blick auf sein Schuhwerk und in den heimischen Schuhschrank auch. Seine Modelle sind klassisch schwarz, oder aber mit kleinen Details wie einem Aufdruck der Flagge der USA versehen. Er variiert – wenn er sich nach etwa 5 Jahren Tragezeit neu eindeckt. „Ich brauche immer zwei Paar Converse -Schuhe.“ erläutert Kräußlich. „Man stelle sich vor, ein Paar würde kurzfristig kaputt gehen!“ Dann wäre es erst einmal ganz schön schwierig, eine Alternative zu finden. Chucks, so findet er, gehen nämlich nahezu immer.

Das hat Marquis M. Converse ausgelöst, mit einem Schuhmodell, das ursprünglich nur für Basketballspieler gedacht ist. Der Schuh geht bis über die Knöchel, schwarzer Stoff, weiße Schnürbänder, weiße Sohle. Dem US-amerikanischen Basketballspieler Charles Hollis Taylor, besser bekannt als Chuck Taylor, gefallen diese Schuhe. Wenn jetzt nur noch die für Stöße nur allzu anfälligen Knöchel nicht mehr so leiden müssten! Aber Taylors Innovationstalent ist beträchtlich. Er setzt sich mit der Firma Converse in Verbindung, mit dem Vorschlag, die Schuhe an den Knöchelstellen zu stärken. So entsteht das kreisrunde, für Chucks typische Stern-Logo – versehen mit der Unterschrift von Chuck Taylor.

Chucks – nun erscheint auch logisch, woher die Converse Sneaker ihren griffigen Spitznamen haben. Und was macht sie nun zum immer passenden Schuh erster Wahl? „Dass sie kein Statement abgeben“, antwortet Kräußlich mit völliger Überzeugung. „Chucks sind unscheinbar, sie passen sich dem an, was du sonst noch trägst und unterstützen dessen Botschaft.“ Sneakers, die für eine Runde durch die Fußgängerzone oder ein Grillabend genauso geeignet sind wie für ein festliches Ereignis oder eine durchgetanzte Nacht – wenn man genau darüber nachdenkt, stimmt das. In diesen Fällen wird nur noch zwischen den Klamotten variiert, und die geben dann an, zu welchem Anlass es gehen soll. Anders ist das etwa bei Pumps – die schreien praktisch nur so nach Disco-Besuch.

Dann gibt es da noch Trendschuhe, die in Mode kommen und genauso auch wieder von der Bildfläche verschwinden. Meist werden diese Trends von einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppierung initiiert – etwa von Surfern oder Rockstars. Menschen gehen mit derartigen Trends mit, weil sie sich mit dieser bestimmten Gruppe identifizieren können, ihren Lebensstil annehmen oder sie imitieren wollen. Ein interessantes, nachvollziehbares Phänomen, das aber eben meist lediglich temporär ist.

Chucks dagegen können längst nicht mehr einer bestimmten Gesellschaftsgruppe oder einem Typ Mensch zugeordnet werden. Basketballspieler tragen Chucks genauso wie Frisöse, Sänger, Regisseure, Manager, Bankangestellte, Schüler und Kindergartenkinder. Kurt Cobain hat sich in Chucks erschossen, Kristen Stewart trägt sie auf ihren Preisverleihungen. Sie sind zeitlos und allgegenwärtig, erlauben es uns, uns auszudrücken, ohne dabei von den Schuhen gestört zu werden.

„Chucks sind das Gegenteil von anderen Schuhen, sie wollen nicht gesehen werden. Sie sagen nichts.“ Ist es also, als ob man gar keine Schuhe anhätte? Nun ja, in jedem Fall bequemer. Bernhard Kräußlich zumindest kann problemlos mit Chucks herumlaufen, ohne nach einem Tag an Blasen oder Druckstellen zu leiden. „Natürlich habe ich auch Wanderschuhe, festlichere Schuhe für die Arbeit und Vans zur Abwechslung.“ meint er. „Aber wenn nichts dagegenspricht, habe ich auf jeden Fall Chucks an.“

Vielleicht liegt das auch an dem entscheidenden Vorteil, den Chucks gegenüber anderen Schuhen besitzt: sie altern nicht. Oder zumindest in einem Tempo, das mit anderen Schuhen gar nicht vergleichbar ist. „Chucks sind doch erst Chucks, wenn sie anfangen, Gebrauchsspuren aufzuweisen“, findet Kräußlich. Dunkel- statt blütenweißer Stoff. Graue Striemen auf der ehemals weißen Gummikappe, und vereinzelte Stofffetzen an den Rändern. Eigenschaften wie diese wären bei anderen Schuhen störend – bei diesen sind sie vollkommen normal, oder vielmehr: obligatorisch.

