Kölle Alaaf - Auf dem Kölner Karneval

08.02.2019

Gründe, spät auf zu sein, gibt es viele. Gerade zur Fasnetszeit gibt es nun Mal besseres zu tun als friedlich zu schlafen. Meistens fällt man nach einem Umzug spät nachts todmüde ins Bett, nachdem die Busfahrt vom Umzugsort nach Hause auch überstanden ist. Was aber, wenn man die Fasnet einmal gar nicht in der eigenen Region feiert, sondern fernab von jeglichen bekannten Bräuchen und Partylocations?

Meine Schulfreundin Anna weiß: Das ist eine Erfahrung, die es sich definitiv lohnt zu machen! Anna ist 18 Jahre alt, die schwäbisch-alemannische Fasnet ist für sie längst kein Neuland mehr. Seit ihrem 6. Lebensjahr läuft sie begeistert auf den Umzügen der Region mit, als Teenager beginnt sie, sich aktiv für ihren Verein einzubringen, sei es als Verkaufsdienst hinter der Theke oder als tatkräftige Hand beim Auf- und Abbau eigener Fasnetsveranstaltungen im Ort. Was ihr an der Fasnet so sehr gefällt? „Bei uns feiern wirklich sehr viele junge Leute aus dem ganzen Ort zusammen, auch mit den älteren. Jung, alt – die ganze Narrenzunft feiert ein großes Fest, an dem alle gleichermaßen Spaß haben!“ In dieser Narrenzunft gibt es auch Mitglieder, die nicht nur der eigenen Fasnet jedes Jahr treu bleiben, sie sehen auch regelmäßig über den Tellerrand: auf dem Kölner Karneval, insbesondere auf der Sessioneröffnung am 11. November.

Dieser Tag fällt logischerweise nicht immer auf das Wochenende, aber als es im Jahr 2017 wieder einmal so weit ist, kommt die Narrenzunft auf eine Idee: Wieso nicht einmal der ganzen Mitgliedschaft zeigen, welche Ausmaße das närrische Treiben anderswo hat? Anna ist begeistert, meldet sich an – und ist kurz darauf auf dem Weg nach Köln.

Nach den gemeinsamen Anfängen der Fastnacht im 13. Jahrhundert haben sich im Laufe der Zeit zwei unterschiedliche Richtungen ausgebildet: die uns allen eher bekannte schwäbisch-alemannische Fasnacht, und der rheinische Karneval. Dieser ist wiederum lediglich ein Oberbegriff für zahlreiche Untergruppen wie dem Düsseldorfer Karneval, der Mainzer Fastnacht oder eben auch dem Kölner Karneval. Seit der frühen Neuzeit entwickelten sich unter diesem Begriff unzählige Bräuche und Traditionen. Die bekannteste ist wohl der Ausruf „Kölle Alaaf!“, der als Narrenruf in etwa das Gegenstück zu dem in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht häufig benutzten Narrenruf „Narri Narro!“ bedeutet. Die Karnevalszeit in Köln, die sogenannte Karnevalsession, ist unter anderem geprägt von Büttenreden, Tanzauftritten und Umzügen gigantischen Ausmaßes, insbesondere am Rosenmontag, an dem sich die Stadt Köln in eine Karnevalshochburg verwandelt. Der Beginn dieser närrischen Zeit ist jedoch schon viel früher: am 11.11. um 11 Uhr 11.

„Mein erster Eindruck war: wie viele Menschen können eigentlich auf einem einzigen Platz stehen?“ Anna schüttelt den Kopf. „Ich wusste zuvor, dass viel los sein wird, aber wie sich so viele Menschen auf diesen eigentlich riesigen Platz quetschen konnten ist mir ein Rätsel. Ich stand nur da und dachte: wen ich hier verliere, finde ich dann auch nicht mehr.“ Die Sessioneröffnung findet auf dem sogenannten Heumarkt statt, ein großer Platz, auf den am 11.11. jedes Jahr mehrere tausend Jecken strömen. Je näher es auf 11:11 Uhr zugeht, desto voller – und enger – wird es. Auf einer großen Bühne sorgt das Kölner Dreigestirn und mehrere Bands für Stimmung, untermalt von den sogenannten „Kölsch-Liedern“, deren Texte Anna und ihre Narrenzunft zunächst nicht kannten. „Manche Lieder waren aber wirklich schnell zu lernen. Es war generell nicht schwer, mit anderen ins Gespräch zu kommen, weil in Köln dieselbe Offenheit herrscht, wie bei uns auf der Fasnet.“

So tanzt Annas Narrenzunft die Polonaise nicht lange alleine, bis sich ihnen fremde Jecken anschließen. Die Stadt ist in Hochstimmung, von den frühen Morgenstunden bis in die Nacht hinein wird gefeiert. Dabei spielt sich ein Großteil auf offener Straße ab – oder in den zahllosen Kneipen. Barzelte, wie sie auf der schwäbisch-alemannischen Fasnet häufig am Ende der Umzugsstrecke zu finden sind, gibt es in der Regel nicht. Die Unterschiede zwischen dem Südwesten und dem Westen sind auch sonst teilweise sehr groß. Wenn im Januar und Februar die Zeit der Narrensprünge und Paraden beginnt, holen die Narren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ihre aufwändig gestalteten Masken und Gewänder hervor. Gefährte, wie Traktoren mit thematisch zu den Figuren der jeweiligen Zunft gestalteten Anhängern, kommen vor, sind aber kein zwingender Bestandteil des Umzuges. Viel mehr steht die Interaktion zwischen Narren und Zuschauern im Vordergrund. Hexen erschrecken Groß und Klein, Gardemädchen flüchten vor der gefürchteten Stange, kleine Kinder freuen sich über die süßen Geschenke der vorbeiziehenden Narren.

