Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Voilà - la France: wie gut kennen wir unsere Nachbarn?

12.07.2019

C´est tarde dans la nuit, mais moi je suis encore éveillée. Je ne peux PAS DU TOUT dormir. Mais pourquoi?

“Vielleicht weil du durchgehend in Französisch denkst?” mischt sich meine innere Stimme unerwartet und in einer anderen Sprache ein, “anstatt in deiner Muttersprache, wie sich das im entspannten Zustand gehört!?” “Peut-etre.” murmele ich geschlagen. Sie hat recht: schon halb in Trance noch in einer Fremdsprache zu denken fördert nicht unbedingt den Entspannungsprozess. Ursache dafür sind die Vokabeln, die ich mir vor dem Zubettgehen noch mit viel Contenance angesehen habe. Ich bereite mich damit auf ein Französischstudium vor, für das mich ein Großteil meiner Mitmenschen belächelt. Ich lache dann mit, weil ich verstehen kann, dass kaum einer meine Faszination teilen kann. Aber ich habe meine Gründe: Zu kaum einem Staat pflegt Deutschland eine so intensive Beziehung wie zu Frankreich. Insbesondere politisch und wirtschaftlich steuern die beiden Länder sehr häufig in dieselbe Richtung und kooperieren miteinander, etwa auch in größeren Kreisen wie der EU. In unserer Generation ein Fakt, ein Zustand, den wir uns anders gar nicht vorstellen können.

In den letzten Jahren habe ich das Burgund, die Normandie, das Elsass und Paris in der Region Ile-de-France bereist, und mich dabei gefragt: Kennen wir unsere Nachbarn in Frankreich wirklich so gut? “Bonjour mes élèves!” Die französische Sprache begleitet Schüler in Baden-Württemberg bereits ab der sechsten Klasse im Gymnasium, auf anderen Schulformen kann sie optional hinzugewählt werden. Bundesweit steht Französisch auf Platz zwei der von Jugendlichen erlernten Fremdsprachen, direkt nach Englisch. Andere Fremdsprachen wie Spanisch oder Latein kommen häufig erst später hinzu. Wie aber ist die Situation beim Pendant Frankreich?

Dreisprachig - trilingual, zweisprachig - bilingual, einsprachig - Franzose. Dieser Afront hält sich hartnäckig und beinhaltet viele Interpretationsmöglichkeiten. Etwa, die Franzosen seien zu stolz auf ihr Land und die Macht, die es einmal hatte, um sich für andere Kulturen und Sprachen zu interessieren. Viel näher an der Wahrheit liegt die Tatsache, dass dem Fremdsprachenunterricht in Frankreich lange keine ausreichend große Beachtung geschenkt wurde und dass veraltete Lehrmittel und Lernansätze genutzt wurden. Doch der Fremdsprachenunterricht in Frankreich ist im Wandel.

Meine Freundin Marine lebt in der Normandie, macht gerade ihren Abschluss und begeistert sich sehr für Englisch. Das fließende Sprechen allerdings bereitet ihr Probleme, weil in ihrem Englischunterricht lange zu wenig Wert darauf gelegt wurde, und weil sich die französische Aussprache sehr von der englischen oder deutschen unterscheidet. Mir fällt es deutlich schwerer, Franzosen zu verstehen, wenn sie Englisch anstatt Französisch sprechen, insbesondere weil im Französischen der Buchstabe h stumm ist und das Englisch so dementsprechend abgehackt klingt. Dennoch ist Englisch auch bei den französischen Jugendlichen auf Platz1 der Fremdsprachen. Danach folgt allerdings Spanisch. Deutsch ist im französischen Schulsystem häufig eine Wahloption, und weil Spanisch wie Französisch zu den romanischen Sprachen zählt, wird es von vielen Franzosen als die deutlich einfachere Wahl empfunden. Fazit: Franzosen sind meist nicht zu stolz oder zu arrogant, in einer Fremdsprache zu kommunizieren, sondern vor allem unsicher.

