Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Gemeinschaftsleben International: Flüchtlingsarbeit im Haus Nazareth

26.04.2019

Es ist die Zerreißprobe für einen gesamten Kontinent, ein Streitthema der internationalen Politik, eine Erschütterung der Gesellschaft und allem voran ein lebensverändernder Schritt für einen unschätzbar großen Teil der Bevölkerung: die Flucht- und Migrationsbewegung aus von Krieg, Armut und Terror geprägten Ländern nach Europa beziehungsweise in Länder weltweit, in denen sich die Flüchtenden eine Besserung ihrer Situation erhoffen.

Die aktuelle Flüchtlingskrise, die ihre Anfänge und gleichzeitig ihre ersten Höhepunkte im Jahr 2015 hat, lässt Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen wach liegen um spät auf noch Pläne zu schmieden, nach Lösungen zu suchen, für Sicherheit und Stabilität zu kämpfen. Dabei entsteht nicht selten der Eindruck, als sei man als Einzelperson machtlos gegenüber den sich überschlagenden Ereignissen. „Was können wir schon tun?“ Wenn diese Frage laut wird, ist es meist schwierig, eine passende Antwort zu finden.

Umso besser ist es, wenn man für sich einen Weg findet, tätig zu werden, um zumindest einen kleinen Teil beitragen zu können. So wie es auch das Erzbischöfliche Kinderheim Haus Nazareth in Sigmaringen tut. Seit im Jahr 2016 immer mehr Flüchtlinge, und darunter auch immer mehr minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge, in Deutschland angekommen sind, ist die Einrichtung in der Aufnahme dieser Kinder und Jugendlicher involviert. Minderjährige unbegleitete Flüchtlinge werden bei ihrer Registrierung in ein europäisches Land automatisch an das Jugendamt übergeben, das sich anschließend um die weitere Vermittlung an ein Kinderheim, ähnliche Einrichtungen oder eine Pflegefamilie kümmern muss.

Haus Nazareth und Mariaberg sind im Landkreis Sigmaringen die beiden einzigen Träger, die sich fortan umstrukturieren und auf die Neuankömmlinge vorbereiten müssen. An diese neuartige, zunächst durchaus chaotische Situation erinnern sich Frau E. und Frau F. noch gut. Sie sind als Betreuerinnen im Haus Nazareth tätig, sind dabei, als es 2016 darum geht, ein komplett neues, funktionierendes System für die Aufnahme minderjähriger Geflüchteten aus dem Boden zu stampfen. Diese kommen zunächst auf den normalen Kinder- und Jugendgruppen im Kinderheim unter, dann entsteht unter der Leitung von Frau E. und Frau F.  die Jugendwohngruppe „International“. Nach der Intensivbetreuung und der 24-stündigen Hilfe durch die dortigen Betreuungspersonen finden die Jugendlichen hier ihr erstes kleines Stück Freiheit und Selbstständigkeit in der neuen Heimat. Wochen und Monate der Ungewissheit und Aufregung werden abgelöst durch etwas, das sich nach und nach zu einem Alltag entwickelt.

„Und genau dieser Alltag ist es, den die Jungs brauchen“, erklärt Frau F. Ihr Ziel, die Geflüchteten eines Tages als selbstständige und eigenständige junge Erwachsenen aus der Obhut des Haus Nazareth zu entlassen, erreichen sie vor allem durch das Geben von Struktur. Struktur, die sie während der Zeit ihrer Flucht verloren haben – oder aber nie wirklich besessen haben. Das fängt bei banalen, etwa den Haushalt betreffenden Dingen wie Klopapier oder der Benutzung eines Herdes an, betrifft aber auch Grundsätzliches. Für die beiden Bewohner von „JWG 2“, Abdul und Muze etwa ist die in Deutschland völlig selbstverständlich bestehende Struktur eine immense Umstellung zu ihrem Heimatland Äthiopien. Termine, wie etwa beim Zahnarzt, sind dort häufig ebenso wenig verbindlich wie die Busfahrzeiten oder der Schulbesuch, der dort – für uns schwer vorstellbar – nicht verpflichtend ist. „Muss gibt es in Äthiopien eher weniger, nur können“, stellt Frau E. mit einem belustigten Lächeln fest und nickt den Jungs am Tisch zu. „Stimmt's?“

