Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Lara und das Ehrenamt

24.05.2019

Mit ungefähr 14 Jahren war ich auch schon so spät auf, wie ich es heute bin. Auch damals hatte ich schon die Angewohnheit, Dinge immer bis zum letzten Moment aufzuschieben. Während ich mich damit heute eher auf Hausaufgaben, Klausuren und den neusten Blogbeitrag beziehe, gab es für mich im Jahr 2014 noch etwas ganz anderes zu tun: einen Ministrantenplan zu erstellen.

Ich war Oberministrantin meiner Gemeinde, und habe oft Nachtschichten damit verbracht, die Ministranten für die kommenden Wochen einzuteilen. Bis mein semi-optimales Zeitmanagement irgendwann endgültig scheiterte und ich den Posten als Oberministrantin abgegeben habe. Ganz losgelassen hat mich das Ehrenamt zwar bis heute nicht, aber mit dem Amt als Oberministrantin fing alles an. Für mich ist es mittlerweile weit weg, aber es gibt jemand anderes, der sich damit bestens auskennt.

Lara ist auch spät auf. Während sich andere ausruhen oder mental auf den nächsten Schultag vorbereiten können, ist sie fleißig damit beschäftigt, den neuen Plan für die Inneringer Ministranten zu erstellen. Oder aber sie plant den Ausflug der Ministrantengruppe im kommenden Sommer. Vielleicht überlegt sie auch, wie sie den neuen Kindern, die nach ihrer Kommunion beschlossen haben, Ministrant zu werden, den Gottesdienstablauf am besten beibringen kann. Der wird auch von den langjährigen Ministranten gut und gerne vergessen – ohne regelmäßige Ministrantenproben und extra Proben vor Hochfesten würde vermutlich jeder Gottesdienst im Chaos enden. Damit sie über besondere Ereignisse und anstehende Feiern im Kirchenjahr im Bilde ist, nimmt Lara auch an der Teamsitzung der Kirchengemeinde teil. Oberministrant, könnte man beinahe meinen, ist ein Vollzeitjob. Dabei ist Lara eigentlich einfach nur Schülerin.

Vor etwa drei Jahren haben sie, ihre Schwester und ihre beste Freundin beschlossen, zu dritt das neue Oberministranten-Team der Pfarrgemeinde St. Martin in Inneringen zu werden. Ihre Beweggründe waren einfach: sie wollten gerne Verantwortung übernehmen!

Verantwortung übernehmen – dies ist die Aufgabe von rund 14 Millionen Menschen in Deutschland, die Träger eines Ehrenamtes sind. Unter Ehrenamt ist prinzipiell eine freiwillig ausgeübte, unentgeltliche Tätigkeit zu verstehen, die dem Allgemeinwohl einer Gruppe oder Gemeinde zugute kommt. Ein Ehrenamt kann in zahllosen verschiedenen Bereichen ausgeübt werden – in der Kirche, in der Seelsorge, der Schule, dem Sportverein, der Feuerwehr, in Betreuungsangeboten und und und. Beachtenswert ist, dass auch viele Jugendliche unter den Ehrenamtlichen sind, so gaben in einer Umfrage 52 Prozent von Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren an, sich ehrenamtlich zu betätigen. Was reizt Jugendliche daran, sich einzusetzen, ohne explizit dazu aufgerufen worden zu sein?

