Zweite Heimat in Sigmaringen: Abdul und Muze und ihr Leben im Haus Nazareth

19.04.2019

Heimat. Es ist dieses Urgefühl, das jeder einzelne von uns in sich trägt, und ob er es will oder nicht, das Gefühl steuert uns immer wieder in eine bestimmte Richtung. Selbst spät auf, wenn die Dunkelheit bestimmte Wege und Anhaltspunkte in sich verschluckt, wissen wir immer noch um unsere Heimat, ihre Gerüche und Geräusche, und vor allem um ihren Wert. "Heimat ist kein geographischer Begriff. Man trägt sie in sich selbst", sagte einmal Andrej Sinjawski

Aber was passiert, wenn uns unsere Heimat das, was sie eigentlich so kostbar macht, nicht mehr geben kann? Sicherheit, Versorgung, die Möglichkeit, uns zu entfalten? Wenn wir uns vor dem Tod durch Angriffe und willkürliche Gewalt genauso fürchten müssen, wie vor der Zukunft, die in Ermangelung eines ausreichenden Lebensmittelbestandes, einer funktionierenden Versicherung und politischer Stabilität alles andere als gewiss ist? Wenn wir diese Heimat von einem Tag auf den anderen verlassen müssen, und das nicht für eine kurze Reise, sondern für unbestimmte Zeit? Kaum einer von uns kann sich das vorstellen.

Unsere Heimat ist immer noch der behütete, ruhige Ort, der einst in Ländern wie Äthiopien, Eritrea oder Syrien für unzählige Menschen Raum zum Leben bat. Heute ist das anders. Seit dem Jahr 2014 ist die Migrationsbewegung vor allem aus afrikanischen und arabischen beziehungsweise vorderasiatischen Ländern Richtung Europa extrem angestiegen. Für die Menschen, die – meist überstürzt und aus der Not einer akuten Lebensgefahr hinaus – von zuhause aufbrechen, beginnen die Probleme auf dem Fluchtweg und hören frühestens dann auf, wenn sie in ihrem Zielland angelangt sind. Besonders gefährdet und hilfsbedürftig sind dabei Flüchtlinge, die noch nicht einmal das 18. Lebensjahr erreicht haben und unbegleitet, also ohne ältere Mitglieder ihrer Familie, unterwegs sind.

So wie Muze und Abdul. Als ich sie treffe, muss ich mich zunächst anstrengen, die beiden auseinander halten zu können. Sie tragen beide ein rotes T-Shirt, dazu Jeans und begrüßen mich mit einem freundlichen Lächeln. Abdul ist achtzehn Jahre alt, so wie ich, Muze ein Jahr älter, neunzehn Jahre. Wir setzen uns an den runden Tisch ihrer Küche, wo wir uns in Ruhe unterhalten können. Es ist auf den ersten Blick einfach ein lockeres Gespräch, bei dem viel gelacht wird, aber von der ersten Sekunde an habe ich das Gefühl, dass es mehr ist als das. Obwohl wir fast gleich alt sind, haben Muze und Abdul in ihrem Leben bereits mehr erlebt und durchgemacht, als ich es mir jemals vorstellen könnte, auch wenn ich es versuchen will. Aus meinem Heimatort bin ich siebzehn Minuten hier her nach Sigmaringen gefahren, während hinter den beiden Jungs eine Reise liegt, die sie Tage kostete – und sehr viel mehr Kraft als man vielleicht zunächst vermuten würde.

Anfang 2016 lebten beide noch in Äthiopien, einem Staat im Nordosten Afrikas, der in gewisser Weise zweigeteilt ist. Auf der einen Seite die wachsende Wirtschaftskraft, auf der anderen Seite eine Bevölkerung, die unter Armut in Verbindung mit aus den klimatischen Verhältnissen resultierenden Nahrungsmittelknappheiten, Arbeitslosigkeit und teils gravierenden sozialen Unterschieden leidet. Immer wieder kommt es dort auch zu Unterdrückung und willkürlichen Verhaftungen und Morden, beispielsweise an Oppositionellen durch die herrschende Regierung. Die Stadt, in der Abdul und Muze leben ist groß, größer als Sigmaringen zumindest. Zu diesem Zeitpunkt kennen sie sich noch nicht, aber beide fassen einen Entschluss: im Juli 2016 flüchten die beiden aus ihrer instabilen, unsicheren Heimat.

