Nachteule Tabitha
Nachteule Tabitha
bei Spätauf

Die verbotene Schrift von Ludwig Sütterlin

15.03.2019

Ludwig Sütterlin ist spät auf. Nicht dass er damit eine Besonderheit wäre - auch ohne erwiesene Statistiken lässt sich wohl sagen, dass in jeder Nacht tausende Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen hellwach sind. Spät auf zu sein ist ein Massenphänomen. Was in diesen Stunden hinter verschlossenen Türen geschieht, bleibt nicht selten ein Geheimnis. Weil ein jeder an seiner eigenen Erfolgsgeschichte bastelt, die außer einen selbst und das eigene Umfeld niemanden beeinflussen wird.

Nicht so bei Ludwig Sütterlin. Während etwaige Nachbarn ihr neugeborenes Kind stillen oder die letzten Seiten ihrer Doktorarbeit schreiben müssen, setzt er sich mit einer Aufgabe auseinander, die Hunderte und Tausende von Schülern das Leben erleichtern soll: die Erfindung einer neuen Schrift.

Dass Schrift nicht gleich Schrift ist und Buchstaben nicht gleich Buchstaben, wird spätestens klar, wenn man sich bei der Bearbeitung eines WORD-Dokuments durch die Liste an möglichen Schriftarten klickt. Von Arial über Segoe Print bis hin zu Verdana unterscheiden sich die Fonts in zahlreichen Details: manche Schriftarten besitzen sogenannte Serifen, feine Linien die einen Buchstabenstrich am Ende quer zu seiner Grundrichtung abschließt, andere wiederum sind frei von diesen Serifen. Es gibt Schriftarten, die eine handschriftliche Buchstabenfolge imitieren, fett gedruckt oder kursiv sind.

Das Gute an der Vielzahl der verschiedenen Schriftarten ist: sie müssen nicht gelernt, sondern lediglich ausgewählt werden. Es ist eine Sache von Sekunden, einem Dokument auf dem Bildschirm eine völlig andere Wirkung zu verleihen, je nach der Schriftart, die dazu ausgewählt wird. Kompliziert wird es erst, wenn es darum geht, selbst eine bestimmte Schrift anzunehmen. Denn auch bei der Handschrift gibt es nicht die eine Schrift, erst recht nicht historisch betrachtet. Je nach Nation, Zeitalter und Sprache variierten die Schriften statt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert lässt sich aber eine langwährige Gemeinsamkeit entdecken: es wurde in Schreibschrift geschrieben, Druckschrift hatte nicht ansatzweise eine so hohe Relevanz wie in der heutigen Zeit.

Für die Schüler, die nach ihrer Einschulung lernen sollen zu schreiben, ist dies oft eine große Herausforderung. Die Schreibschrift erfordert ein hohes Maß an Genauigkeit und Koordination – nicht gerade die größten Stärken sechsjähriger Kinder. So wird klar: die ursprünglich hochanspruchsvolle Schreibschrift muss angepasst werden. Und weil es mit einem digitalen Designprogramm zu diesem Zeitpunkt noch nicht allzu weit her war, wird schnell klar: hier musste sich ein Mensch an die Entwicklung einer neuen Schrift machen!

Ludwig Sütterlin wird im Juli 1865 im Schwarzwald geboren. Im Alter von 23 Jahren zieht es ihn nach Berlin, wo er zum Grafiker ausgebildet wird und später selbst unterrichtet. Als er spät auf ist, ist es das Jahr 1911. In dieser Zeit entwickelt er die sogenannte „Sütterlin-Schrift“, die eine Ausgangsschrift für das Erlernen der Schreibschrift darstellen soll. Dies gelingt ihm durch die Vereinfachung der Buchstabenformen im Vergleich zu der ehemaligen Schrift, durch eine Verringerung der Ober- und Unterlänge der Buchstaben und durch eine Aufrechtstellung der vormals sehr breiten Buchstaben. Es ist keine gänzlich neue Schrift, die er entwickelt – dies wäre sicherlich auch nicht förderlich gewesen – doch es ist seine. Ein Alphabet alleine reicht ihm nicht: so entsteht sowohl ein deutsches, als auch ein lateinisches Sütterlin-Alphabet.

