Das SouthSide-Wochenende ohne Southside - Chronologie des Elends

21.06.2019

Es gab einst einen Mann, der so weise war, dass er es bis zum Philosophen und zum Kaiser gebracht hatte – damals im alten Rom. Von ihm stammen Sätze wie: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab“. Womit er sicher recht hat. Insbesondere hatte er einmal so oder vielleicht so ähnlich gesagt: „Am Ende seines Lebens bereut man nie, was man getan, sondern immer, was man nicht getan hat.“

Vielleicht habe ich das sogar schon manchmal übernommen, in einen meiner Texte einfließen lassen, unterbewusst zu einem Lebensmotto werden lassen. Aber vielleicht hätte ich es auch an manchen Punkten meines zarten Lebens ein bisschen ernster nehmen sollen. Denn manche Dinge, habe ich gelernt, warten nicht freundlich und zurückhaltend darauf, bis du am Ende deines Lebens bereit bist, sie ausgiebig zu bereuen. Schon viel früher lassen sie dich spät auf nachdenklich und kopfschüttelnd wachliegen, während Kilometer entfernt deine Freunde den Spaß ihres Lebens haben. Das alles lässt sich zusammenfassen in der „Geschichte eines SouthSide-Wochenendes ohne Southside“, oder – etwas dramatischer und ergreifender formuliert – in der „Chronologie eines Elends“.

Und die beginnt eigentlich schon bedeutend früher, genauer gesagt vor meiner Geburt. Im Jahre 1999 findet in Neubiberg bei München erstmals das „SouthSide“-Festival statt, als sogenanntes „Schwester-Festival“ zum norddeutschen „Hurricane“, welches bereits seit 1997 Festivalfans aus ganz Deutschland angelockt hat. Das Line-Up des allerersten SouthSide-Festivals mag sich für die in diesem Jahr geborene, mittlerweile volljährige Generation zunächst nicht allzu vielsagend anhören, Acts wie „Blur“ oder „Bananafishbones“ klingen wie Stars aus einem anderen Leben. Aber dann sind da beispielsweise die „Fantastischen Vier“, die die Bühne aufheizen, oder die „Goo Goo Dolls“, die für Hits wie „Iris“ bekannt sind. An sich ist das Festival ein voller Erfolg – hätte nicht am zweiten Tag ein betrunkener, dem Publikum gegenüber unangemessen artikulierender Marilyn Manson dafür gesorgt, dass ein Teil des Publikums mit Schlamm-Geschossen und spontanem Stürmen wutentbrannt die Bühne verwüstete.

Ein weiteres Festival in München fällt damit ins Wasser – genauso wie das darauffolgende, erstmals in Neuhausen ob Eck stattfindende SouthSide 2000, das aufgrund schlechter Wetterverhältnisse sehr schlecht besucht ist. Und dennoch – das Festival setzt sich durch, Jahr für Jahr steigen die Teilnehmerzahlen und die Reichweite. Über Landesgrenzen hinweg strömen immer mehr Musikbegeisterte, und dürfen sich neben zahllosen Newcomern und Special Acts auch immer wieder über Top Acts wie Coldplay, die Ret Hot Chili Peppers, Katy Perry, Linkin Park, Green Day oder die Imagine Dragons freuen.

Insbesondere junge Menschen aus den an den Landkreis Tuttlingen angrenzenden Landkreisen, wie beispielsweise Sigmaringen, nutzen das Southside als ihre erste Festival-Erfahrung, die sie praktischerweise direkt vor der Haustüre abholen können. Genau deshalb – weil Leute aus ganz Deutschland und Europa anreisen, während wir lediglich eine halbe Stunde Autofahrt brauchen – ist es eigentlich eine Schande, nicht hinzugehen, wenn man die Zeit, das Geld und die Motivation dazu hat.

Und genau deshalb frage ich mich, wieso zum Himmel ich an jenem verschneiten Februartag auf dem Sofa nicht auf den „Kaufen“-Button geklickt habe. Man muss sich das vorstellen: die Maus schwebt schon darüber, meine Freunde warten darauf, dass ich als Letzte auch meine Karte bestelle, und was tue ich? Ich schließe das Fenster. Einfach nur deswegen, weil ich geizig bin, Angst habe, dass das Festivalleben nichts für mich ist, hohle Ausreden, blablabla. Die volle Quittung für diesen Rückzieher bekomme ich, als es schließlich vor der Türe steht: Das SouthSide-Wochenende ohne SouthSide 2018.

