Auf und davon

15.02.2019

Ich bin spät auf. Einmal mehr, aber ich weiß nicht, ob ich darüber glücklich bin. Wenn sich mein Kopf nun endlich entschließen würde, von seinen Gedankengängen abzulassen und mich in das Reich der Träume, aus dem man jederzeit erleichtert aufwachen kann, egal wie schlimm sie waren, zu schicken, dann würde zumindest das gigantisch große und leicht verrostete Gedankenkarussell darin aufhören, sich zu drehen.

Zum ersten Mal in meinem Leben verspüre ich etwas, das der Volksmund wohl als Zukunftsangst beschreiben würde. Zukunft ist ein beeindruckendes Wort, weil es nicht eindeutig negativ oder positiv behaftet ist. Im Grunde genommen strotzt die Zukunft vor Gutem, weil es sie gibt, weil uns mit der Zukunft Zeit geschenkt wird, die wir zu unserer machen können, in der uns alle Türen offenstehen. Doch genau das ist auch notwendig, um die Zukunft tatsächlich zu einer Zeit zu machen, in der wir gerne leben: Eigeninitiative, Selbstvertrauen, Tatendrang und harte Arbeit.

Nichts davon erscheint auf den ersten Blick undenkbar, aber gerade wenn man zum ersten Mal in seinem Leben vor einem Abschnitt steht, der nicht von den eigenen Eltern und der staatlichen Verpflichtung des Schulbesuches bestimmt und festgelegt wird, sind selbst kleine Schritte in eine bestimmte Richtung eine große Überwindung. In dieser Nacht, in der ich mich schlaflos meiner neuen Begleiterin, der Zukunftsangst, widme, sind es noch zwei Monate bis die schriftlichen Abiturprüfungen beginnen. Meine Abiturprüfungen. In den letzten Jahren haben wir Schüler immer wieder miterlebt, wie die Ältesten in den Frühlingsmonaten zunehmend nervöser wurden, sind im Mai schweigend durch die Schulgänge geschlichen als es hieß: Ruhe bitte! Abitur!

Und haben zu diesen Leuten aufgeschaut, die in unseren Augen schon viel eigenständiger und auf eine bestimmte Weise bereit gewirkt haben. Wenn die schriftlichen Prüfungen vorüber waren, und die Abiturienten zwischen Mottotagen und Schulbelagerungen ihre letzten Klausuren und Präsentationen bestritten hatten, hatte ich immer den Eindruck, ihnen anzumerken, dass sie da nicht mehr hingehörten. Die Klassenzimmer und Gänge unserer Kleinstadtschule, die acht Jahre lang selbstverständlich zu ihrer Lebenswelt gehörten, schienen nur noch eine Art Übergangsraum zu sein, eine Zwischenstation auf dem Weg Richtung ZUKUNFT. Jetzt bin ich selbst bald in dieser Lage, und der Begriff der Zukunft beginnt, eine immer größere Rolle zu spielen.

„Und was machst du nach dem Abitur?“ haben wir uns Freunde untereinander prinzipiell nie gefragt, weil jeder von uns wusste, wie anstrengend, heikel und verunsichernd ein derart eingeleitetes Gespräch sich gestalten kann. Aber wir kennen uns, und wir verbringen einen so großen Teil unserer Zeit zusammen, dass nach und nach jeder die Pläne des anderen kennt - sofern es denn einen gibt. Dabei ist es beeindruckend, wie groß das Spektrum ist. Ich habe Freunde, die haben ihre Ausbildungsstelle im Landkreis sicher. Das Abi wollen sie bestehen, müssten es aber nicht, um ihre Lehrstelle im Spätsommer antreten zu können. Andere sinnieren noch über eine solche Ausbildung, warten auf Zusagen oder wägen verschiedene Möglichkeiten ab. Wieder andere wissen bereits, dass sie das nächste Jahr auf einem fremden Kontinent verbringen werden, als Au Pair, als Freiwilligenhelfer oder Rucksack-Tourist. Meine beste Freundin hat ihre FSJ-Stelle in einer Klinik sicher, eine andere bereits eine Liste mit Studiengängen, für die sie sich nach Ausgabe der Abiturzeugnisse bewerben wird.

Über all das denken die Leute in meiner Stufe nach und es ist gut möglich, dass sie das tun, während sie schweigend und belanglos neben mir im Unterricht oder in der Aula sitzen. So wie ich es ja genauso mache, immer und überall. Die große Frage, die über uns allen schwebt: wohin will ich kommen? Menschen leben auf so verschiedene Weise nebeneinander. Viele priorisieren Familie und sehen somit finanzielle Sorglosigkeit und Stabilität als erstrebenswert an, während andere genau dies als Einöde und Einengung empfinden und sich von ihrem Leben eher Abenteuercharakter und ständige Änderungen erhoffen. Verschiedene Lebensmodelle, die nicht mit jeder beruflichen Ausrichtung vereinbar sind. Einen Schulabschluss zu absolvieren bedeutet nicht nur, diszipliniert und gefasst eine große Menge an Wissen wiedergeben und Können unter Beweis zu stellen.