Es ist 1915, als die deutsche Sütterlin-Schrift in den preußischen Klassenzimmern Einzug hält. In den folgenden Jahren wird die vorherige deutsche Kurrentschrift immer weiter durch Sütterlin ersetzt. Ludwig Sütterlin selbst bekommt den Ertrag seiner schlaflosen Nächte nicht mehr zu spüren. Er stirbt im Jahr 1917, lange bevor die Sütterlin-Schrift 1935 als Deutsche Volksschrift in den offiziellen Lehrplan eingeht – wenn auch in etwas abgewandelter, weiter vereinfachter Form. Bis heute lassen sich viele Ähnlichkeiten zwischen der Sütterlin-Schrift von 1911 und den heute verbreiteten Schulschriften ziehen. Es ist kaum denkbar, dass der historischen Schriftentwicklung von 1935 bis heute ein großer Bruch inne liegt: in der Zeit des Nationalsozialismus.

Mit der Machtergreifung der NSDAP im Jahr 1933 ändern sich in Deutschland unzählige Gegebenheiten, die zuvor selbstverständlich waren. Der Fokus des NS-Regimes liegt vollkommen auf der Rassenlehre und der Überlegenheit der „Arier“. Für Menschen, die in irgendeiner Form nicht in das Raster passten, bedeutet dies die Vertreibung oder gar der Tod. Der Antisemitismus etwa geht so weit, dass schon bald auch Schriften auf den Prüfstand kommen.

1941 argumentiert Hitler, die deutsche Sprache werde in spätestens 100 Jahren zur „Europäischen Sprache“ werden. Die Expansionspläne der NSDAP sehen stets vor, die deutsche Ideologie weiterzuverbreiten. Folglich muss auch die deutsche Schrift so „deutsch“ wie möglich sein. Sütterlin besteht diesen Test laut dem sogenannten „Normalschrifterlass“ 1941 nicht. Darin heißt es, gotisch anmutende Schriften würden „Schwabacher Judenletter“ enthalten und daher nicht als deutsche Schriften akzeptiert werden. Neue und fortan gültige Normalschrift sei Antiqua. Der Unterschied zwischen Antiqua und der gotischen bzw. der Frakturschrift liegt in der Rundung der Buchstaben, die in gotischen Schriftformen gebrochen beziehungsweise nicht vorhanden ist.
„Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch.“, so der NSDAP- Kanzleichef Martin Bormann in seinem Rundschreiben.

Diese gebrochenen Schriften sind folglich ab 1941 Vergangenheit. Dem Normalschrifterlass folgt die Umstellung sämtlicher Druckerzeugnisse auf die frakturlose Antiqua-Schrift. Straßenschilder, Zeitungen, Schulbücher – nur die Anstrengungen und Sparmaßnahmen des parallel verlaufenden Zweiten Weltkriegs bremsen den Prozess der Schrifteinführung ab. Verhindern lässt er sich nicht. Heute ist die Sütterlin-Schrift längst Geschichte. Ihre Spuren hat sie dennoch hinterlassen. Im Internet bieten Alphabet-Übersichten und ganze Online-Kurse Hilfe für diejenigen an, die sich der Sütterlin-Schrift wieder aneignen wollen.

Vielleicht geht es manchen Menschen auch wie mir. Als ich ungefähr sechs Jahre alt war, fand ich in den Kisten meiner Vorfahren Schulhefte und Briefe, die ich nicht annähernd entziffern konnte. Das dass Sütterlin war und was meine Vorfahren in langweiligen Unterrichtsstunden oder emotionalen Momenten niedergeschrieben haben, konnten mir meine Großeltern erklären. Wer derartige Möglichkeiten nicht hat, dennoch aber Dokumente übersetzten lassen möchte, hat zwei Optionen. Entweder, man wendet sich an diverse Sütterlin-Gruppen, die es bis heute in ganz Deutschland gibt und die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die frühere Schriftkultur aufrecht zu erhalten, oder man bringt sich die Sütterlin-Schrift einfach selbst bei – spät auf, in langen, abenteuerlichen Nächten.

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