Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Ein Rucksack, ein Reisetagebuch und ich. Meine ZIS-Reise

06.09.2019

Es gibt nur wenige Dinge im Leben, die so wichtig sind, dass sie uns nachts davon abhalten, uns unseren wohlverdienten Schlaf zu genehmigen. Diese Dinge können selbstverständlich nicht bis zum nächsten Morgen warten, nein, wir müssen uns auf der Stelle ausgiebig mit ihnen beschäftigen.

So geht es mir in dieser Nacht. Ein äußerst dominantes Gefühl in mir, die Reiselust, lässt mich spät auf sein. Dabei bin ich doch gerade erst zurück von meiner letzten Reise. Oder verfolgt mich die Sucht nach dem Reisen gerade deswegen? In Form von Entzugserscheinungen? Nicht gerade die günstigste Sucht, die ich mir hätte aussuchen können.

Ich bin dann mal weg habe ich geschrieben, damals, als ich noch voller Angst und Vorfreude über die vier Wochen zis-Reise in Italien war. Ich kann mich gut erinnern, wie ich in dieser Zeit ebenso schlaflos im Bett lag wie heute. Wie ich inständig hoffte, dass sich meine Vorbereitungen und Bemühungen auszahlen würden und sich auch bei mir das unter den zis-Reisenden bekannte zis-Glück einstellen würde.

Es kommt mir vor, als wäre das vorgestern gewesen. Und als wäre ich gestern auf dem völlig überfüllten Landungssteg von Stromboli gestanden, mit einem Rucksack doppelt so groß wie ich, einem unbeschriebenen Reisetagebuch und einem vor Angst fast zerspringenden Herzen. Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Jetzt, vier Wochen später weiß ich, was ich gemacht habe. Und wieso ich es jederzeit wieder tun würde.

Wohlmöglich ist es den Delfinen zu verdanken, dass ich diesen Landungssteg betreten konnte, ohne vorher in dem engen Tragflügelboot von Snav einen kompletten Nervenzusammenbruch zu erleiden. Die Delfine erhoben sich irgendwo zwischen Neapel und Stromboli aus dem Wasser, im Gleichtakt, wie einstudiert. Ihre weißen Bäuche schimmerten im Abendrot, bis sie wieder in das tiefe Blau des Meeres eintauchten. Immer wieder. Ich, in meiner Kindheit ein glühender Anhänger der Serie Flipper und Lopaka, bin für einen Moment im Glück. Den brauche ich auch, die vergangenen eintausend Kilometer habe ich nämlich mit Ängsten und dem Ausmalen sämtlicher möglicher Horrorszenarien verbracht. Die Gastfamilie, die mich in Stromboli aufnehmen wird, ist in Wirklichkeit ein verdeckter Massenmörder. Oder der Vulkan hoch über dem Dorf beschließt, zur Abwechslung einmal stärker auszubrechen und das Leben auf der Insel auszulöschen. Oder – und das ist meine mit Abstand größte Befürchtung – ich bin dieser Reise schlicht ergreifend nicht gewachsen und bekomme Heimweh. Dann soll noch lieber der Vulkan ausbrechen.

Weder das eine noch das andere geschieht. Auch die Gastfamilie ist wirklich eine Gastfamilie, und ich fühle mich bei ihnen auf Anhieb wohl. Die nächsten zehn Tage verbringe ich mit einer Großmutter, die ursprünglich aus Innsbruck stammt, ihrer Tochter und wiederum deren beiden Töchter. Sie sind im Grundschulalter, sprechen wie alle der Familie Deutsch und Italienisch. Weitere Bewohner des Hauses sind die Hündin Athena und ihre acht(!) Welpen, die allesamt wie kleine Maulwürfe umherkriechen. Ich, seit ein Hund in der Größe eines Ponys mich als sechsjähriges Mädchen fast umgeworfen hat zu Tode verängstigt, wäre am liebsten geradewegs wieder durch das Gartentor hinausgerannt als ich sie sehe.

Mit so vielen Hunden unter einem Dach zu leben ist definitiv Herausforderung Nummer eins dieser Reise. Die nächsten zeigen sich nicht so offensichtlich. Es ist das unterschwellige Gefühl, das sich einstellt, wenn man in eine komplett fremde Umgebung geworfen wird. Ein nagendes Etwas, das nach Vertrautem sucht und Schwierigkeiten hat, etwas zu finden. Das Essen, der Alltag, die Menschen in Italien ist so viel anders als bei mir zuhause, dass ich darüber direkt einen vierseitigen Text geschrieben habe. (Den ihr HIER nachlesen könnt).

