Der beste Neujahrsvorsatz aller Zeiten

04.01.2019

Spät auf sein ist toll – finde ich. Spät auf kommen die besten Ideen erst zum Vorschein, endlich ist Zeit für lange, komplexe Gedankengänge und die Welt um einen herum ist im Vergleich zur Hektik des Tages angenehm ruhig. Letzte Nacht war ich also wieder einmal spät auf. Ich lag da und dachte fröhlich über alles möglich nach - bis sich plötzlich ein ungutes Gefühl in mir ausbreitete.

Spät auf sein ist nämlich sehr, sehr schlecht für mein neues Projekt, das ich gerade verfolge. Das Projekt trägt den Namen "Mehr Schlaf", ist schon seit Monaten dringend notwendig und profitiert von einem besonderen Umstand, denn: es ist Jahresbeginn.

Mehr Schlaf, geregelte Bettzeiten und generell mehr Struktur im Alltag sind drei von unzähligen Vorsätzen, die sich die Leute zu Beginn eines neuen Jahres überlegen. Eine gesündere Ernährung, sei es aus gesundheitlichem Antrieb oder in Anbetracht des kommenden Strandurlaubs, zählt genauso dazu wie mehr Sport. Um Jahresbeginn herum steigen die Anmeldungen in Fitnessstudios auffällig an. Diese wiederum reagieren mit besonderen Angeboten und Rabatten, um die Motivation der zukünftigen Kunden zu erhöhen.

Auch mehr Engagement und Erfolg im Job oder der Schule steht für viele Menschen ganz oben auf der Liste an Vorsätzen. Schüler können von dem Phänomen der Neujahrs-Motivation immerhin zwei Mal pro Jahr profitieren: zu Beginn des neuen Schuljahrs Anfang September nimmt sich ein Großteil ebenfalls vor, im neuen Schuljahr „alles besser zu machen“. Dies kann zumindest ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Andere haben genau davon genug: immer nur Leistung zu bringen und sich dem Stress und Druck, den ein schulischer oder beruflicher Alltag mit sich bringt, hinzugeben. So entscheiden sich viele Menschen bewusst, im kommenden Jahr mehr den Kontakt zu Freunden und Familie zu suchen, sich auf den sozialen Aspekt des Lebens zu konzentrieren und den geistigen Konkurrenzkampf mit anderen zumindest teilweise hinter sich zu lassen.

All das sind Vorsätze, die wir kennen. In irgendeiner Form hat sich wohl jeder bereits damit befasst, und sich etwas in diese Richtung vorgenommen. Wir profitieren von dem Schwung und der Energie, die uns zu Jahresbeginn erfüllt. Weil das neue Jahr vor uns liegt wie ein unbeschriebenes Blatt, haben wir das Gefühl, noch nichts falsch gemacht zu haben. Ähnlich wie bei einem Test in der Schule sind wir zu Beginn motiviert und konzentriert, das Richtige zu tun. Ob am Ende eine hervorragende Note – oder eben ein äußerst erfolgreiches Jahr, in dem alle zu Beginn gesteckten Ziele erreicht wurden – herauskommt, hängt vor allem von seinem Verlauf ab. Wer sich in der Mitte schon schwer tut, wird wenig Hoffnung auf den Endspurt haben. Wie ein Marathonläufer, der kurz vor Schluss schon so abgehängt ist, dass er sagt: „Was nützt es, jetzt noch einmal alles zu geben, wenn ich es ohnehin nicht mehr als einer der ersten ins Ziel schaffe.“ Und überhaupt – zu einem derart langen Satz wäre zumindest ich während einem Marathon schon gar nicht mehr in der Lage…

Das ist die Sache mit den Vorsätzen. Tauchen nach den ersten mit Elan gefüllten, motivierten Wochen erste Schwierigkeiten und Versuchungen auf, fällt es sehr schwer, stark zu bleiben. Gibt man nach und unterbricht seinen Spurt, ist dies ein herber Schlag und erschwert das Durchhalten bis zum Erreichen des Ziels maßgeblich. Aber wer hat schon einen eisernen Willen? Versagen, Pause machen und Ausnahmen gönnen ist so menschlich, und genau diese Menschlichkeit ist eigentlich der wichtigste Begleiter für ein glückliches Jahr. Wir sollten immer zu uns stehen, auch wenn wir eigentlich frustriert über uns selbst sind, weil wir eine bestimmte Aufgabe nicht erfüllt haben. Was leichter gesagt als getan ist, denn „Hey Gratulation, du hast weder den Fitnesskurs durchgezogen noch an Schokolade gespart oder deine Mathenote verbessert, aber ich liebe dich trotzdem genau so wie du bist!“ zählt nicht zu den überzeugendsten Sätzen, die man an sich selbst richten kann.