Auf einen langen Landweg folgt eine Schiffsüberfahrt bis nach Italien, wo sie sich das erste Mal begegnen. Irgendwie geht es weiter nach Deutschland. Weil Muze und Abdul minderjährig sind, ist automatisch das Jugendamt für die Weitervermittlung an ein Kinder- und Jugendheim zuständig – im Fall von Abdul und Muze an das erzbischöfliche Kinderheim Haus Nazareth in Sigmaringen. Hier wurden als Reaktion auf die Flüchtlingskrise und die steigenden Zahlen von Asylbewerbern in Deutschland gleich zwei neue Wohngruppen eröffnet, die sich „Jugendwohngruppe International“ (kurz JWG) nennen und in JWG 1 und JWG 2 aufteilen.

Seit 2016 leben Abdul und Muze hier. Zum Zeitpunkt meines Besuchs teilen sie sich die Wohngruppe noch mit zwei weiteren Geflüchteten, ein Zimmer hat hier aber jeder für sich alleine. In dem geräumigen Aufenthaltsraum, in dem wir sitzen, gibt es alles, was man braucht: ein großes, bequemes Sofa, ein Fernseher, ein Esstisch, an dem die Bewohner regelmäßig zusammenkommen und eine Küchenzeile. Denn gekocht wird hier von Bewohnern selbst – jeden Tag und äußerst abwechslungsreich. Heute gibt es typisch Schwäbisch Spätzle, und weil ich da bin, warten Abdul und Muze sogar noch, anstatt anzufangen zu essen. Einen großen Unterschied zu den Mahlzeiten zuhause in Äthiopien erkennen die Jungs in Deutschland nicht. Reis, Nudeln, und selbst die eigentlich so typisch schwäbischen Linsen – Zutaten, die auch Muzes Mutter stets für ihn und seine Geschwister verwendet hat. Anders sind aber beispielsweise die Gewürze und Soßen. Und, so eine der JWG-Betreuerinnen, die Zubereitung der Zutaten unterscheidet sich. Fleisch etwa wird in Äthiopien teilweise im Backofen gebacken.

Größer war der „Kulturschock“ unter anderem beim Wetter. Durch seine Lage in den Tropen herrschen in Äthiopien geringere Temperaturunterschiede. Das Jahr wird unterteilt in eine Regen- und eine Trockenzeit, die Durchschnittstemperatur eines Ortes hängt von dessen Höhenlage ab. Die Tage sind kurz - besonders im Winter, wenn die Sonne spätestens um 18:00 Uhr untergeht. Aber obwohl Äthiopien durch seine Gebirgslage generell niedrigere Temperaturen aufweist als seine Nachbarländer – Schnee haben Muze und Abdul nie gesehen, bis sie an jenem 4. Juli in Sigmaringen angekommen sind. „Schnee ist kalt“, stellen sie lachend fest. „Das wussten wir in unserer Heimat nicht.“

Generell ist die Heimat und der Gedanke daran noch immer präsent. Gleichzeitig gestaltet sich die Kontaktaufnahme mitunter schwierig. Abdul und Muze halten dennoch regelmäßig Kontakt mit ihren Familien. Für mich, die ich in einigen Wochen zum ersten Mal wegen einer Reise für einen Monat mein Zuhause verlasse, ist das unvorstellbar, dass die Heimat für diese Jungen seit zwei Jahren nur noch über eine Telefonverbindung stattfindet. Aber als ich sie frage, ob sie denn gerne nach Hause zurückkehren wollen, schütteln sie die Köpfe. Nein, sie wollen hierbleiben. „Wegen uns!“ lachen ihre Betreuerinnen. „Oder? Ist doch so!“