Es ist auch die Art, wie in der Gastfamilie miteinander geredet wird. Ein ganz anderes Temperament, es ist eigentlich immer laut. Nach ein paar Tagen denke ich: Zuhause sein wäre doch jetzt eigentlich auch ganz cool. Und suche auf Couchsurfing nach Unterkünften in Lipari. Was ich erst verstehen muss: JA, das Leben dort ist anders. Es ist ja auch nicht Sigmaringen in Baden-Württemberg. Es ist Stromboli im tiefen Süden Italiens! Und JA, die Menschen sind anders. Weil sie ganz anders aufgewachsen sind und leben. Aber sie würden es nicht so tun, wenn es nicht auch seine guten Seiten hätte. Und so beginne ich, mich Stück für Stück zu öffnen. Dafür, wie sie denken. Was sie für wichtig erachten. Wie schön es ist, so zu leben. Langsam habe ich wieder Augen, für das was mich die ganze Zeit über umgeben hat: ein Paradies aus Pflanzen, Tieren, Strand aus schwarzen Kieseln und ein Vulkan, der Tag und Nacht Lava spuckt und den Inbegriff der Natur darzustellen scheint. Eine Woche nach meinem Aufbruch denke ich: der glücklichste Mensch der Welt zu sein – so muss es sich anfühlen.

Lipari ist die größte Insel des Archipels. Hier lebe ich ab Tag 11 meiner Reise, zuerst im Hostel, dann in einer Wohnung, am Ende wieder im Hostel. Ich durchlebe den kompletten Kontrast zu dem Alltag in der Großfamilie auf Stromboli. Ich wohne alleine, habe nur mich und das Reisetagebuch, das ein Bestandteil der zis-Reise darstellt. Dass mir keiner sagt, wann ich was zu tun habe, und ich meinen Alltag selbst strukturieren muss, ist eine Sache. Aber erst mit der Zeit fällt mir auf, wie viele kleine Dinge zu einem eigenen Haushalt gehören. Spülmittel, Schwämme, Geschirrhandtücher, Klopapier, Salz – bei meinem ersten Einkauf denke ich längst nicht an alles, was ich später brauchen werde.

Generell spielt beim Einkauf stets der Gedanke an das knappe Budget von 600 Euro eine Rolle. Auf Stromboli habe ich durch meine Mithilfe in Haushalt, Garten und Kinderbetreuung kostenlos geschlafen und gegessen. Das Hostel dagegen stellt mit 13 Euro pro Nacht ein Geldleck dar, dass ich durch den Einkauf der allerbilligsten Lebensmittel zu kompensieren versuche. Es ist eigentlich ganz spaßig, stets nach den roten Angebotsschildern Ausschau zu halten. Mein Verhältnis zu Geld verändert sich in diesen vier Wochen stark. Jede Ausgabe muss genauestens in einem Finanzbuch festgehalten werden, was auch dazu führt, dass man bei einem Eis oder einer Postkarte zwei Mal überlegt, ob es den Kauf und den Aufwand durch die Buchhaltung wert ist. Ich merke: ich komme mit wenig klar. Das bezieht sich auf die Einkäufe genauso wie auf die mitgebrachten Sachen von zu Hause. Vier Wochen aus einem Rucksack zu leben bedeutet, radikal zu sein und kompromisslos auszusortieren. Am Ende kommt nur das Nötigste mit und im Laufe meiner Reise bemerke ich: das reicht auch.

Selbiges gilt für Menschen. Ich bin auf Lipari sehr viel alleine und es ist ein Prozess, zu begreifen, dass Alleinsein nicht äquivalent zu Einsamkeit ist. Im Gegenteil: so esoterisch es klingen mag, plötzlich lernt man sich selber kennen. Fernab von allen Menschen, von denen man zuhause tagtäglich selbstverständlich umgeben ist sieht man sich selbst plötzlich klarer. Auch auf die Menschen in seinem Umfeld hat man von weitem betrachtet einen anderen, präzisen Blick. Wer ist mir wichtig? Wem schenke ich zu wenig Zeit? Ohne wen könnte ich leben – und ohne wen nicht? An Abenden am Meer, an denen ich die Sonne untergehen sehe, merke ich, wie glücklich ich mich mit meinen Freunden schätzen kann. Mit einigen von ihnen saß ich ein Jahr vorher an der gleichen Stelle, während unserer Studienfahrt. Ich nehme mir vor, zuhause mehr Zeit mit meinen Freunden zu verbringen und die noch mehr zu genießen. Trotzdem genieße ich die Zeit für mich allein. Sehr.

