Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Nostalgie - Wieso die guten alten Zeiten immer besser sind

11.10.2019

Es beginnt meistens spät auf. Während tagsüber das JETZT und die Menschen und der ganz normale Wahnsinn viel zu laut sind, bleibt nachts nur die Stille. Gedanken blitzen auf, Gerüche, Bilder. Eigentlich hätten wir alle Hände voll damit zu tun, die Eindrücke des hinter uns liegenden Tages ausführlich zu analysieren und einzuordnen, damit wir morgen eine neue Seite aufschlagen können, auf der alles noch weiß ist.

Stattdessen: Erinnerung an Vergangenes. An Tage in der Schule oder auf Reisen. An Menschen, die uns in einer bestimmten Form verlassen haben, oder Menschen, die noch da sind, ohne dass es sich anfühlt als wäre es so. Dazwischen die Zeilen eines Liedes von den Toten Hosen: Wir machen alte Kisten auf, holen unsre Geschichten raus... wir hören Musik von früher, schauen uns verblasste Fotos an, erinnern uns, was mal gewesen war… und Immer wieder... dieselben Lieder... dieses alte Fieber.

Und einmal ganz davon abgesehen, dass es verdammt schwer ist, mit einem hartnäckigen Ohrwurm im Kopf einzuschlafen, sind wir plötzlich überhaupt nicht mehr müde. Unser Gehirn schaltet auf hell, auf Tag, auf Weißt du noch, wie das war? Damals, als du noch nicht diese und jene Sorge hattest und alles noch viel besser war?

Wenn selbst die Toten Hosen ein Lied darüberschreiben, muss es ein verbreitetes Phänomen sein, aber doch spricht keiner wirklich darüber. “Heute Nacht bin ich wachgelegen und habe meinen Kindergartenfreund vermissst.” Wieso ist das so? Was lässt uns glauben, dass jede Zeit unseres Lebens besser war als die Gegenwart, in der wir uns befinden? War denn früher wirklich alles besser? Oder handelt es sich schlichtweg um eine radikale Idealisierung des Vergangenen?

Fakt ist, an der heutigen Gegenwart kann es nicht liegen. Es war 106 vor Christus, als Marcus Tullius Cicero geboren wurde. Er wurde später zu einem der wichtigsten Schriftsteller und Redner der Antike. In einer seiner Reden sagte er: ”O tempora, o mores.” Er beklagte damit die Zeit und die Sitten und wie wenig sie seinen Wünschen entsprachen. Vor versammelter Menschenmenge sprach er sich somit für die Vergangenheit aus, wo die Welt noch in Ordnung war.

Was der gute Mann wohl dazu sagen würde, dass sich heute, im 21. Jahrhundert, alles geändert hatte, nur das nicht? Cicero würde seinen Augen nicht trauen zwischen Autokarawanen, mit künstlicher Intelligenz gesteuerten Robotern und Hochhäusern, aber auf den Straßen würde er den Menschen ins Gesicht blicken und die Unzufriedenheit erkennen, die ihn selbst einst umgetrieben hatte. Er würde die Erkenntnis erlangen, dass sich das Phänomen “Früher war alles besser” durch alle Zeiten zieht, dass die nicht allzu schön erscheinende Gegenwart eines Tages zu einem “besseren Früher” wird. Wie oft hören wir Sätze, die in diese Richtung gehen?

Früher, da war die Jugend fleißiger und artiger, zugleich doch viel rebellischer und nicht vergleichbar mit der goldenen Jugend von damals. „Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.” Nein, das hat niemand gesagt, der gestern einer Gesamtschule in Berlin einen Besuch abgestattet hat. Das war Sokrates, Ciceros Philosophenkollege aus einem früheren Jahrhundert. Dass Sokrates, der von 470 bis 399 vor Christus gelebt hatte, dieselben Worte in den Mund nimmt wie es wir heute tun, sagt bereits vieles aus.

“Früher war alles besser”, das kann sehr einfach auch auf das eigene Leben bezogen werden. Denken wir doch einmal zurück an unsere Kindheit. Wann waren wir sorgenfreier als dort? Wo Sandkastenschlachten und der Kampf um die beste Barbiepuppe die größten Probleme dargestellt haben, war viel Platz, zu träumen. Ich war mir zu diesem Zeitpunkt sehr sicher, mit spätestens 14 Jahren mein erstes Buch zu veröffentlichen, denn was sollte da schon dazwischenkommen? Es war schön, in dieser Blase zu leben, in der alles Böse von uns abgeschirmt wurde. Und es ist schön, sich daran zu erinnern.

