Eine Landebahn für das Christkind

21.12.2018

Herr Liebig ist spät auf. Eigentlich ist es nach einem langen, winterlichen Tag längst Zeit für ihn ins Bett zu gehen. Doch vorher gibt es noch einiges zu tun, denn mit Familie Liebig gehen auch ihre leuchtenden Elche, Rehe, Schlitten, Sterne, Goldregen und Lichterketten zu Bett. Nur wenige ihrer Dekostücke funktionieren mit Zeitschaltuhr, den Rest steckt das Ehepaar aus Neufra Abend für Abend ein und beim Zubettgehen wieder aus. Eine Routine, die zur Tradition geworden ist, und eine Leidenschaft, die einst aus einer einfachen Idee entstanden ist.

Herr und Frau Liebig leben noch in Laupheim als ihr erster Sohn geboren wird. Damals hängt Frau Liebig eine Lichterkette im Zimmer des kleinen Michaels auf. „Damit das Christkind dich findet", erklärt sie ihm jedes Jahr aufs Neue. Später der Umzug nach Neufra, seit 2012 Jahren wohnen Herr und Frau Liebig dort in einem kleinen Häuschen, die Kinder sind mittlerweile erwachsen und ausgezogen. Dafür hat etwas anderes Einzug gehalten im und um das Haus Liebig herum: Lichter in allen Formen und Ausführungen. Aus der kleinen Lichterkette in Laupheim wurde ein ganzes Sortiment an Weihnachtsbeleuchtung, das den Garten, den Vorgarten, die Fenster, die Regenrinne und sogar die Wäschehänge ziert.

Wie jedoch kommt man mitten in Deutschland auf die Idee, sich derart viel Mühe mit der Beleuchtung des eigenen Gartens zu geben? Frau Liebig erzählt von einem früheren Aufenthalt in Darmstadt, wo einst auch viele Amerikaner stationiert waren, sodass ganze Ami-Viertel in der hessischen Großstadt entstanden sind. Die Festbeleuchtung der Amerikaner um die Weihnachtszeit sei beeindruckend gewesen und habe sie dazu inspiriert, selbst damit anzufangen. „Auch wenn mir die Ami-Beleuchtung ein bisschen zu viel ist", sagt Frau Liebig. Sie und Ihr Mann dagegen setzen auf ein ausgeklügeltes Konzept.

Wenn sie in der Woche vor dem ersten Advent mit dem Schmücken von Haus und Garten beginnen, soll möglichst alles zueinander passen, ein kunterbuntes Durcheinander wollen sie nicht. Zwei Tage sind sie dann damit beschäftigt, ihr Grundstück in einen leuchtenden Weihnachtsgarten zu verwandeln. Dabei wird auch mal leidenschaftlich diskutiert, schließlich kann man nicht immer einer Meinung sein. „Ein Jahr bin ich bestimmt zwei, drei Mal zu LIDL gefahren, bis ich genug Lichterketten hatte, dass es einheitlich ist", sagt Frau Liebig und lacht bei der Erinnerung an Grundsatzdiskussionen über symmetrische Lichterketten und leuchtende Eiszapfen. Solche Geschichten haben sich über die Jahre hinweg angehäuft. Denn: eingespielte Routine ist das Schmücken noch lange nicht. „Jedes Jahr kommt etwas Neues dazu", erklärt das Ehepaar. Zusätzlich wird mit den bereits vorhandenen Stücken aus dem Lager variiert. So gleicht kein Advent dem anderen, weil immer neue Gestaltungsideen die alten ablösen.

Stellt sich die Frage nach dem finanziellen Aufwand. „Natürlich hat das alles auch seinen Preis. Gerade Verbindungskabel und die Lampen sind nicht ganz billig", sagt Frau Liebig. Andererseits handele es sich ja um langfristige Investitionen, die nicht jedes Jahr aufgrund von Verschleiß ausgetauscht werden müssen, sodass sich die Kosten insgesamt dennoch in Grenzen halten. Herr Liebig bringt es auf den Punkt: „Das ist ein bisschen wie ein Hobby, und es gibt kaum ein Hobby, für das man gar kein Geld braucht!

Dass das ein Hobby ist – oder sogar mehr als das – ist den beiden anzumerken. „Ich liebe Weihnachten", sagt Frau Liebig geradeheraus, mit leuchtenden Augen. „Das ist für mich einfach das höchste Fest im Jahr!" Und so besteht das Ehepaar auch auf die Tradition des Weihnachtsbaums, auch wenn die Kinder längst aus dem Haus sind. Kommen sie über die Feiertage zu den Eltern, gilt die selbe Regel wie einst in ihrer Kindheit: vor Heilig Abend richtet das Christkind den Baum und darf nicht gestört werden. „Ich würde fast sagen, die Kinder glauben immer noch daran",  zwinkert ihre Mutter.

Weil sie Weihnachten und die Adventszeit so sehr liebten, veranstalten Liebigs jedes Jahr eine Glühweinparty im eigenen Garten. Gelegenheit für Familie und Freunde, die Weihnachtswelt gründlich zu bestaunen. Aber auch fremde Passanten bleiben häufig stehen, weiß das Ehepaar zu berichten. Sie freuen sich, wenn sie anderen mit ihrer mühevoll angebrachten Beleuchtung ein Lächeln ins Gesicht zaubern können. „Höchstwahrscheinlich denken manche von ihnen auch: "Die spinnen doch", meint Frau Liebig. „Aber das können die ja ruhig denken, uns gefällt es!"

Nicht nur im Winter ist das kleine Haus in Neufra sehenswert. Das Ehepaar Liebig lässt es sich nicht nehmen, auch alle anderen Jahreszeiten und Ereignisse gestalterisch umzusetzen – mit bunten Eiern in den Sträuchern an Ostern, Partylichtern im Sommer und so manch gruseliger Gestalt zu Halloween. Der ganze St. Martins-Umzug sei erschaudert, lacht Frau Liebig und fügt hinzu: „Sogar der Bürgermeister ist staunend stehengeblieben!"
Sollte die Tochter der Liebigs eines Tages in deren Haus einziehen, würde sie auch die Beleuchtung übernehmen, da sind sich die beiden sicher.

Sie selbst wollen damit weitermachen, so lange es ihnen gesundheitlich noch möglich ist. Und Sohn Michael? Er wohnt einige Straßen weiter und hat sich vor kurzer Zeit ein großes, beleuchtetes Rentier für das Garagendach zugelegt. Kreativität in Sachen Dekoration ist offenbar vererbbar, und Frau Liebig ist bereits fest entschlossen, bald selbst ein Rentier in das Sortiment aufzunehmen – auch wenn ihr Ehemann noch nicht ganz überzeugt ist. Aber das kommt sicher noch.

So mancher würde sagen, ihr Garten sehe aus wie eine Fluglandebahn bei Nacht. Familie Liebig stört das nicht weiter. Denn, das steht wohl fest, „Immerhin, unser Haus kann das Christkind an Weihnachten auf keinen Fall übersehen!"
 

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Nachteule-Tabitha

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