Schule ist Schule, könnte man denken, aber nicht nur im Sujet des Sprachunterrichts gibt es zwischen und Deutschland und Frankreich große Unterschiede. In Letzterem beginnt mit dem Alter von sechs Jahren die Grundschule, die école maternelle. Fünf Jahre später starten die Schüler in das Collége, um ihr Abitur, das Baccalauréat abzulegen, nach vier Jahren weiter auf ein Lycée. Die Tage dort sind lange: in Frankreich herrscht das Prinzip der Ganztagesschule, und große, eiserne Tore vor nahezu jeder Schule, die nur morgens und abends geöffnet werden, scheinen dies zu unterstreichen. Klingt nach Gefängnis - ist aber viel mehr ein Lebensraum, in dem die Schüler lernen, sich zu entfalten.  Im Unterricht ebenso wie in den zahllosen Arbeitsgemeinschaften und Sportgruppen, die von Seiten der Schule angeboten werden.

Savoir-vivre - in einer Welt jenseits der Schule wird dies von den Franzosen sehr ausgeprägt gelebt. Ein großer Bestandteil ist hierbei das Essen. Hier schaut bereits ein Gallizismus um die Ecke: Klischee. Wer kennt nicht das Bild eines eine Béret tragenden Franzosen mit einem Baguette in der einen und einem Käse in der anderen Hand? Und am besten noch einem Froschschenkel und einer Schnecke auf dem Teller? Tatsächlich habe ich in der Familie von Marine erlebt, dass das Baguette und alle möglichen verschiedenen Variationen von Käse zu nahezu allen Mahlzeiten gereicht wird, häufig nach dem letzten Gang. Als ich bei Tisch einmal gefragt habe, wie häufig die Familie denn Froschschenkel oder Schnecken isst, erntete ich allerdings schockierte Blicke und eine klare Antwort: nie! Hier ist es wichtig, die regionalen Unterschiede Frankreichs zu beachten. Froschschenkel beispielsweise sind eine Spezialität des Burgunds. Einleuchtend, wenn man bedenkt, dass wir in Baden-Württemberg auch deutlich weniger auf Fisch fokussiert sind als etwa die Menschen in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern.

Tatsächlich an jeder Ecke zu finden ist neben dem Baguette auch das Croissant, das pain au chocolat und das Macaron, ein buntes, zuckriges Baiser-Gebäck. Ein Traum von einem Frühstück! Gewöhnungsbedürftig ist, dass Milch oder Kakao nicht wie bei uns aus einem Glas oder einer Tasse getrunken wird, sondern aus einer Schüssel, die wir normalerweise mit Müsli befüllen würden!

Um direkt von einem Klischee zum nächsten zu kommen: Deutschland ist ein Autoland. Davon sind viele Franzosen überzeugt. Sie erzählten mir enthusiastisch, dass sie ein Auto von Volkswagen, BMW oder Mercedes besitzen oder erkundigten sich, wie es sich denn anfühle, mit 200 km/h über die Autobahn zu brettern. Ich, zu diesem Zeitpunkt noch 17 Jahre alt und nicht in der Berechtigung, alleine zu fahren, hatte nur nonchalant genickt und “Très bien” gesagt. Dabei hatte und habe ich durchaus den Eindruck, dass sie mit ihrem Klischee nicht ganz unrecht haben. Wir sind stolz auf unsere Autos, wir pflegen sie, und wehe wir entdecken eine Schramme oder eine Macke darin. In Frankreich dagegen sieht man, ähnlich wie in Italien, viele verschrammte oder notdürftig geklebte Fahrzeuge. Besonders skurril ist die Tatsache, dass besonders in größeren Städten nach dem Parken die Handbremse nicht angezogen wird. Damit ermöglicht man einem anderen Fahrer auf der Suche nach einem Parkplatz, dass er Autos nach Belieben hin- und her schieben kann, bis er sich eine ausreichend große Parklücke geschaffen hat. Bei uns undenkbar, in Frankreich allzu oft Alltag.