Auf meiner Reise gelange ich zu der Erkenntnis, dass ich in mir selbst zuhause bin.
Das ist ein großes Geschenk, das meine Sicht auf die Dinge verändert.

Das neugewonnene Selbstbewusstsein habe ich bitter nötig, als es darum geht, meine Recherchen für mein Reisethema „Perspektiven von Jugendlichen auf den Äolischen Inseln“ voranzutreiben. Ich war und bin der festen Überzeugung, dass Offenheit nicht unbedingt in unseren Genen verankert ist. Viel mehr entwickelt sie sich, wenn die Bedingungen im Umfeld, die Erziehung und entsprechende Erfahrungen es begünstigen. Mich haben besonders Erfahrungen wie das Zeltlager, der Weltjugendtag und ähnliche Reisen offener gemacht, aber es ist dennoch immer wieder nötig, diese Offenheit zu trainieren. Es braucht nur wenige Wochen im gewohnten und geschützten Umfeld, schon ist die eigene Offenheit wieder etwas eingefroren und muss aufgetaut werden. Das geht das ganze Leben lang so. Deswegen war jedes Gespräch, das ich mit Bewohnern der Insel geführt habe, zunächst eine Überwindung. Ein geflüstertes „Du machst das jetzt!“ von mir, während ich schon auf sie zugelaufen bin. Bereut habe ich kein einziges dieser Gespräche.

Ich bin jetzt reich an Geschichten, Geschichten, die mir diese Menschen aus ihrem Leben erzählt haben. Die Natur um sie herum macht es den Inselbewohnern nicht immer einfach. Das erlebe ich selbst, als am Tag meines geplanten Aufbruchs wegen einer Sturmflut die Fähren nicht fahren und alle auf Lipari festsitzen. Auch sonst ist eine Insel eben eine Insel – mit wenig Möglichkeiten in den Bereichen der Bildung, der Medizin, der Kultur und des Berufsangebots.

Trotz allen Schwierigkeiten haben die Menschen, denen ich begegne, nie das Lächeln und die Zuversicht verloren. Und diese unbändige Lebensfreude, die sich mir besonders an meinem letzten Abend vor der Abreise offenbart. Es findet an diesem Tag die FESTA DEI POPOLI statt, eine Feier der verschiedenen, auf Lipari ansässigen Kulturen. Alle Personen, die ich die letzten Wochen über unabhängig voneinander getroffen habe, sind plötzlich auf dem kleinen Platz am Hafen versammelt. Jeder kennt sich, alle umarmen sich und nehmen mich ganz selbstverständlich auf. Ich bin Teil einer Gemeinschaft, in der mich noch vor vier Wochen keiner kannte.

Wir werden auf dich warten bis nächsten Sommer. Mit diesen Worten werde ich verabschiedet. Es ist kein leichter Abschied, obwohl ich weiß, dass ich wiederkommen werde. Trotzdem bin ich glücklich, zurück in Deutschland zu sein. Ich gebe mir direkt den vollen Kulturschock, mit einem Besuch der Sichelhenke in Wilsingen, dem Street Food Festival und dem Theatercafé in Sigmaringen. Meine Heimat hier habe ich definitiv noch einmal neu zu schätzen gelernt. Dass ich von Inneringen aus überall hinkomme, ich muss mich nur ins Auto setzen. Dass wir uns hier auf ein funktionierendes Gesundheitssystem aus Ärzten, Kliniken und Versicherungen verlassen können. Dass aus dem Wasserhahn zwar kalkhaltiges, aber sauberes, trinkbares und warmes Wasser kommt, wann immer wir ihn aufdrehen. Und dass ich wieder umgeben von meinen Liebsten bin – zuhause ist bekanntermaßen da, wo die Freunde sind.

Die zis-Reise anzutreten war die beste Entscheidung, die ich hätte treffen können. Auf die Frage Was zum Himmel mache ich eigentlich? kann ich jetzt sagen: „Leben! Erfahrungen sammeln! Über mich hinauswachsen!“ Ich wünsche mir, dass diese Erfahrung noch viele anderen Jugendliche aus dem Landkreis Sigmaringen machen können. Bewerbungsschluss für das neue Reisejahr ist bei zis immer im Februar, genauere Informationen findet man auf der ZIS-Website.

Traut euch! Und vielleicht sind wir ja bald zusammen spät auf und genießen es – das prickelnde Gefühl der Reiselust.

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