Dieser direkte Kontakt findet in Köln so nicht statt, weiß Anna von der Arbeitskollegin ihrer Mutter. Zwischen der Umzugsbahn und den Zuschauerrängen sorgen Barrieren für ausreichende Distanz. Diese ist auch notwendig, denn die Umzugsteilnehmer fahren auf großen Wagen durch die Straßen. Sowohl ihre Wägen als auch die Kostüme unterliegen einem bestimmten, manchmal gar politischen Thema, die Gesichter sind meist nicht maskiert. Die Zuschauer werden für ihre Geduld belohnt – mit Unmengen an Bonbons, die von den Mitfahrern auf den Wägen hinuntergeworfen werden. „Ich habe den Eindruck, dass bei uns auf der Fasnet das Mitmachen und die Interaktion zwischen Zuschauern und Narren mehr im Vordergrund steht. In Köln dagegen ist alleine das Zusehen bei den Umzügen schon die Attraktion“, meint Anna.

Auch das Angebot an Getränken unterscheidet sich stark. Genau genommen: „Es gibt dort überwiegend Bier. Kölsch hier, Kölsch da. Getränke wie Sekt, Hugo und Spirituosen kann man nur in Dosen kaufen.“ Dass auch Kölsch definitiv zum Vollrausch führen kann, konnte Anna mit eigenen Augen erleben. Bereits am hellichsten Tage waren erste Jecken am Ende ihrer Kapazität. „Bei vielen jungen Menschen ging es wirklich nur noch um den Alkohol“, schildert Anna. Aber sie konnte auch oft das Gegenteil beobachten: „Besonders die Erwachsenen haben stark zu der Tradition beigetragen, mit aufwändigen Kostümen und viel Begeisterung. Da ist die Tradition noch deutlich spürbar, und sie wird auch aufrechterhalten. Nur eben nicht von allen.“

Die Problematik, dass vor allem Jugendliche das Brauchtum als Vorwand für einen übertrieben hohen Alkoholkonsum nutzen, scheint nicht auf eine der beiden karnevalistischen Bewegungen in Deutschland beschränkt zu sein. Für mehr Sicherheit und Gewaltfreiheit fordern immer mehr Menschen ein altersunabhängiges Ausschankverbot alkoholischer Getränke. Ob derartige Änderungen in Zukunft tatsächlich umgesetzt werden können, erscheint fraglich. Die Sicherheitsvorkehrungen sind generell wenig präsent, so der Eindruck von Anna.

Als am Morgen des 11.11. die ersten Zuschauer auf den Heumarkt strömen, ist etwa von Taschen- oder Ausweiskontrollen keine Rede. Zwar beginnen später Sicherheitsdienste, den Platz abzusperren, um eine Überfüllung zu verhindern, zu diesem Zeitpunkt sind ein Großteil der Menschen aber längst unkontrolliert an den Ort des Geschehens gelangt. Die Angst vor Terror scheint den Karneval noch nicht ergriffen zu haben – abgesehen von dem Aspekt der Sicherheit ein starkes, positives Zeichen dafür, dass sich der Geist und die Lebhaftigkeit der Narren nicht unterkriegen lässt.

Sowohl in der schwäbisch-alemannischen Fasnacht als auch im rheinischen Karneval lebt die Tradition also weiter. Für welche Form sich Anna entscheiden würde? „Sehr schwierig zu sagen. Mir gefällt das Kleine, Persönliche auf der schwäbischen Fasnet besser. Jeder kennt jeden, es ist viel interner, während in Städten wie Köln natürlich eine gewisse Anonymität vorherrscht. Es ist einfach anders als bei uns.“ Letztendlich, da ist sich Anna sicher, ist dies aber vor allem Gewohnheitssache. „Wären die Kölner bei uns auf der Fasnet, würden sie wahrscheinlich genauso denken: die spinnen doch!“

Das Mitmachen und Feiern gefällt einem wohl immer dort am besten, wo man aufgewachsen ist, wo man die Texte der Lieder im Schlaf kennt und nichts anderes gewohnt ist. Trotzdem ist Anna glücklich, die Erfahrungen auf dem Kölner Karneval gesammelt zu haben. Bis auf ein Problem: „Versuch mal, in dieser Menschenmasse an eine Toilette zu gelangen: das ist ein einziger Alptraum!“

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Nachteule-Tabitha

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