Damit lässt sich erklären, wieso sich viele junge Flüchtlinge zu Beginn mit dem Wort muss so schwer tun. In Deutschland dagegen wachsen die Kinder in diese vorgegebene Struktur hinein und behalten sie bei, weshalb wir ihr gegenüber tendenziell eher Dankbarkeit und eine gewisse Abhängigkeit empfinden. - Was wären wir und unser Zusammenleben ohne grundsätzliche Regeln und zeitliche Übereinkünfte? Dieser Art zu leben müssen sich die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge erst annähern. Es gilt, zwei auf einander treffende, gänzlich unterschiedliche Mentalitäten einander anzupassen.

In Äthiopien beispielsweise sind die Menschen häufig sehr temperamentvoll – was hier nur bedingt als „normal“ gilt und schnell zu Konflikten führen kann.
Die Konsequenz von schweren Konflikten ist allen Bewohnern der JWG International bekannt: Rauswurf. Im Haus Nazareth ist das jedoch zum Glück nur weit entfernte Theorie. Hier gelingt das alltägliche Leben zu einem großen Teil ohne größere Auseinandersetzungen. Gewöhnen müssen sich die Jungs vor allem auch daran, dass sie nicht einfach das Haus verlassen können, ohne sich abzumelden beziehungsweise Auskunft darüber zu gehen, wo sie sich aufhalten. „Manche haben sich in ihrer Heimat Zeit ihres Lebens frei bewegt, ohne dass sich irgendwer dafür interessiert hat, wo sie sind, oder ob sie am Abend nach Hause kommen“, erklärt Frau F. Dass da plötzlich jemand ist, der Verantwortung übernimmt, für den man aber gleichzeitig auch selbst Verantwortung übernehmen muss, sei für viele etwas völlig Neues.

Traurige Gegebenheiten wie diesen begegnen Frau F. und Frau E. in ihrer Arbeit immer wieder. Viele Jugendliche haben in ihrer Heimat und auf der Flucht Eindrücke gesammelt, die auf ihnen lasten und dazu drängen, ausgesprochen zu werden. Während zu Beginn die fremde Sprache eine große Barriere darstellt, gelingt dies mit der Zeit immer besser. Im Haus Nazareth stehen den Jugendlichen Traumapädagogen und Psychologen zur Verfügung, Angebote, die viele annehmen. Trotzdem ist es den Betreuerinnen wichtig zu betonen, dass zu einem Flüchtling nicht automatisch eine tragische Geschichte gehört, dass nicht alle durch die Hölle gehen mussten, und vor allem, dass der Fokus nun auf der kommenden, besseren Zeit liegt.

Egal, welche Geschichte ein junger Mensch hat, der in einem anderen Land Asyl sucht, eine Herausforderung haben sie alle gemeinsam: die Bürokratie.
Klar, zu der Flüchtlingsarbeit im Haus Nazareth gehört die Kooperation zwischen Landratsamt, Schule und Ausländerbehörde. Immer wieder müssen Formulare ausgefüllt, Behördengänge getätigt und Termine vereinbart werden. Frau F. Und Frau E. begleiten die Bewohner von JWG International auf diesem Weg, fungieren als Dolmetscher zwischen bürokratischem und für den Laien verständlichen Deutsch und leisten fachkundige Unterstützung, etwa bei Schreiben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Bürokratische Sprache, da dürften sich vermutlich alle einig sein, ist für Muttersprachler ja schon kompliziert genug.

