Ich bin dann mal weg! Für einen Monat auf zis-Reise

16.08.2019

Jean Walter ist spät auf. Es ist 1939, und seine Jugend liegt bereits einige Jahre zurück, aber er kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Erinnerungen kommen zurück in seinen Kopf. Wie er eines Tages aufbrach, um von Frankreich nach Istanbul zu fahren. Ganz alleine. Mit dem Fahrrad.

Es war eine Reise voller Hindernisse, aber eine, bei der er sich selbst kennengelernt hat. Er hat Erfahrungen gesammelt, die er nicht missen will, und still und heimlich ist danach in ihm der Wunsch gewachsen, dieses Glück auch an andere Jugendliche weiterzugeben. Er ist mittlerweile vermögend, und in diesen schlaflosen Nächten ist die Idee bereit zur Umsetzung: er beginnt, privat Stipendien an junge Menschen auszuteilen, die ähnlich abenteuerliche Reisepläne im Kopf haben wie es einst bei ihm selbst der Fall war. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ist, führt er sein Vorhaben als Projekt „Fondation Zellidja“ fort, benannt nach einer nordafrikanischen Lagerstätte.

Immer mehr französische Jugendliche reisen so in die Welt hinaus und tragen die Idee von Jean Walter weiter. Solange, bis der Schulleiter der Internatsschule Schloss Salem, Prinz Georg Wilhelm von Hannover 1956 davon erfährt. Es entsteht eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich, die ebenfalls an der Schule Schloss Salem beschäftigte Lehrerin Marina Erwald übernimmt die Organisation der deutschen Version von „Fondation Zellidja“. Es folgen Jahre der Veränderungen, immer wieder ändert sich die Trägerschaft der deutschen Stiftung, bis 2002 die Zis so vorliegt, wie sie bis heute besteht: als gemeinnützige Stiftung mit Eberhard Leitz als erster Vorsitzender des Vorstandes.

Jean Walter, mit dem alles begann, ist zu diesem Zeitpunkt längst verstorben. Doch was er an Grundsätzen zurückgelassen hat, beinhaltet das Reisestipendium von Zis bis heute, und ein jeder Jugendlicher, der seinen Spuren auf einer eigenen Reise folgen will, wird früher oder später damit in Berührung kommen.

Im Grunde genommen hatte ich es meiner ausgeprägten Leidenschaft für Kreuzworträtsel zu verdanken gehabt, dass ich an einem verschneiten Morgen im Dezember jene Zeitung aufgeschlagen hatte. Anstelle des Kreuzworträtsels fand ich einen Artikel über ein Mädchen aus unserer Region, die vergangenen Sommer vier Wochen in Südfrankreich verbracht hatte – ohne einen Cent selbst dafür bezahlen zu müssen. „Verrückt!“ war mein erster Gedanke, und mein zweiter war: „Das will ich auch!“ Die Recherche, die ich postwendend im Internet machte, kostete mich nur drei hastig eingetippte Buchstaben: Z – I – S. Wenige Sekunden später erschien das orangene Logo von Zis auf dem Bildschirm, gefolgt von der konkreten Ansage: „Wir fördern deine Neugier!“

Wie man die Neugier eines Jugendlichen fördert? Indem man ihm 600 Euro in die Hand drückt, und ihn für vier Wochen in die Welt hinausschickt. Ohne Flugzeug, ohne Begleitung und mit der Aufgabe, so viele Eindrücke wie möglich zu sammeln. Aus diesen Eindrücken soll in den drei Monaten nach der Rückkehr ein ausgearbeiteter Reisebericht entstehen, dessen Thema sich der Jugendliche selbst aussucht – vor Antritt der Reise selbstverständlich. Mit diesen Prinzipien vermittelt zis Werte wie Selbstständigkeit, Umweltbewusstsein, Offenheit und Toleranz.

Natürlich wäre es entspannter, mit der besten Freundin zu reisen, aber kann man sich den Menschen, denen man begegnet, unter diesen Umständen wirklich auf die selbe Weise öffnen wie alleine? Sicher wäre eine Anreise mit dem Flugzeug entscheidend angenehmer als eine stundenlange Fernbus-Fahrt, aber spürt man so wirklich die physische Distanz, die man zurückgelegt hat, und die nun zwischen der vertrauten Heimat und der unbekannten Fremde liegt? Und weil 600 Euro definitiv nicht ausreichen, um sich für einen Monat in ein Hotel einzuquartieren, ist man praktisch gezwungen auf Einheimische zuzugehen und auf ihre Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit zu vertrauen. Dass das funktioniert, wird spätestens 2017 deutlich, als sich der 2000. Jugendliche mit zis auf den Weg ins Ausland macht.