„Wenn ich daran zurückdenke: neue Chucks zu kaufen und diese noch blitzsauber vor sich zu haben. Die mussten anschließend erst einmal eine Runde durch den Dreck gezogen werden, auch wenn das hart war.“ Denn Bernhard Kräußlich ist sich sicher: „Die wollen used aussehen. Die brauchen das!“ Und deswegen weisen Chucks zumindest bei ihm auch eine beträchtliche Lebensdauer von etwa fünf Jahren auf. Spätestens eine sich lösende Sohle ist dann auch für ihn ein Anlass, sich ein neues Paar Chucks zu besorgen. Was nicht immer so war: „Als wir mit ungefähr 25 Jahren einmal auf Urlaub waren, hat sich bei einem Freund von mir die Sohle gelöst. Die wurde dann kurzerhand mit Klebeband wieder festgemacht, und so hatte er den restlichen Urlaub keine Probleme mehr!“ Über eine derartige Behandlung beschweren sich Chucks grundsätzlich nicht. Die von Bernhard Kräußlich erst recht nicht – durch Badegänge im Meer und völlige Putzfreiheit sind sie abgehärtet. Seine Frau bevorzugt zwar gelegentliche Putzgänge, teilt seine grundsätzliche Überzeugung für Chucks aber mittlerweile. Bei gemeinsamen Unternehmungen greifen beide oft automatisch, und ohne lange nachzudenken, zu den gleichen Schuhen, die sich nur in ihrer Farbe und in der Art von Stoff unterscheiden. Wer weiß, vielleicht ist diese Tatsache sogar auf das Geschenk zurückzuführen, das Bernhard Kräußlich seiner Frau zu Beginn ihrer Beziehung gemacht hat? Es waren – wer hätte es gedacht – Chucks!

Heute gibt es sie in allen Farben und Formen. Im Internet lassen sich Modelle individuell zusammenstellen und entwickeln. Davon kann Bernhard Kräußlich nur träumen, als er sich im Alter von 17 Jahren das günstige weiße Modell kauft. Er beschließt kurzerhand, es einzufärben. Das Ergebnis ist ein zartes orange – zu diesem Zeitpunkt vermutlich ein absolutes Unikat! Mit Aktionen wie diesen lassen sich vermutlich dann doch Statements setzen, weil es eben nicht das klassische, zeitlose Modell ist. In diesem Fall eine bewusste Entscheidung, die getroffen werden kann, aber keineswegs muss.

Keine Wahl hat dagegen der kleine Sohn von Bernhard Kräußlich. Er erfährt eine frühkindliche Prägung der besonderen Art. Seine ersten Chucks, wird er später einmal stolz behaupten können, sind gestrickte Converse Allstars in klassischem Schwarz. Mit etwa einem Jahr ist er dann umgestiegen, zu stylischen weißen halbhohen Chucks. So wird das vermutlich weitergehen, bis er das Erwachsenenalter erreicht hat. Schuhe machen Leute, und Chucks vor allem eins: flexibel.

Bernhard Kräußlich will mit seinen Schuhen nicht viel ausdrücken, zumindest nicht bewusst. Die Chucks sind zu seinem Markenzeichen geworden. „Wenn ich heute noch alle meine Chucks hätte, würde ich eine Galerie damit eröffnen“, lacht Kräußlich. „Der Abschied von einem Paar Chucks ist jedes Mal schmerzhaft.“ Wie in vielen Fällen ist aber auch dieser Abschied immer mit einem Neubeginn verbunden. Bei seinen Reisen in den USA beispielsweise hat es sich Kräußlich schon fast zur Tradition gemacht, ein neues Paar Chucks zu kaufen und das alte direkt, kurz und schmerzlos vor Ort zu entsorgen. „Nächstes Jahr“ sagt er mit einem breiten Lächeln im Gesicht, „ist es wahrscheinlich wieder so weit.“ Dann wird er vielleicht wieder in Amerika sein, in den Staaten, in denen einst ein gewisser Marquis M. Converse residierte, und einfach nur eine schlaflose Nacht hatte und über Basketball nachdachte, und über alles andere, das uns spät auf sonst noch träumen lässt.

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