Zaubertrank Switchel – Ein Selbstversuch

25.01.2019

Spät auf kommen einem bekanntlich die verrücktesten Ideen. Harry Potter, das Rad, die Fußball-WM – ich bin mir sicher, viele dieser weltverändernden Ereignisse haben ihren Ursprung teilweise in nächtlichen Hirngespinsten.

Nächte haben es wohl so an sich, dass man auf Dinge kommt, die einem tagsüber nie eingefallen wären – nicht im Traum sozusagen. Aber wer um Himmels Willen kommt – egal zu welcher Tages- und Nachtzeit – auf die Idee, Apfelessig, Zitronensaft und Ahornsirup zusammenzubauen und dabei zu erwarten, dass das Ergebnis lecker schmeckt?

Diese Frage habe ich mir jedenfalls inständig gestellt, als ich selbst – unter den argwöhnischen, skeptischen Blicken meiner Mutter – in der Küche stand und Lebensmittel zusammenwarf, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren. Aber fangen wir von vorne an.

Und zwar von ganz vorne. Überlieferungen zufolge begannen bereits im 18. Jahrhundert amerikanische Farmer, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden unter der harten Heuernte mit einem eigens zusammengemischten Getränk zu steigern, das sie „Haymaker´s Punch“ nannten. Die Zutaten: Ingwer, Zitronensaft, Ahornsirup und Wasser. Jeder Bestandteil alleine ist bereits ein Multitalent: während Apfelessig den Stoffwechsel und die Verdauung ankurbelt und wichtige Vitamine beinhaltet, gilt Ingwer als antibakteriell und entzündungshemmend und stärkt zusätzlich das körpereigene Immunsystem. Dieser Effekt wird durch das in der Zitrone enthaltene Vitamin C zusätzlich verstärkt. Wasser dient schlichtweg der Hydrierung und verleiht dem Switchel die flüssige Konsistenz.

Die amerikanischen Heubauern agierten intuitiv, heute wird der „Haymaker´s Punch“ oder „Switchel“ häufig als „Hipstergetränk“ bezeichnet. Dennoch: in Amerika ist der Hype bereits in der Allgemeinheit bekannt, wird als Wundermittel in Sachen Hautverschönerung, Abnehmkur und Immunstärkung angesehen. Der große Vorteil liegt darin, dass die Zubereitung so einfach und kostengünstig möglich ist, dass die in Supermärkten verkauften, fertigen Switchel-Flaschen für den preisbewussten Käufer nahezu überflüssig werden. Schnell und einfach in der Zubereitung – soweit die Theorie. Dem werde ich auf den Grund gehen. Zwar nicht spät auf, weil meine Eltern die Küche um diese Zeit gerne still und geputzt wissen, dafür aber pünktlich in der Grippe-Zeit, in der wohl jeder von uns die immunstärkende Wirkung dringend gebrauchen könnte.

Hindernis Nummer 1: einkaufen. Während ich mit dem Schokoladenregal und der Tiefkühltruhe bestens vertraut bin, verbergen sich die Zutaten für Switchel in mir bisher verborgenem Terrain.

Für 4 Personen wären das:
1 Tasse mit geschälten, groß geschnittenen Ingwerstücken
¾ Tasse Ahornsirup
½ Tasse Apfelessig in Bio-Qualität
2/3 Tasse Zitronensaft
6 Tassen Wasser


Ingwer haben wir zum Glück schon zuhause, ebenso Zitronensaft. Nur, wo um alles in der Welt befindet sich in diesem Supermarkt der Ahornsirup? Die Menschen, die mit mir im Supermarkt sind, fangen sicherlich schon an mich zu bemitleiden, hilflos wie ich durch die Gänge laufe. Letztendlich bin ich erfolgreich, und das Projekt Switchel kann beginnen.

Zunächst rücke ich dem Ingwer zu Leibe, ich wasche ihn, schneide ihn in kleine Stücke und schäle ihn (Bild: Ingwer auf dem Tablett). Dieser landet anschließend mit dem Wasser in einem Topf auf dem Herd, wo er zwei Minuten gekocht wird, und anschließend 20 Minuten zieht. In der Zwischenzeit mische ich den Apfelessig, den Ahornsirup und den Zitronensaft in einer Karaffe zusammen (wobei ich fasziniert über die farbliche Entwicklung des Gebräus bin) und rühre das Gemisch kurz um. Wenn das Ingwerwasser abgekühlt ist, gebe ich es zum Rest in die Karaffe, wobei ich den Ingwer vorher heraussiebe. Und dann ist es auch schon fertig: das Switchel!

Der erste Schluck bestätigt: JA, da ist definitiv Apfelessig drin! Der Geschmack ist penetrant, aber nicht unangenehm. Vor allem in Kombination mit dem süßlichen Ahornsirup und dem Zitronensaft hat „Switchel“ eine Eigennote, die Suchtpotential hat. Nach und nach wagt sich auch meine Familie wieder in die Küche, die sie während meiner unstrukturierten, abenteuerlichen Brauaktion vorsichtshalber lieber gemieden hat. Meine Mutter, die bereits Jahre vor den Hipstern am anderen Ende des Atlantiks den Apfelessig als Wunderwaffe entdeckt hat und seitdem jeden Morgen ein Glas pur trinkt, ist beeindruckt vom vergleichsweise leckeren Geschmack. Meine Schwestern, die sich normalerweise ausschließlich für Cola und Kaffee begeistern, zeigen sich ebenfalls zufrieden mit dem Ergebnis.

Nur mein Magen, der sehr viel weniger kulinarisch offen ist als meine Geschmacksnerven, beginnt schnell zu grummeln, sodass auf das Glas Switchel sogleich eine Runde Iberogast folgt. Eigentlich werden Switchel eher magenschonende und verdauungsregulierende Effekte zugesagt – vermutlich ist der Verzehr von Apfelessig aber einfach Gewöhnungssache.

Und weil die Zubereitung so schnell gegangen ist und die Wirkung des Wundergetränkes so vielversprechend ist, wird mein Magen wohl keine andere Wahl haben, als sich daran zu gewöhnen. Wie gut, dass auch die Heubauern von Amerika schon schlaflose Nächte hatten, in denen ein Hirngespinst das nächste jagte, bis eines Nachts dabei das Switchel entstand. Fazit: Switchel ist gut, spät auf sein noch besser. In diesem Sinne: träumt schön und gute Nacht.

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Nachteule-Tabitha

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