Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Von draußen von der Donau, da komm' ich her

07.12.2018

Der heilige Nikolaus von Myra ist spät auf. Ein bisschen Schlaf – das wäre so schön und ist in der Weihnachtszeit undenkbar. Morgen ist der 6. Dezember und wie jedes Jahr wird er seines Amtes walten und die Kinder und großen Kinder glücklich machen.

Im Beschenken hat der Gute schon Routine – begonnen hat er damit bereits um das Jahr 300 nach Christus. Als Erbe eines großen Reichtums hätte sich der junge Nikolaus in der Stadt Patara in der heutigen Türkei ein schönes Leben machen können, ohne mit der Not anderer konfrontiert zu werden. Doch Nikolaus kann genau diese nicht vergessen, und so fängt er an, seinen Reichtum sowie Früchte wie Mandarinen und Äpfel oder Nüsse unter den Armen zu verteilen. Im Alter von 19 Jahren wird Nikolaus zum Bischof von Myra ernannt, Gutes tut er weiterhin ohne Unterlass.

Bis heute wird am 6.12., dem Todestag des heiligen Nikolaus von Myra, der Nikolaustag gefeiert. Dabei variieren die Traditionen je nach Region oder Land stark. Während die einen Kinder mit Feuereifer ihre Stiefel putzen und diese am Morgen des 6. Dezembers voll mit kleinen Geschenken und Süßigkeiten vorfinden, müssen andere bereits am Abend zuvor bangen, nämlich dann, wenn es an der Tür klingelt und der Nikolaus in Person eintritt – zusammen mit seinem gestrengen Begleiter Knecht Ruprecht.

„Vor dem Nikolaus hatte ich Respekt,“ gesteht Christian Baumgart lachend. „Vor dem Knecht Ruprecht – wie wohl jedes Kind – ein bisschen Angst.“  Heute hat sich das Blatt gewendet, denn seit etwa vier Jahren ist der Scheerer selbst Nikolaus in seinem Ort. Nikolaus auf Bestellung – wenn sich die Familien über einen in den Scheerer Bäckereien ausliegenden Zettel anmelden und den Nikolaus zu sich einladen. „Es ist jedes Jahr ein bisschen wie Theater spielen.“ beschreibt Christian Baumgart. Die Rolle hat er dabei eher zufällig bekommen – durch seine Schwiegermutter, die den Scheerer Nikolausabend organisiert. Damit ist er zu einem von zahllosen Nikoläusen geworden, die Jahr für Jahr in ganz Deutschland durch die Häuser ziehen, um die aufgeregt wartenden Kinder zu loben, zu tadeln und am Ende reich zu beschenken.

Doch wenn am Abend des 6. Dezembers alle anderen erleichtert und erschöpft ihren roten Mantel zurück in den Schrank hängen, beginnt für Christian Baumgart der Einsatz erneut – als ganz besonderer Nikolaus. Sein Fortbewegungsmittel ist kein Schlitten und auch keine Rentierkutsche, sondern ein Boot. Scheer liegt an der Donau, im Sommer ist der Abschnitt bis zum großen Wehr unterhalb der Donaubrücke ein beliebtes Kanu-Ziel – aber ein Nikolaus, der mit dem Boot kommt? Eine außergewöhnliche Idee, die 2016 erstmals in die Tat umgesetzt wurde.

Wenn es auch am Anfang etwas chaotisch war. „An der ursprünglich vorgesehenen Einstiegsstelle stand plötzlich eine Pferdekoppel,“ berichtet Baumgart und schmunzelt. „Als ich dann – schon in voller Nikolausmontur – zur rasch organisierten alternativen Einstiegsstelle kam, stand dort die Feuerwehr und sagte: Moment, wo ist denn deine Schwimmweste? So durfte ich alles nochmal ausziehen, und dann über die Schwimmweste wieder an.“ Aber aus solchen Erfahrungen lernt man, meint er. Dieses Jahr habe es schon viel besser geklappt. Rudern musste übrigens keiner, das Nikolausboot wurde ganz bequem mit einem vom Scheerer Feuerwehrkommandanten überwachten Elektromotor angetrieben. Die Vorteile, die dieses Fortbewegungsmittel mit sich bringt, hat Christian Baumgart sofort erkannt. „Man ist nicht auf Schnee angewiesen, man braucht keine Zugtiere – das einzige, das uns aufhalten könnte wäre Hochwasser. Und das hatten wir in Scheer zuletzt 1990.“

