Tausche Klassenzimmer gegen Büro

13.09.2019

Es war einmal eine Zeit, in der war ich spät auf. Sehr spät. Draußen vor dem Fenster schlug die Kirchturmuhr ins Dunkle, elf Mal, zwölf Mal, ein Mal. Ich, siebzehn Jahre alt und frei von jeglichem Zeitmanagement, saß über meinen Schreibtisch gebeugt, ohne die Glockenschläge zu beachten. Es gab, egal in welcher Nacht, genug für mich zu tun.

Die luxuriöse Auswahl bestand meist aus Hausaufgaben, die erledigt oder Klausurthemen, die verinnerlicht werden mussten. Special Guests waren Referate, die nur Stunden später gehalten werden mussten, sowie Schulbücher in denen Flugzeuge abstürzen, Revolutionäre zum Tode verurteilt und die Fiktion mit der Wirklichkeit verwechselt werden. So dramatisch ging es nicht meine ganze Schulzeit zu, und in den unteren Klassen war ich auch sicher noch nicht so spät “spät auf”, aber grundsätzlich war das doch für acht Jahre auf dem Gymnasium mein Leben. Und jetzt? Keine Hausaufgaben, die gefälligst erledigt werden sollen, keine unheilvollen Klausuren, die mir immer wieder zeigen, dass Naturwissenschaften nicht meine Welt sind, und damit auch keine verzweifelten Anrufe “Felix, kapierst du wie das funktionieren soll?”

Ich habe das Klassenzimmer gegen ein Büro getauscht. Anstatt im Gymnasium Gammertingen, findet ihr mich gerade im Hofgarten im Büro der Wirtschaftsförderungs- und Standortmarketinggesellschaft Landkreis Sigmaringen. Langer Name, kurzer Sinn: für ein Jahr arbeite ich als Online-Redakteurin in Sigmaringen. Weil Reisen quer über den Ozean teurer sind, als man glauben will, weil ein Studium keine Beine hat, um mir davon zu laufen, und um Erfahrungen zu sammeln, in einem Bereich, in dem ich vielleicht bleiben möchte. Aber fragt mich bitte nicht jetzt schon “Was willst du nach deinem Studium denn mal machen?”, ich habe mich gerade erst von “Und was machst du nach dem Abitur?” erholt.

Für mich zählt im Moment nur, was ich jetzt tue. Texte schreiben. Redaktionspläne erstellen und am Laufen halten. Eine vorsichtige Beziehung zu den Features von WordPress aufzubauen, möglichst ohne dabei die gesamte Website lahm zu legen. Und die Social Media Posts schreiben, die ihr womöglich von Work@SIG auf Instagram und Facebook seht. Ich mache also vieles, was ich von meinem Leben davor, von meinem Blog und meiner eigenen Instagramseite schon gut kenne.

Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten. Konfuzius wäre eine Bereicherung für jede Arbeitsagentur gewesen, mit Aussagen wie diesen, die auch auf meine Arbeit hier sicher zutreffen. Und dennoch. Inmitten meines Alltags zwischen Bürostühlen und Blogbeiträgen schleichen sich Erinnerungen an die Schulzeit in meinem Kopf, in der ich zu Beginn des Jahres noch so tief verwurzelt war. Erinnerungen an Morgende, an denen einen das Gelächter, spezifischer das sinnlose Gerede der Mitschüler vom Einschlafen abhielt, man für unterschwellig aggressive Antworten aber schlichtweg zu müde war. An die großen Pausen, wo umgeben von Menschen im gleichen Alter die wichtigen Gespräche geführt wurden. Gelächter. Gerüchte. Zusammenhalt.

Das Büro, in dem ich sitze, ist die meiste Zeit über still. In solcher Stille fangen wir an, Vergleiche aufzustellen, wohl wissend, dass sie uns ins Leere führen und nachdenklich zurücklassen werden. Die grundlegende Änderung des Alltags ist Begleitsymptom Nummer eins, wenn man die Schule verlässt, generell immer, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ich wusste das lange zuvor, erst jetzt kann ich aber benennen, was sich in meinem Alltag und in meinem Leben geändert hat.

“Wieso haben wir den Vollzeitjob Schule, ohne dafür bezahlt zu werden?” Darüber haben wir uns oft beschwert. Aus heutiger Sicht würde ich meinem jüngeren Ich an dieser Stelle das letzte Zeugnis präsentieren und ihm mitteilen, dass er die Währung seines derzeitigen Vollzeitjobs direkt vor sich hat. Schulnoten von 1-6 oder von 0 bis 15 sind zumindest das einzig Quantitative, der Ansatz einer Währung, die man im System Schule findet. “Nicht für die Schule, sondern fürs Leben”, der Spruch eingeritzt in der Decke meiner alten Grundschule, wird häufig erst später greifbar. Und so ackern und lernen wir doch in erster Linie für eine gute Note, die uns dann wiederum motiviert, weiterzulernen. Alle Energie, die man während der Schulzeit in Lernphasen, Referate und Hausarbeiten steckt, kommt in Form von guten Noten und positiven Rückmeldungen auf direktem Wege zu sich zurück. Auch wenn es uns so manches Mal anders erscheinen mag, wir tun das alles nicht für den Lehrer, der uns erwartungsvoll ansieht und bei unseren Misserfolgen enttäuscht den Kopf schüttelt, wir tun das für uns. Deshalb liegt die Entscheidung, wie viel Motivation wir für die Schule aufbringen wollen, alleine bei uns selbst.