Sollte man, um diese Enttäuschungen zu vermeiden, Vorsätze ganz aus dem Jahr streichen? Darüber dachte ich gestern Nacht lange nach. „Juhu!“ jubelte die Bequemlichkeit in mir sogleich, aber mein Verstand hielt sie zurück. Denn mit dem Druck und der Anstrengung verschwindet auch das Glücksgefühl, die Erleichterung und der Stolz nach Gelingen eines bestimmten Vorhabens – Nahrungsmittel Nummer 1 für Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, die sich nach spätestens 30 Tagen hungrig beschweren würden.

Während also sämtliche inneren Bedürfnisse und Eigenschaften in mir fleißig diskutierten und allesamt meinten, sie kämen zu kurz, fasste ich einen Plan: es muss einfach ein Vorsatz sein, der einen schon vor, während und nach seiner Ausführung glücklich macht. Es muss doch etwas geben, dass nicht dem klassischen Sport-Ernährung-Zeitmanagement-Dreieck entspricht und dennoch unsere Lebensqualität und das gesamte Jahr verbessert. Ich pfiff auf mehr Schlaf, ignorierte die vorwurfsvoll blinkenden Ziffern meines Leuchtweckers auf dem Nachtisch gekonnt und begab mich auf Spurensuche.

Am liebsten hätte ich jemanden aus dem spätauf-Land gefunden, dessen Neujahrsvorsatz nur so von Originalität und Einfachheit sprüht. Leider ist mir noch kein solcher Mensch über den Weg gelaufen. Und wenn, hat er zumindest nicht laut gerufen: „Hallo, ich bin XY und mache dieses Jahr etwas ganz Besonderes!“ Dabei gäbe es sicher tolle Möglichkeiten. Ein Jahresabo beim lokalen Metzgereibetrieb beispielsweise. Damit wird der regionale Einzelhandel, die Nachhaltigkeit, die artgerechte Tierhaltung und der herzhafte Appetit gleichzeitig unterstützt. Nur die längerfristige Gesundheit und der Geldbeutel nicht so ganz….

So bin ich nicht weitergekommen. Ich nahm mein Handy (Vorsatz: weniger HANDY, mehr ECHTES LEBEN = missachtet) und googlete: "außergewöhnliche Neujahrsvorsätze". Immerhin: eine Seite schlug mir vor, erstens unter die Schriftsteller zu gehen (liebend gerne, bloß wo ist der Verlagsvertrag?), zweitens „meinen heimlichen Kinderwunsch“ zu erfüllen (WAS?!) oder drittens, endlich mein eigener Chef zu sein. Dazu mag ich die Wirtschaftsförderung eigentlich viel zu gerne. Weil es ein Job ist, der so viel Spaß macht, dass ich die Arbeit darüber fast vergesse. Und genau so sollte ein Vorsatz sein: so schön, aufregend und spaßig, dass man sich gar nicht mehr bewusst ist, dass es eine Aufgabe ist. Über diese Grübeleien bin ich schließlich eingeschlafen, womit ich zumindest mehr Schlaf brav doch noch erfüllt habe.

Letztendlich hat mir der reine Zufall doch noch eine Antwort gegeben. Der Zufall heißt Henri und ist ein Freund von mir, den ich während einer Fernbusfahrt nach Paris kennengelernt hatte. Henri studiert in Toulouse, kommt aber ursprünglich aus Albanien. Heute hat er mir stolz von seinem Plan fürs neue Jahr erzählt: arbeiten bis er genug Geld für eine Kamera zusammengespart hat. Und mit dieser dann mit dem Fahrrad (!) von Toulouse nach Albanien. Dass er einer ist, der das Abenteuer sucht, wusste ich. Dass nur jemand wie er auf so außergewöhnliche und gleichzeitig geniale Ideen kommt, weiß ich jetzt auch. Unterwegs will er dann ganz viele Bilder machen, die verschiedenen Landschaften genießen und glücklich sein.

Wenn das kein guter Vorsatz ist, dann weiß ich auch nicht. Dagegen hat Projekt Früher Schlafen eindeutig verloren. Und so werde ich auch im neuen Jahr getrost spät auf sein, meinen Gedanken freien Lauf lassen und davon träumen, eine ähnliche Reise wie Henri zu erleben. Dabei geht es weniger um die Reise an sich als um den Fakt, dass ich dabei glücklich bin.

GLÜCKLICH SEIN – das ist von allen Vorsätzen, die man haben kann, doch mit Abstand der Wichtigste. 
 

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Nachteule-Tabitha

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