So ist es auch an diesem 6. Dezember wieder so weit. Gegen 18:00 Uhr taucht das mit Lichtern und einem geschmückten Tannenbaum oberhalb der Donaubrücke in Scheer auf, zwischen dem Rauschen des Wassers ist die immer lauter werdende Nikolausglocke zu hören. Christian Baumgart trägt einen tiefroten Mantel, einen langen weißen Bart, die bekannte Bischofsmitra und goldene, glänzende Schuhe. Unzählige Kinder, Familien und Großeltern nehmen das Boot mit Aufregung in Empfang, der Kirchengemeinderat steht mit Fackeln Spalier. „Auf die vielen Menschen zuzufahren, sehen wie sich alle auf die Ankunft freuen – das ist ein sehr schönes Gefühl,“ weiß Christian Baumgart zu berichten. Kaum steht er auf festem Boden, wird lautstark für ihn gesungen.

Der zweite Kirchengemeinderatsvorsitzende Eugen Pröbstle begrüßt gemeinsam mit dem Pfarrer und den Ministranten die Gemeinde, bevor es in einer langen Prozession in die St. Nikolauskirche von Scheer geht. Einige Kinder haben schon zur Donau Bilder und Basteleien mitgebracht - „extra für den Nikolaus!“. Ein Abend also, an dem sogar der Nikolaus beschenkt wird. „Dass man als Nikolaus von allen bewundert wird, auch von den Erwachsenen, das fühlt sich ganz besonders an,“ erzählt Christian Baumgart. Während der Andacht, die von den Schülern der Scheerer Gräfin-Monika-Grundschule mit Liedern, Fürbitten und dem Vorführen der Nikolauslegende eifrig mitgestaltet wurde, nimmt der Nikolaus die Kinder an die Hand. Für die Kinder etwas ganz Besonderes: Sie halten den Nikolaus an der Hand!

„Man vertritt eine beeindruckende Persönlichkeit, das spürt man irgendwie.“ Dass es letztendlich nur ein Rollenspiel für einen Abend ist, ist Christian Baumgart kaum anzumerken. In seiner Predigt erinnert er an den Bischof Nikolaus von Myra, der seinen schönen roten Mantel im Alltag abgelegt hat, um den ärmsten der Gesellschaft zu helfen, und sich ihre Nöte anzuhören. Auch heute gibt es noch viel Armut – aber auch viele, viele Nikoläuse, die nicht nur am Nikolaustag und schon gar nicht im roten Mantel helfen, wo es nötig ist. Die Kinder hören gebannt zu, und freuen sich am Ende ganz besonders über das Geschenk aus dem großen Sack: ein Nikolaus zum Aufessen aus leckerem Zopfbrot! „Schmeckt sehr gut,“ kann der Nikolaus bestätigen. „Ich habe mir auch einen mit nach Hause genommen.“ Im Vergleich zum Vorjahr wurden 100 essbare Nikoläuse mehr bestellt – und am Ende ist alles ratzeputze leer.

Nach der Andacht gibt es im Gemeindesaal noch Punsch, Glühwein, Zopfbrot und Zeit für Gespräche. Die Resonanz ist durchwegs positiv. „Die Scheerer, da haben sie mal wieder einen rausgehauen,“ kann man aufschnappen, und die Kinder freuen sich bereits wieder auf das nächste Jahr. Christian Baumgart wird seine goldenen Schuhe erst einmal in den Keller stellen. Unter dem Jahr ist der Nikolaus sehr gerne auf dem Fahrrad unterwegs. Wenn er als bootfahrender Nikolaus erstmal anfängt, hatte er ursprünglich gedacht, findet sich bestimmt schnell jemand, der das auch gerne mal machen würde. Aber so wie es aussieht, wird er ihn wohl noch einige Jahre begleiten, der Nikolaus und seine beeindruckende Geschichte.

Nach einer Legende war der heilige Nikolaus von Myra einst in der Lage, einen Sturm auf hoher See zu lindern und die Segel eines Schiffes so zu setzen, dass alle Menschen sicher an Land gelangten. So ist der Nikolaus auch der Patron der Seefahrer – passender könnte das Scheerer Nikolausboot also gar nicht sein.

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