Die Aufgaben von Frau E. und Frau F sind also zum einen die notwendige Bürokratie, zum anderen die Über- und Vermittlung dieser Bürokratie an die jugendlichen Flüchtlinge und drittens die alltägliche Begleitung. Eine Arbeit, die sie erfüllt – obwohl aus dem Umfeld, auch aus dem näheren Freundeskreis, immer wieder Skepsis laut wird, bis hin zum Unverständnis. „Hast du keine Angst mit denen?“ lautet eine von vielen Fragen, die die beiden entschieden mit „Nein“ beantworten können. Dass die Skepsis und die Bedenken oft von Bekannten ausgehen, von denen man das so nicht erwartet hätte, gehört dabei ebenso dazu wie die traurige Tatsache, dass die Menschen häufig urteilen, ohne ausreichend informiert zu sein.

Beispielsweise kommt es immer wieder zu Unmut, wenn es darum geht, dass viele minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die angeblich so sehr in Not seien, über top aktuelle und funktionstüchtige Smartphones verfügen. Was dabei häufig verborgen bleibt: dass ein Großteil der Asylbewerber ihre Heimat nicht aufgrund von finanziellem Notstand, sondern aus reiner Bedrohung verlassen hat. Hinzu kommt, dass die jungen Flüchtlinge ihr Handy schlichtweg benötigen, um trotz der ohnehin schon bestehenden Schwierigkeiten der Kontaktaufnahme mit ihrer Familie in der Heimat kommunizieren zu können. Doch dies Skeptikern zu vermitteln ist nicht immer von Erfolg gekrönt. „Man muss ignorant sein, und sich nicht auf eine Diskussion einlassen“, so Frau E. „Natürlich gibt es immer schwarze Schafe, das ist in jeder größeren Gemeinschaft so.“

Schwarze Schafe sucht man auf der JWG vergeblich. Besonders bemerkenswert finden die Betreuerinnen den Respekt, mit dem die Jungs ihnen begegnen. Die Privatsphäre wird in jedem Fall geachtet, der Umgang ist höflich und vertraut. Bei einer Berlin-Freizeit im vergangenen Jahr beispielsweise ist es den Betreuerinnen nicht möglich, ihre Zimmertüren abzuschließen. Doch das ist auch keinesfalls nötig, weil die jungen Geflüchteten völlig natürlich den Respekt wahren, und – wenn sie sich überhaupt den Betreuerzimmern nähern – zunächst höflich anklopfen. „Überhaupt war es auf der Berlin-Freizeit eigentlich umgekehrt“, erinnert sich Frau F. lachend. „Nicht wir mussten die Jungs beschützen, viel mehr hätten die Jungs uns beschützt, wenn uns irgendeiner blöd gekommen wäre.“

Ereignisse wie diese zeigen Frau F. und Frau E., dass sie den richtigen Beruf für sich gefunden haben. „Ich glaube, ich habe in meiner gesamten Berufslaufbahn erst ein einziges Mal gesagt: heute habe ich gar keine Lust zum Arbeiten“, stellt Frau F. fest, und ihre Kollegin stimmt ihr sofort zu. „Es ist einfach die Mischung: die Gemeinschaft mit den Jungs, in der so ein herzlicher Umgang herrscht und kleine Erfolge wie gute Noten in der Schule ebenso gefeiert werden wie größere, aber auch das Drumherum, das Bürokratische und dass wir dem Alltag hier die Struktur verleihen, die die Jungs brauchen.“
Dadurch, dass viele Ankömmlinge im Haus Nazareth noch so jung sind, kann man viel dadurch erreichen, dass man ihnen etwas bestimmtes vorlebt, ihnen auf authentische Art und Weise beibringt, wie das Leben hier funktioniert. Junge Menschen sind noch flexibel genug ihre Pläne zu ändern und anzupassen – oder sich hier erst einen zu erstellen. Ein großer Teil ihres Lebens liegt noch vor ihnen – und damit unzählige kleine und große Chancen, sich ein neues Leben aufzubauen.

Dies kann deswegen gelingen, weil engagierte Betreuer wie Frau F. und Frau E. sich unermüdlich und immer wieder dafür einsetzen – in der einen oder anderen schlaflosen Nacht.

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