„Das Beste daran, Oberministrant zu sein, ist die Freizeit, die man mit den Ministranten verbringt“, meint Lara. „Es bildet sich eine Gemeinschaft, in der ein gewisser Zusammenhalt herrscht. Es gibt einfach immer diese Leute, die immer da sind, Leute, auf die man sich verlassen kann.“ Auf dieser Grundlage entstehen in Inneringen viele Aktionen. So ziehen die Ministranten jedes Jahr an einem Freitag in der Fastenzeit los und sammeln Gemüse. Was absurd klingt – an Haustüren klingeln und nach Kartoffeln, Karotten und Co. zu fragen – stößt in Inneringen auf großen Anklang und die Ministranten kehren abends zufrieden und mit einem vollen Leiterwagen nach Hause zurück. Am Samstagmorgen geht das Gemüse-Wochenende in die zweite Runde: im Haus der Begegnung, dem Pfarrheim von Inneringen, treffen sich alle zur „Schnippel-Disco“. Bei Musik und guter Unterhaltung wird das zuvor gesammelte Gemüse gewaschen, geschnitten und zusammengemischt, sodass am Sonntag die ganze Gemeinde nach der Kirche zum Fastenessen eingeladen ist und die leckere Suppe genießen kann. Ohne Ministranten wäre das nicht möglich.

Auch wenn eine Beerdigung in der Gemeinde ansteht, für die spontan Ministranten gebraucht werden, weiß Lara, wen sie anrufen kann, weil er in der Regel bereit ist, zur Kirche zu kommen. Trotzdem gibt es auch Momente, an denen Lara der Spaß am Oberministranten-Amt vergeht. Beispielsweise an Tagen, an denen Ministrantenproben anstehen und nur die Hälfte der Ministranten überhaupt ankreuzt. Das Resultat ist eine verschwendete Zeit für Lara und ein chaotischer Gottesdienst am nächsten Tag, weil keiner so recht weiß, was er zu tun hat.

Ehrenamt bedeutet leider auch ab und zu, sich Mühe zu geben, ohne etwas zurück zu bekommen. Aber Lara spornt es an, dass viel von ihnen abhängt: „Ohne den Mini-Plan oder unseren Besuch bei der Gemeindesitzung wüssten die Minis nicht, was zu tun ist.“ meint Lara. „Wir machen das alles den Minis zuliebe!“ Wem es nicht passt, was Ehrenamtliche machen, soll selbst aktiv werden. Diesen Satz muss man sich oft vor Augen halten, um mit dem Frust, den die Arbeit manchmal mit sich bringt, umgehen zu können. Auch ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie Lara – von Ministranten, die man theoretisch Sonntagmorgens anflehen müsste, damit sie aufstehen und in die Kirche gehen. Die Arbeit, die etwa hinter einer von Ministranten organisierten Andacht oder einem Ausflug steckt, wird von vielen übersehen und wenig wertgeschätzt.

Häufig ist es auch so, dass bei Hinstrecken eines kleinen Fingers direkt die ganze Hand genommen wird. So bin ich heute in meiner Gemeinde als Lektorin tätig, musste aber erst einmal klarstellen dass ich ansonsten gerade nicht viel mithelfen kann – zeitlich, und weil ich gar nicht weiß, wie lange ich noch in Inneringen wohnen bleibe. Trotz derartiger Erfahrungen bleibt die Anzahl an in Deutschland ehrenamtlich tätigen Menschen konstant. Die schönen Dinge, die Ergebnisse langer Arbeit, entschädigen für vieles.

Für Lara und ihr Oberministranten-Team ist es das Gelingen eines Ministrantenausfluges, das Lob der Gottesdienstbesucher, oder aber die langersehnte Mini-Wallfahrt nach Rom. Als SMV-Mitglied in der Schule genieße ich es besonders, drei Tage mit der ganzen SMV-Gruppe auf Tagung zu sein, neue Aktionen zu planen und zu wissen, dass auf die rund 50 Leute um mich herum Verlass ist, wenn es darum geht, etwas Neues auf die Beine zu stellen.
So findet jeder Ehrenamtliche einen kleinen, ganz speziellen Sinn in seiner Arbeit, der sie durchhalten lässt, wenn es ab und zu schwierig wird.

Lara und ihr Team können sich vorstellen, auch in Zukunft ehrenamtlich tätig zu sein. Dafür, sind sie sich einig, lohnt es sich auch, ab und zu mal spät auf zu sein.
 

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