Last unicorn - Wieso Tiere so oft die Trends bestimmen

22.03.2019

Das Einhorn ist spät auf. Jetzt, wo auch die letzten Straßenlaternen nach einem kurzen Flackern ausgegangen sind und in den menschenleeren Gassen nur noch das Rauschen der Bäume oder das Trommeln von Regen auf den Dächern zu hören sind, fühlt es sich zum ersten Mal seit dem Morgen wieder frei.

Endlich kann es durch die Dörfer und über die Felder galoppieren, sein stolze 500 Zentimeter langes Horn durch die Gegend schwingen und eine Spur von Regenbogenfarben hinter sich her ziehen – ohne sich ständig beunruhigt nach etwaigen Menschen umsehen zu müssen, die bei ihrem Anblick zu für ihn womöglich gar nicht vorstellbaren Taten fähig wären. Es ist nicht leicht im Verborgenen zu leben, aber es muss sein, wenn man der oder die letzte seiner Art ist – wie das Einhorn. Im 21. Jahrhundert ist es um eine Partnerbörse für einsame Einhörner relativ schlecht bestellt. Zum Glück aber hat das Einhorn schnell gelernt, sich den aktuellen Gegebenheiten anzupassen. So hat es heute trotzdem viele Freunde – auf Shampoo-Flaschen, Ketchup-Tuben, Wollmützen, Kaffeebechern, und sogar der Sechserpackung einer Klopapierfirma…

Tiere als Trend, ihr Abbild als Antrieb für eine neue Werbekampagne – dieses Phänomen ist nicht neu. Seit langer Zeit prägen bestimmte Tiere Produkte wie Lebensmittelverpackungen oder Dekoartikel. So galt vor einigen Jahren beispielsweise die Eule als absolutes Trendtier – sei es wegen ihrem niedlichen Federkleid oder der Symbolik der Weisheit, die man ihr zuschreibt. Woher genau die Tendenz kommt, Produkte mit einem bestimmten Tier als Werbefigur zu vermarkten, untersuchen Soziologen schon lange. So wird unter anderem vermutet, dass Menschen Tieren gegenüber sehr offen und positiv entgegentreten – zwischenmenschliche Konfliktfälle sind hier schließlich nicht zu befürchten.

Egal ob das Tier in der Werbung an das eigene Haustier erinnert oder Lust auf den nächsten Besuch im Zoo macht – Tiere sind Sympathieträger, und das Marketingwesen weiß das. So werden Tiere in Werbespots und Bannern effektiv eingesetzt und so mehr Aufmerksamkeit der potentiellen Kunden erlangt. Oder aber das sogenannte „Cute“-Marketing wird direkt im Design von Produkten des täglichen Bedarfs angewendet – die dann durchaus preislich in die Höhe gehen können. In die Reihe der Trendtiere gehören neben der Eule auch der Flamingo, Dackel, Erdmännchen und Rehe. Sie alle haben eines gemeinsam: sie existieren.

Alleine in diesem Punkt tanzt das Einhorn etwas aus der Reihe. Seine Geschichte beginnt lange vor unserer Zeit – aber keiner weiß so genau, wie realitätsfern das Tier wirklich ist. Monókeros lautet sein griechischer Name, bekannt wurde das Wesen vor allem durch Erzählungen von Fabelwesen und Naturlehren im Mittelalter. Ein strahlend weißes Pferd mit einem schneckenartig geformten Horn und einer besonderen Anmut – schnell galt das Einhorn als das edelste aller Fabelwesen.

Sowohl in der Bibel als auch in anderen überlieferten Schriften und Mythologien wurde von einem derartigen Tier berichtet- wobei jedoch nicht sichergestellt werden kann, ob es sich bei den Beschreibungen nicht doch um Nashörner, Rinder oder Narwale handeln könnte. Selbst der venezianische Händler Marco Polo glaubte, bei einer seiner Reisen auf Sumatra auf ein Einhorn gestoßen zu sein. Das Interesse an dem mystischen Tier war zu allen Zeiten groß – vor allem, weil dem charakteristischen Horn häufig heilende, selbst lebensverlängernde Kräfte zugesprochen wurden. Vielleicht gerade deshalb gibt es in der rheinland-pfälzischen Stadt Trier bis heute eine Apotheke mit dem vielversprechenden Namen „Einhorn“-Apotheke.

Das Einhorn war auch schon Trend, bevor es auf Ketchup-Flaschen abgedruckt war. Immer wieder befassten sich Musiker und Künstler damit, der Zeichentrickfilm „The last unicorn“ stieß auf eine große Bandbreite an Zuschauern. 2010 wurde das Einhorn Teil der Serie „My little pony“. Stets wurde es dabei mit ganz bestimmten Emotionen und Eigenschaften verbunden – wie Freiheit, Kindheit, Unbesiegbarkeit und Originalität. Für viele Menschen bedeutet es eine Erinnerung an die eigene Kindheit, die meist noch frei von ernsthaften Sorgen und Problemen war – ein angenehmer Erinnerungsfaktor. Und so waren alle Weichen gelegt für die Entwicklung des Einhorns zum absoluten Trendtier.

Vor allem die Schokoladenmarke Ritter Sport bringt den Stein ins Rollen: 2016 bringt sie die sogenannte „Einhornschokolade“ auf den Markt. Binnen Wochen wird sie zum absoluten Verkaufsschlager, der Hype geht so weit, dass einzelne Kunden die Schokoladentafeln auf Ebay ersteigern – für einen Wert von bis zu 100 Euro. Und es bleibt nicht bei der Schokolade: bald schon werden aus Duschgels „Regenbogenduschen“, Fruchtgetränke nennen sich „Einhornkotze“, das mit Einhörnern bedruckte Klopapier wird „magischer“ als das Herkömmliche, das Selbe gilt für zahllose Lebensmittel wie Ketchup, Marmelade, Kaugummis und und und. Auch die Modeindustrie boomt, lässt es auf Pullover, Mützen und T-Shirts nur so wimmeln von Einhörnern.

Menschen lassen sich die Fabelwesen als Tattoo auf die Haut stechen, Starbucks führt den „Unicorn Frappuccino“ ein. Die österreichische Stadt Graz denkt mitfühlend an den Einkaufsstress des Fabelwesens: im „Murpark“ besteht dafür zeitweise Parkgelegenheit auf einem bunten Einhornparkplatz. Für besonders starke Einhornliebhaber eignet sich die Internetwebsite www.unicornhills.com : vom Hunde-Einhornkostüm bis zum Einhörn-förmigen Wasserhähnen gibt es hier alles, was das Einhornherz begehrt. Das erklärtes Motto des Trends: Sei immer du selbst, außer du kannst ein Einhorn sein. Dann sei ein Einhorn.

Das Einhorn als Flucht aus der manchmal so bitteren Realität, ein Stimmungsaufheller aus der Welt der Magie. Die Frage nach der Existenz des Einhorns steht dabei gar nicht allzu sehr im Vordergrund. So kann das Einhorn auch weiterhin Nacht für Nacht durch den Gai ziehen. Besonders freut es sich übrigens über die Beförderungsbedingungen der Fernzuglinie Locomore:  pro Kind unter 14 Jahren darf hier jedes Einhorn kostenlos mitfahren. Wenn das mal kein Angebot ist!

Und das Einhorn muss sich ranhalten, denn es gibt bereits Prognosen, die dem „Unicorn“-Hype ein baldiges Ende prophezeihen. Der neue Star wird demnach das Lama – aber so ganz vergessen wird man das magische Einhorn vermutlich nie.

Bildquelle: https://unicornhills.com/

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Nachteule-Tabitha

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