Auf der Arbeit wird das anders. Plötzlich wird der Vollzeitjob tatsächlich bezahlt, in Euros und Cents, die wir zur freien Verfügung haben. Plötzlich tun wir etwas, das uns nicht direkt selbst zugutekommt, sondern vor allem dem Unternehmen,in dem wir angestellt sind. Häufig tun wir Dinge, die nicht richtig oder falsch sind, die nicht variierbar sind, sondern einfach getan werden müssen. Von allen Menschen auf der Welt identifizieren wir uns, wenn es gut läuft, mit uns selbst am meisten, deswegen ist es einfach, viel Energie in die Schullaufbahn zu stecken. Bei Beginn einer neuen Arbeit hingegen muss dieser gesamte Prozess erst geschehen. Wir müssen verstehen, wo genau das Unternehmen oder der Arbeitgeber hinwill, welche Interessen vertreten und welche Ideale angestrebt werden. All das sollte man dann bestenfalls auf sich selbst übertragen, um sein Bestes dafür geben zu können. Nur für das Geld zu arbeiten ist meiner Meinung nach nämlich der falsche Weg. Man ist dann sehr verlockt zu denken: Ich bekomme mein Gehalt so oder so, egal wie ausführlich, sorgfältig oder zeiteffizient ich etwas tue.

Hat man sich also stattdessen vorgenommen, etwas nach gutem Gewissen sehr gründlich und engagiert zu erledigen, steht man als ehemaliger Schüler ohne Arbeitserfahrung vor der nächsten Herausforderung: die Umsetzung. Der Stundenplan, der uns gesagt hat, dass wir montags in der dritten Stunde Mathe haben und danach Religion-Klausur schreiben, ist weg. Arbeiten ist meist mit sehr viel mehr Eigenverantwortung und gutem Zeitmanagement verbunden als Schule. Es erscheint nahezu paradox: während der Schulzeit geht es prinzipiell ausschließlich darum, für sich selbst den bestmöglichen Bildungsstand zu erreichen, wird dabei aber von Lehrern, Unterrichtskonzepten und festen Plänen geleitet und gehalten, während sich beim Arbeiten alles nach den Ansprüchen und Zielen der Firma richtet.

Da sagt dann aber kein Vorgesetzter mehr, wie und wann man etwas am besten erledigt. Es gilt, den Arbeitstag selbst zu strukturieren und sich eigene Deadlines zu setzen, um etwas nicht ewig zu schleppen. Mir helfen dabei sehr gut To Do-Listen die ich immer Montagmorgens verfasse und dann bis Freitagmittag bestenfalls abgehakt habe. Der Druck, dass man bei Faulheit oder Versagen nicht mehr nur selbst betroffen ist - durch schlechte Noten und einen kritischen Blick des Lehrers - sondern mitunter das ganze Unternehmen mit den Folgen leben muss, ist gewöhnungsbedürftig und wird vermutlich nie ganz aus meinen Gedanken verschwinden.

Vor kurzem habe ich in der Mittagspause einen Freund an der Hochschule in Sigmaringen besucht. So lächerlich es vielleicht klingen mag, der Anblick der zahllosen Studenten in meinem Alter war regelrecht ungewohnt. Nach meinem Abitur hat mir mein Vater gesagt: “Eine so homogene Gemeinschaft wirst du wohl nicht mehr antreffen.” Damit hatte er recht, wenn man bedenkt, dass die Stufe in der Schule aus lauter Menschen besteht, die im selben Jahr geboren und in derselben Gegend aufgewachsen sind, und jeden Tag dasselbe Umfeld erlebt haben. Ein Büro wie dieses dagegen ist ein Mikrokosmos an Verschiedenheit, Leute aus mehreren Teilen Deutschlands. Manche haben zuhause Kinder, andere freuen sich am Wochenende auf einen Abend im Trödler (in Klammer ich). Vermutlich ist es das Beste für mich, diese Umstellung als Chance zu begreifen, neue Ansichten und Einblicke zu erhalten. Klassenfahrten zur Gemeinschaftsstärkung gibt es (logischerweise) nicht mehr, dafür fahren wir bald auf eine Berghütte - Betriebsausflug.

Und dann, wenn das Aufstellen von To Do-Listen, das eigenverantwortliche Produzieren von gutem Content, das Kennenlernen unter Kollegen, sämtliche Kämpfe mit Kopierer, Fax und Drucker und all die anderen Hindernisse erledigt sind, gibt es nur noch eines: FEIERABEND. Und zwar wirklich, wirklich FEIERABEND. Ein Vorteil, der die zwölf Jahre Schulzeit um Längen schlägt.

Mein Fazit ist zweigeteilt und so interpretationsgeladen wie Konfuzius' Worte über den stets spannenden Job, den es höchstwahrscheinlich nicht gibt. Vom Klassenzimmer zum Büro: es ist anders, aber gut. Wie irgendwie alles im Leben.

PS: Weil das hier nur Arbeiten auf Zeit ist, folgt im nächsten Jahr wohlmöglich noch Teil 3 der “Tausche...gegen…”-Serie. Spätestens wenn es heißt: “Tausche Klassenzimmer gegen Hörsaal” bin ich wieder spät auf, das haben Studenten doch so an sich, oder?

Zum Teil 1 “Tausche Klassenzimmer gegen Werkbank” HIER zum Nachlesen.

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Nachteule-Tabitha

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