Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Kunstwerke aus Worten

22.02.2019

Es gibt einige Dinge, die längst Vergangenheit sind und uns dennoch noch nachts aufschrecken lassen. Alpträume bereiten mir beispielsweise nach wie vor die Kopfrechen-Tests in Klasse 4, die mein Mathelehrer von damals mit viel Leidenschaft und hoher Motivation die Häufigkeit betreffend praktizierte. Der Deutschunterricht dagegen stellte für mich meist kein großes Problem dar, während andere bis heute mit einem Stöhnen daran zurückdenken, wie wir in stundenlanger Kleinarbeit das Schreiben lernen mussten.

Und insbesondere: die Schönschrift. Wer erinnert sich nicht an die allerersten Schulhefte, deren Seiten noch mit besonderen Linien gefüllt waren, die das Schreiben erleichtern sollten, weil sie genau auf die erforderliche Größe der Buchstaben abgestimmt waren? An die ersten eigenen Buchstaben und die außerordentlich schwierige Prüfung des Füller-Führerscheins? Sicherlich werden Dinge wie diese je nach Schule unterschiedlich gehandhabt, aber zumindest ich musste in meiner gesamten Grundschullaufbahn sämtliche Aufschriebe in Schreibschrift und mit dem Füller anfertigen.

Als es dann auf dem Gymnasium keinen Lehrer mehr interessiert hatte, wie wir unsere Sätze aufgeschrieben hatten, Hauptsache wir taten es, fühlte ich mich ungefähr so frei wie an meinem 18. Geburtstag bei meiner ersten Autofahrt. Schreibschrift war seitdem eine seltene Option, wenn dann versuchte ich spaßeshalber, mich an all die in der ersten Klasse mühsam erlernten Regeln zu halten – meist erfolglos. Im Laufe der Jahre hat sich mein Schriftbild extrem verändert und es variiert noch immer je nach Stift, Papier und Laune. Dies ist an meinen zahllosen Klassenarbeiten, Hausarbeiten und Klausuren, die ich in meiner gesamten Schulzeit mal mehr und mal weniger erfolgreich zu Papier gebracht habe, sehr gut dokumentiert. Was aber passiert, wenn das Schreiben mit der Hand zunehmend in den Hintergrund rückt?

Im Zuge der Digitalisierung steigt die Nutzung von Tastaturen und anderen Eingabegeräten, sowohl im privaten als auch im dienstlichen Gebrauch, an. Es gibt in Deutschland bereits Schulen, die gänzlich auf Tablets oder Laptops als Unterrichtsgegenstand umgestellt haben, um etwa die zahllosen Möglichkeiten, die das Medium bietet, zu nutzen und die Umwelt durch den Verzicht Papierausdrucke zu schützen. Experten sehen in dem Wandel jedoch auch große Nachteile: werden Schüler nicht mehr ausreichend dazu aufgefordert, längere Texte per Hand aufzuschreiben, verkümmert nach und nach die Handschrift, was sich wiederum negativ auf die Leistungen des Gehirns auswirken kann.

Das klingt drastisch - ist aber plausibel, wenn man bedenkt, dass die wenigsten Jobs heutzutage eine häufige Benutzung der eigenen Handschrift beinhalten. So sollte zumindest in der Schule darauf Wert gelegt werden, weniger auf Multiple-Choice und Computerarbeiten als auf schriftliche Arbeiten zu setzen. Für manche Menschen kann erst das handschriftliche Notieren von Informationen oder Lernstoff zu einer tiefen Verankerung im Gehirn und somit zu einem nachhaltigen Lernprozess führen. Auch können emotionale, komplexe, zwischenmenschliche Inhalte per Hand manchmal besser in Worte gefasst werden als vor einem leuchtenden Display.

Die Handschrift ist nicht nur nützliches oder obligatorisches Werkzeug, wenn es um schriftliche Kommunikation und Austausch geht, sie kann tatsächlich Aufschluss über Charakteristika des Schreibers geben. So lautet eine Theorie, eine unordentliche, schwer leserliche Handschrift könne für eine besondere Intelligenz sprechen – eine erfreuliche Nachricht für alle, die mit ihrer „Sauklaue“ bisher eher Kritik als Anerkennung erfahren haben. Ganze Internetseiten beschäftigen sich mit der Deutung von Handschriften. Das Motto: „Zeig mir wie du schreibst, und ich sage dir, wer du bist." Einmal war ich neugierig, wollte es selbst wissen. In einer halbstündigen Befragung beschrieb ich meine Handschrift – und erhielt eine detaillierte Beschreibung meines Charakters, die tatsächlich nahezu identisch zu meiner eigenen Einschätzung war.

Mich fasziniert das. Das, und die Tatsache, dass wir alle in der ersten Klasse mit den mehr oder weniger gleichen Regeln das Schreiben lernen. Wir wissen genau, wie ein Buchstabe auszusehen hat und dennoch entwickelt – sobald die wenig Spielraum bietende Schreibschrift nicht mehr verpflichtend ist – jeder seine eigene, unverwechselbare Handschrift.