Für ihren Wunsch, hier ein neues Leben zu beginnen wahrzumachen, gehen Abdul und Muze jeden Tag zur Schule, in die internationale Klasse der Bertha-Benz-Schule. Ein erfolgreicher Hauptschulabschluss ist die Grundvoraussetzung, um irgendwann eine Ausbildung beginnen zu können. Dafür müssen Abdul und Muze in ihrer Klasse erst einmal gemeinsam mit anderen Geflüchteten und aus anderen Gründen hergezogenen Ausländern die deutsche Sprache erlernen – und vielleicht auch schon ein bisschen Schwäbisch. Wobei das Hochdeutsche für das Erste schwierig genug ist, darin sind sich die beiden einig. „Für ein Wort gibt es so viele verschiedene Bedeutungen.“ erklären sie. „Das kennen wir von unserer Sprache nicht.“ Auch die Grammatik mit ihren zahllosen verzwickten Ausnahmefällen fordert den Jungs einiges ab. Aber in nur zwei Jahren hat sich ihr Deutsch enorm verbessert, und Abdul präsentiert stolz seine ersten Schwäbisch-Kenntnisse: „Komm mol gschwend.“

Neben der Sprache müssen sich die beiden Jungs auch noch an ganz andere Dinge gewöhnen, die Deutschland so an sich hat: Regeln, zum Beispiel. Im Vergleich zu ihrer Herkunft herrscht hier eine Fülle von Regeln, sei es Vorschriften wie die Schulpflicht, aber auch der mit schier unendlich vielen verschiedenen Straßenschildern geregelte Verkehr. Abdul und Muze empfinden das Vorhandensein von Regelungen und Gesetzen als positiv, aus einem bestimmten Grund: während es in Äthiopien immer wieder zu Gewalt auf offener Straße kommt, ohne dass die Täter in irgendeiner Form bestraft werden, kann man sich hier in aller Regel sicher und gefahrenlos bewegen.

Zum Beispiel auf dem Weg vom Haus Nazareth zum örtlichen Fußballverein. Muze spielt hier gemeinsam mit Sigmaringer Jungs Fußball und hat dabei schon Anschluss gefunden. Für ihn eine neue, angenehme Erfahrung. Vereine, da sind sich auch die Betreuerinnen einig, sind hierzulande eine gute Möglichkeit, Kontakt mit Einheimischen aufzunehmen und sich zu integrieren. Und die neuen Freunde können eventuell auch dabei helfen, kulturelle Bräuche der neuen Heimat besser zu verstehen.

Allem voran die närrische Zeit im Januar und Februar, die Muze und Abdul bisher eher mit Verwirrung beziehungsweise Ungläubigkeit verfolgt haben. Aber ehrlich gesagt: vielen, die schon ihr ganzes Leben hier verbracht haben, geht es vermutlich ähnlich, wenn Jahr für Jahr wieder die Narren die Straßen erobern. „Wer weiß“, meinen die Betreuerinnen mit einem Grinsen in Richtung Abdul und Muze, „im nächsten Jahr seid ihr vielleicht schon mitten drin?“
Auch wenn sie sich das vielleicht bisher weniger vorstellen können, einige deutsche beziehungsweise christliche Traditionen haben die beiden im Laufe ihrer Zeit in Haus Nazareth schon miterlebt. Weihnachten, beispielsweise wird auch hier gefeiert – mit Tannenbaum und allem, was dazu gehört. Gleichzeitig können Abdul und Muze ihre eigene Religion, den Islam, auch in der neuen Heimat weiterleben. Nicht weit entfernt in Sigmaringen befindet sich die Merkez Camii-Moschee, in der die beiden bereits beten waren. Auch den islamischen Fastenmonat Ramadan haben sie diszipliniert durchgehalten – und am Ende die ganze Wohngruppe zum Zuckerfest eingeladen.

In einem Punkt unterscheiden sich Abdul und Muze übrigens nicht im Geringsten von der restlichen Bevölkerung Deutschlands: sie schauen gerne Fußball. 

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Nachteule-Tabitha

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