Essgewohnheiten, Schulsysteme, Verkehrsregeln - zwischen diesen oberflächlichen Sujets verbergen sich im intensiven Vergleich zweier Länder stets auch mentale Unterschiede. So ist es grundsätzlich richtig, dass Franzosen schneller streiken und mit Demonstrationen auf die Straße zu gehen. Auch, weil ihr Temperament häufig sehr viel ausgeprägter ist als wir es gewohnt sind. Ebenso gewöhnungsbedürftig mag uns zu Beginn “La Bise”, sprich Küsschen links, Küsschen rechts erscheinen. Die Absurdität daran: eine begrüßende Umarmung, wie sie in Deutschland häufig ist, empfinden Franzosen meist als zu nahe. Bei der Bise dagegen kommt es lediglich zu einer leichten Berührung der Wangen, es wird hingegen des Anscheins nur in die Luft geküsst. La Bise irritiert nicht nur uns, sondern auch ab und an Franzosen: dann nämlich, wenn sie aus verschiedenen Teilen des Landes kommen und daher unterschiedlich viele Luftküsse verteilen.

Stellen wir uns ein Reihenhaus mit zwei unmittelbar nebeneinander liegenden Wohnungen vor. Vielleicht sind die Fassade, die Größe und der Ton der Klingel auf den ersten Blick sehr ähnlich. Nur, die Menschen, die darin wohnen, können nicht exakt dieselben sein. Was von Wänden eingegrenzt wird schafft Frei- und Spielraum für verschiedene Angewohnheiten, Ansichten, Lebensentwürfe. Was wichtig bleibt ist der Samstag, an dem sich die Bewohner der beiden Wohnungen zum gemeinsamen Grillen und einem gemütlichen Abend bei Bier und Wein im Garten treffen. Oder die Nacht, in der der Bewohner der einen Wohnung einen Einbruch beim Nachbar bemerkt und sofort die Polizei sowie den schlafenden Nachbarn alarmiert und diesem anschließend beisteht, wenn die Scherben des eingeschlagenen Fensters entsorgt werden müssen. 

Irgendwann habe ich es wohl doch noch geschafft, einzuschlafen. Die Vokabeln für mein potentielles Studium kann ich nun wortwörtlich im Schlaf aufsagen. Und unauffällig in Texte einbauen! Habt ihr die zahllosen Gallizismen im Text bemerkt? Wie viele waren es wohl? Schreibt gerne eure Vermutung in die Kommentare!

Beitrag ergänzen

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu dieser Seite

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Nachteule-Tabitha

Für dich empfohlen

  • 11.04.2019  Ist Mathe wirklich so schlimm?

    Ist Mathe wirklich so schlimm?
    Alleine das Wort Mathematik sorgt bei den meisten Schülern jedenfalls für große Empörung. Mir persönlich gefällt dieses Fach jedoch sehr gut, sodass ich meine Formelsammlung schon nach Abschluss der Stochastik-Einheit anfing. Andere Abiturienten hingegen haben noch immer nichts für Mathe getan.
  • 03.05.2019  Zwischen Pasta, Schiffen und Tintenfischen: Vier Wochen in Italien

    Zwischen Pasta, Schiffen und Tintenfischen: Vier Wochen in Italien
    Ich bin spät auf. In meinem Bett drehe ich mich hin und her und versuche, endlich einzuschlafen. Vergeblich. In meinen Gedanken bin ich hellwach, stehe auf einer kleinen Piazza direkt am Hafen. Eine Straßenlaterne verströmt gelbes, warmes Licht und das Getöse der an den Landungssteg reibenden Wellen wird von dem Gitarrenspiel und dem Gesang einer sizilianischen Straßenband übertönt.
  • 04.09.2018  Chillen kann man überall - die besten Orte gibt´s hier!

    Chillen kann man überall - die besten Orte gibt´s hier!
    Chillen kann man überall - die besten Orte gibt´s hier!

Mehr Beiträge, Videos und News auf

 

gefördert durch:

Logo Landaufschwung

gefördert durch:

Logo Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Entwicklungsagentur:

Logo Wis

Projektnehmer:

Logo creaktiv Werbung & Kommunikation
 
Klicken Sie hier, um diese Seite bei Facebook empfehlen zu können. Bereits beim Anklicken werden Daten zu Facebook übertragen.
Twitter aktivieren