Der Wert einer selbst angefertigten, schönen Schrift ist auch Grundbaustein des sogenannten „Handlettering Trends“. Vor einigen Jahren aufgekommen, ist er heute in Schreibwarenläden, Stiftsortimenten und Büchern zu finden, die eigens zu diesem Thema verfasst wurden. Im Grunde genommen geht es schlichtweg darum, schön zu schreiben. Dabei gibt es nicht, wie etwa bei der in Schulen vermittelten Schreibschrift, genau ein Alphabet beziehungsweise eine bestimmte Form für jeden Buchstaben. Viel mehr ist jeder Buchstabe oder auf Englisch letter ein Kunstwerk für sich und kann mitunter viel Zeit in Anspruch nehmen.

Ziel ist es, Inhalte optisch ansprechend zu kommunizieren, etwa auf Grußkarten oder in ganzen Briefen. Elemente wie Striche, Strahlen, Blumen oder Punkte werden mit der Schrift kombiniert und vervollständigen das Kunstwerk. Die Varianten sind endlos, ebenso die Inspirationen, die auf sozialen Netzwerken wie Instagram und Pinterest, in Internetblogs oder in Büchern zu finden sind. Es gibt kein richtig oder falsch – und somit auch keine genaue, funktionierende Anleitung. Mit einigen wenigen Tipps kann das Handlettering von jedem umgesetzt werden, egal wie begeistert er in Klasse eins von den ersten Einheiten der Schreibschrift war.

1. Das richtige Schreibwerkzeug: in Schreibwarenläden oder im Internet findet sich eine große Auswahl an Stiften oder Pinseln, die in ihrer Breite, Dicke, Farbe und Intensität variieren, sodass jede Idee optimal umgesetzt werden kann. Wichtig ist jedoch: Es braucht keine teuren Kalligrafie-Stifte, im Grunde genommen ist jeder Stift ausreichend, um mit ihm ein Kunstwerk zu erschaffen.

2. Neben dem Stift spielt auch das Papier eine entscheidende Rolle. Wer zu Beginn noch unsicher ist oder sich bei der einheitlichen Darstellung der Buchstaben schwer tut, kann zu Papier mit Hilfslinien oder Punkten greifen und sich anhand von ihnen orientieren.

3. Es wäre wohl vorteilhaft, sich zunächst über den Inhalt des Textes im Klaren zu sein. Dieser Inhalt kann ALLES sein und beim Üben auch gar keinen Sinn ergeben. Trotzdem kann es hilfreich sein, sich zu überlegen, welche Worte besonders im Vordergrund stehen sollen. Diese können sich vom Rest des Textes abheben, indem sie zum Beispiel mit einer anderen Dicke, einer anderen Größe oder Farbe oder in einer anderen Schriftart geschrieben werden.

4. Ein grober Anhaltspunkt, der nicht eingehalten werden muss, es aber kann, ist folgende Methode: Linien, die man von unten nach oben zieht, bleiben dünn, Linien, die von oben nach unten gezogen werden sind dicker.

5. Übung macht den Meister. Handlettering funktioniert immer und überall, und je öfter man sich daran probiert, umso routinierter wird man. Sehr zu empfehlen ist hier die Schule, denn solange man es nicht allzu auffällig macht, kann man hier bei den Aufschrieben endlich mal wieder ein wenig Spaß haben. Fakt ist: ich habe wunderschöne Überschriften in meinen Heften – zu Themen, die mich eigentlich nicht im Ansatz interessieren.

Eine weitere, sehr praktische Art und Weise, Handlettering einzusetzen, ist das Bullet-Journaling. Dieser Trend geht Hand in Hand mit dem des Handletterings und befasst sich mit der Gestaltung eines eigenen Buches, einer Mischung aus Kalender, Erinnerungs- und Tagebuch. Spätestens Anfang 2017 hat auch mich das Gestaltungsfieber befallen, seitdem bestehen meine Jahreskalender zu Beginn aus leeren Notizbüchern, die ich dann mit den Wochenübersichten und anderen Notizen selbst fülle. Ich kann diese Art des Selbstmanagements nur weiterempfehlen!

Dank dem anhaltenden Handlettering-Trend ist ein baldiges Aussterben der Handschrift glücklicherweise nicht zu befürchten. Die „Kunst der Buchstaben“, das sorgfältige Arbeiten an jedem einzelnen Wort stellt einen angenehmen Kontrast zu der Schnelllebigkeit unserer Zeit dar. Und womöglich stellt es sogar eine Heilungschance für Schreibschrift-Traumata aus der Grundschule dar, sodass die Alpträume fortan der Vergangenheit angehören werden. Spät auf bleiben wir wohl trotzdem – dann aber wieder aus angenehmeren Gründen.
 

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