DONNERSTAG
Morgens in der Schule begrüßt mich mein Kumpel freudestrahlend mit den Worten: „Und, um wie viel Uhr fahrt ihr heute los aufs SouthSide?“ Mein Geizkragen und ich haben nämlich verschwiegen, dass wir uns gegen die Karte entschieden haben, in der Hoffnung, alle anderen würden mein entschlossenes „Doch, dieses Jahr gehe ich auf jeden Fall!“ vom Dezember vergangenen Jahres längst wieder vergessen haben. Eine Hoffnung, die jetzt zerplatzt wie Seifenblasen. Und mein Kumpel fragt im Chor mit meinen inneren Stimmen: „Wieso hast du keine Karte gekauft?“

FREITAG
Was die ganze Woche schon immer wieder zur Sprache gekommen ist, wird spätestens jetzt unweigerlich gebrüllt: durch das Radio, die Straßen, die Schulgänge. Es ist SOUTHSIDE WOCHENENDE!! Nur in unseren Klassenzimmern bleibt es still, weil nämlich all diejenige, die im glücklichen Besitz einer Karte sind, längst in Neuhausen wähnen oder zumindest auf dem Weg dorthin sind, Schulpflicht hin oder her. Ich dagegen sitze im Geographie-Unterricht, rechne die Kilometer und die Entscheidungen aus, die mich vom besten Wochenende des Jahres trennen und erwecke gleichzeitig den Eindruck, der Atlas in meiner Hand sei das Interessanteste, das ich je gesehen habe. Spätestens mittags läuft dann das Kopfkino: was wohl gerade dort passiert? Die ersten Bands spielen, wie es da jetzt wohl abgeht? Man beginnt sich einen Vorteil in den kleinen Dingen herauszupicken. Hey - ich kann gemütlich im Bett einen Mittagsschlaf absolvieren, ist das nicht ein unfassbar großer Vorteil denjenigen gegenüber, die sich jetzt dem Trubel und dem Lärm eines 60 000 Menschen fassenden Gelände unterziehen zu müssen?

An diesem Tag sehe ich dann auch noch Kraftklub – irgendwie zumindest. Der modernen Technik sei Dank – im Jahr 1999 gab es sicher noch keinen Online-Livestream.

SAMSTAG
Ich muss sagen, dass sich tagsüber alles weniger dramatisch anfühlt. Es ist für alle Daheimgebliebenen einfach ein ganz normaler Samstag. Problem nur: zu einem ganz normalen Samstag gehört die Aussicht auf einen ereignisreichen Abend, bei dem gefühlt drei Landkreise, aber zumindest der harte Kern der Stufe auf den Elferturnieren und Festen der Region zusammenkommt, zwangsläufig dazu. Davon ist dieses Wochenende nichts zu spüren. Zwar haben wir die Auswahl zwischen drei Festen auf einmal, aber welches davon wir auswählen ist eigentlich egal: da sein wird ohnehin keiner. Und genauso ist es dann auch. Irgendwie erwischt man sich ständig bei Gedanken wie: „Wo bleibt denn...“ oder „Spannend wird es erst mit...“ und darauf kann man dann lange warten. Diese Erfahrung zeigt wieder einmal: ein Fest ist nur so gut wie die Leute, die anwesend sind. Für das SouthSide gilt das bestimmt auch – egal ob man dabei von den Acts, oder vom Publikum spricht.

SONNTAG
Tag 3 und damit der letzte Tag eines gefühlt nicht enden wollenden Wochenendes. Eigentlich ist das Gröbste überstanden und für das Überleben dieses letzten Tages gibt es einen simplen aber effektiven Life Hack: die Abstinenz sämtlicher sozialer Netzwerke. Nachdem die letzten drei Tage auf dem Gelände nämlich schlechter Empfang und eine Überlastung des Internets angesagt war, feuern die heimgekehrten Festivalgänger dank dem eigenen WLAN sämtliche Videos und Bilder in ihre Kanäle, die beim Feiern entstanden sind. Trotzdem kann es natürlich vorkommen, dass man sich auch nach der 56. Instagram-Story noch fragt: „War eigentlich dieses Wochenende SouthSide und war SXTN einer der Top-Acts?!“ Dann ist es natürlich gut, dass es auch eine 57. Story gibt, die diese Frage möglicherweise beantwortet.

MONTAG
Der einzige Tag von allen, an dem man als Nicht-Festivalgänger im Vorteil ist. Frisch, ausgeschlafen und motiviert blickt man denen entgegen, die wahrscheinlich nur noch einen Wunsch mit vier Buchstaben haben: B - E - T - T. Und dahin verschwinden sie dann auch zeitig, bis sie am nächsten Morgen wieder unter den Lebenden sind und es wieder für ein Jahr keinen Unterschied gibt, zwischen denen, deren Mauszeiger auf „Kaufen“ gedrückt hat, und denen, bei denen das nicht so ist.

Das also war mein Southside-Wochenende ohne Southside 2018. Dieses Jahr, das kann ich glücklicherweise sagen, wird dieses Wochenende anders aussehen, und denn nächste Woche erscheint hier ein Bericht von der anderen Seite der Schlucht. Einen Tag nach dem Southside-Wochenende ohne SouthSide 2018 habe ich nämlich für 2019 gebucht – und kann es jetzt schon kaum noch erwarten. Und wie ein anderer, weiser Mann einmal sagte – vermutlich war es ein guter Freund von Marc Aurel: „Vorfreude ist die schönste Freude“.

Auf welcher Seite befindet ihr euch, wenn dieses Wochenende das Southside beginnt? Ich bin gespannt, wo ich euch treffe!

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Nachteule-Tabitha

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