Ich persönlich musste mich von diesen Argumenten nicht lange überzeugen lassen. Für mich stand fest, dass ich mich bewerben wollte. Damals hauptsächlich, um auf die zu diesem Zeitpunkt meines Lebens äußerst gefürchtete Frage: „Und was hast du nach dem Abitur vor?“ endlich mit einer konkreten Antwort beantworten zu können. Spät auf in der Nacht schrieb ich an meiner Bewerbung, erstellte Reisekonzepte und verwarf sie wieder, startete neue Anläufe. Das zweitgrößte Hindernis war für mich, sich auf ein Reiseland festzulegen und auf ein Thema, dass ich dort erforschen wollte. Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass ich auf die Äolischen Inseln nordöstlich von Sizilien zurückkehren wollte, die mich bei der Geographie-Exkursion in der elften Klasse sehr fasziniert hatten, insbesondere die Tatsache, dass auf einigen der sieben Vulkaninseln der Verkehr noch vollständig mit Eseln statt Auto bewerkstelligt wird. In den Wintermonaten sind manche Kinder vom Schulunterricht abgeschottet und spätestens nach dem Schulabschluss müssen sich junge Menschen dort eine entscheidende Frage stellen: Gehen oder bleiben?

In einer Lebensphase, in der ich selbst mit Umbrüchen, Entscheidungen und Zukunftsängsten zu kämpfen habe, frage ich mich: wie geht es Jugendlichen damit, die auf einer Insel so groß wie eine Kleinstadt aufgewachsen sind? Damit war die Frage nach dem Motto meiner Reise abgehakt, und während ich schon völlig enthusiastisch war, näherte sich aus der Ferne der desillusionierende Bewerbungs-Punkt „denkbare Kontaktpersonen“. Dieser ließ mich lange an der Umsetzbarkeit meiner Reise zweifeln. Wie sollte ich in meinem kleinen Zimmer in Mitteleuropa an Menschen gelangen, die auf einer kleinen Insel namens Alicudi gerade ihre Esel füttern? Aus Verzweiflung verwarf ich meinen ganzen Plan und hörte auf, an der Bewerbung zu schreiben. Das war wohl der entscheidende Punkt, denn schon beim Zuklappen des Laptops spürte ich, wie in mir der Tatendrang erwachte, der unbedingt wollte, dass ich diese Reise antrat. Dieser Tatendrang brachte mich auf die Idee, dem Mann eine E-Mail zu schreiben, der uns während unserer Klassenfahrt auf die Vulkane Ätna und Stromboli begleitet hatte. Von diesem Tag an hatte ich nie wieder an meiner Motivation für die Reise gezweifelt – und eine Woche später hatte ich dank jenem Vulkanführer eine komplette Liste an denkbaren Kontaktpersonen.

Nach dem Abschicken der Bewerbung hieß es für eine ganze Weile lang nur: warten. In diesen vier Wochen vom Anmeldeschluss bis zur Bekanntgabe der Jury hatte ich mir bereits drei Mal erfolgreich eingeredet, dass es ohnehin nichts werden würde, um meine Erwartungen klein zu halten. Zu meiner großen Freude (und der Enttäuschung meiner Mutter, der es lieber wäre ich würde im sicheren Inneringen bleiben) erreichte mich am 12. März die Nachricht: ich war in der nächsten Runde!

Die „Nächste Runde“ bedeutete, dass ich weiter an meinem Reiseprojekt arbeiten durfte. Im Mai fuhr ich dafür auf die sogenannte „Mai-Tagung“ nach Schloss Salem. Dort traf ich meine zis-Mentorin, die mich fortan bei meiner Reiseplanung unterstützen würde – und auf rund 30 andere Jugendliche, die das gleiche Ziel hatten wie ich: auf und davon! In zwei intensiven Tagen lernten wir uns, die Stiftung und den letzten Jahrgang kennen, wobei wir auf die interessantesten Reisethemen stießen. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass man sich problemlos vierzig Tage mit dem Wert der Sauna in der finnischen Gesellschaft beschäftigen kann, ohne dass es langweilig wird? Die vielen Geschichten, die Reiselust der anderen und die informativen Workshops haben mir Mut gemacht, an meine eigene, zu diesem Zeitpunkt noch weit entfernt scheinende Reise zu glauben, und daran weiterzuarbeiten. Bis ich dann eines Tages tatsächlich die Zusage hatte!

Jetzt bin ich hier. Mit 600 Euro auf dem Konto, ein paar Brocken Italienisch im Kopf und einem Reisetagebuch mit weißen Seiten im Rucksack. Es sind jetzt noch sieben Tage, bis die Autofähre im Hafen von Stromboli einlaufen wird. Noch sieben Tage, bis das größte Abenteuer meines Lebens beginnt. Alleine wenn ich daran denke, werde ich so aufgeregt, dass an Schlafen nicht zu denken ist. Offensichtlich hört das niemals auf, und so werde ich wohl auch in sechs Wochen wieder spät auf sein – und hoffentlich ebenso erfüllt von meiner Reise, wie es eines Nachts, 1939, der Franzose Jean Walter war.

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Nachteule-Tabitha

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