Das wissen auch viele andere. Man muss nur einmal auf YouTube “Vorspann Kinderserien” eintippen, schon erscheinen ganze Medleys, mit allen möglichen Kinderserien, die damals auf KiKa oder Super RTL gelaufen sind. Viele von ihnen gibt es heute nicht mehr, hier sind sie festgehalten. Flipper&Lopaka, Jim Knopf, Simsala Grimm, Wickie und die starken Männer, Heidi - bei mir ist die Nostalgie bei diesen Videos absolut vorprogrammiert.
Nur, was genau versteht man überhaupt unter dieser Nostalgie?

Vom Unbehagen an der Gegenwart ausgelöste, von unbestimmter Sehnsucht erfüllte Gestimmtheit, die sich in der Rückwendung zu einer vergangenen, in der Vorstellung verklärten Zeit äußert, deren Mode, Kunst, Musik o. Ä. man wieder belebt. So die Theorie aus dem Internet. Zudem erfährt man, dass sich diese Sehnsucht sowohl auf das eigene Leben als auch nicht selbst erlebte Zeiten beziehen kann. Dass man Zeiten aus seinem eigenen Leben vermisst, ist einleuchtend. Es ist nicht nur die sorgenfreie Kindheit, es ist eigentlich jede schöne Zeit, die wir freiwillig oder zwangsläufig hinter uns lassen. Allzu oft begreifen wir auch dann erst ihren Wert. Die irische Band The Script singt in ihrem Lied “Live like we´re dying” die Zeile: You never know a good thing till it´s gone - wie recht sie haben.

Vielleicht liegt aber genau hier der Punkt, an dem wir das mit der Traurigkeit sein lassen und dankbar sein sollten, dankbar, dass wir diese schöne Zeit überhaupt erleben durften. Es hätte schließlich alles auch ganz anders kommen können. Dass wir traurig sind, weil etwas vorbei geht, zeigt nur, wie schön es war. Nostalgie ist ein Stück weit die Flucht aus einer Gegenwart, in der wir gerade nicht so gerne leben. Das kann ein Licht im Dunkeln sein, und manchmal brauchen wir das.

Wie aber ist das, wenn man nicht der eigenen Vergangenheit hinterhertrauert? Viele Menschen entwickeln eine Leidenschaft für Zeiten, die lange vor ihrem eigenen Leben vorbei gegangen sind. Das sind Schwarz-Weiß-Fotos auf Instagram, das ist die Abteilung “Historische Romane” im Osiander in Sigmaringen. Immer wieder gibt es in der Gegend Mittelaltermärkte. Eine halbe Stunde von Sigmaringen entfernt liegt das 19. Jahrhundert, im Freilichtmuseum Neuhausen ob Eck, widerum 18 Minuten weiter das Mittelalter, auf dem Campus Galli bei Meßkirch. Menschen gehen dorthin, um sich zurückversetzen zu lassen, um mit eigenen Augen zu sehen wie es früher war. Mit viel Liebe wurden Bauten rekonstruiert, Situationen wieder lebensecht dargestellt. In meinen Augen liefern Museen wie diese einen wichtigen Beitrag für das geschichtliche Bewusstsein der Menschen. Es wäre doch sehr seltsam, wenn wir im Hier und Jetzt leben würden, ohne zu wissen wo wir herkommen und wie es früher war.

Der Sinn und Zweck der Nostalgie hört in meinen Augen dort auf, wo Vergangenes nicht nur beschönigt rekapituliert, sondern regelrecht verklärt wird. Wenn die Vergangenheit so sehr überhandnimmt, dass die Gegenwart nicht mehr aktiv gestaltet werden kann. Besonders, wenn es sich bei der Vergangenheit um etwas handelt, das sehr viel mehr grausam war als schön, im Rückblick aber verzerrt wahrgenommen wird. Ein Beispiel für dieses Phänomen ist die sogenannte “Ostalgie”, bei welcher die Menschen der DDR nachtrauern, sie anhand von DDR-Musik, -Kleidung und -Lebensmittel wieder in die Gegenwart rücken. Die DDR war eine Diktatur, ein Unrechtsstaat, aber die Menschen hingen und hängen an ihr. Das zeigt beispielsweise der 2003 erschienene Film “Goodbye Lenin” sehr eindrücklich. Meiner Meinung nach ist es schwierig, wenn Menschen sich eine Diktatur als Staatsform zurückwünschen. Auf der anderen Seite haben die Menschen aus dem Osten mit der Wende ihren gesamten Alltag verloren, alles, worauf sie sich zuvor gestützt haben, und das tut immer weh, egal wie dieser Alltag letztendlich aussah.

Und am Ende ist es wohl immer so, dass wir das Gute im Kopf behalten und das Schlechte vergessen. Das macht uns nicht unbedingt zu naiveren, dafür aber zu glücklicheren Menschen. So schrieb der Autor Thomas Brussig in seinem Roman “Am kürzeren Ende der Sonnenallee”: Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.

In diesem Sinne - schlaft alle gut und glücklich und träumt von Erinnerungen. Und vergesst nicht, morgen wieder im JETZT aufzuwachen.

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