Zu der Reife, die man mit einem Zertifikat wie dem Abitur erhält zählt auch, dass man in der Lage ist, sich über Wünsche und Pläne im Klaren zu sein, deren Erfüllung noch in jahrelanger Entfernung liegt. Denn nur danach kann man einen Plan ausrichten. Wie wichtig ist mir finanzielle Sicherheit und eine vielversprechende Arbeitsmarktsituation für meine spezielle Ausrichtung? Will ich nur das tun, wofür ich eine Art Wissensdurst und Interesse verspüre, oder entscheide ich nach Effizienz? Wie wichtig ist der Faktor Zeit: sehe ich G8 als eine Chance an, das „geschenkte“ Jahr mit außerschulischen Erfahrungen wie Sozialdiensten, Praktika oder Auslandsreisen zu füllen, oder bedeutet es für mich die Möglichkeit, schneller in die weiterführende Bildungsmaterie einzusteigen, um dadurch so früh wie möglich im Arbeitsleben etabliert zu sein? Diese Prioritätsfragen gilt es zu klären, um das langfristig gesteckte Ziel zu erreichen.

Weil wir aber, abgesehen von einigen Praktika und Gedankenexperimenten, keine Ahnung haben, wie sich dieses Ziel anfühlt, hätte ich gerne mal eine Art Vorschau auf das mysteriöse POST-Schulzeit-Leben. Besonders, was die Tatsache betrifft, dass viele ihren Heimatort verlassen werden, weil die Möglichkeiten dort schlichtweg begrenzt sind. Ich bin mir noch über viele Dinge unsicher, aber das weiß ich: dass ich mein Dorf verlassen werde, den Landkreis, wohlmöglich sogar das Bundesland. Dass ich in eine Stadt ziehen werde, in er es Busverbindungen im Minutentakt gibt, und Hochhäuser, vielleicht sogar U-Bahn-Netze und wichtige Menschen.

Es wird ein kompletter Kontrast zu meinem bisherigen Leben auf dem Land, und ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Auf der einen Seite will ich es unbedingt, weil das Leben fernab von Shoppingzentren, öffentlichem Nahverkehr und Trends aufsaugenden Hipstervierteln einen Teenager nicht unbedingt vollständig erfüllt. Auf der anderen Seite fühle ich mich mit meinem Heimatdorf und meiner Umgebung sehr stark verwurzelt und ich weiß sehr wohl zu schätzen, was wir hier haben und was es in der Stadt bekanntermaßen wenig gibt: Stille, Platz, nahezu familiären Zusammenhalt, Raum für lange Nächte am Lagerfeuer, ausgedehnte Spaziergänge und Träume, von denen niemand etwas mitbekommen muss, weil trotz der aktiven Dorfgemeinschaft eben jeder seinen Freiraum hat.

Mit seiner Heimat verwurzelt zu sein kann weh tun, wenn man sie verlassen muss, aber gleichzeitig bedeutet eine solche Bindung sicherlich auch eine gewisse Sicherheit. Heimat ist der Ort, wo sie einen hereinlassen müssen, wenn man wiederkommt, pflegte Robert Lee Frost einst zu sagen. Und weil Heimat nicht nur geographisch sein kann, sondern durchaus auch sozial, spielen Freunde und Familie eine unglaublich große Rolle, wenn es darum geht, im Leben voranzukommen und gleichzeitig wissen zu können, dass manche Dinge ewigen Bestand haben.

Und so dreht sich das Gedankenkarussell unaufhörlich und präsentiert mir mit jeder Umdrehung eine neue Idee, eine neue Sorge oder ein neues Szenario. Ich frage mich, ob es jemals stehen bleiben wird. Nach dem Studium kommt die Frage, ob es durch den Master verlängert oder durch einen Einstieg ins Berufsleben ersetzt wird. Irgendwann kommt die erste Jobzusage, die Suche nach einer neuen Wohnung, das Ja oder Nein – Sagen vor dem Traualtar. Entscheidungen und ungewisse Zukunftsvisionen sind also keine Einzelphänomene, die nur etwa nach dem Abitur auftreten.

Im Kontext des Abiturs fällt uns diese natürliche Begleiterscheinung eines bewegten Lebens nur zum ersten Mal bewusst auf. Auch wenn es sich im Moment, in dieser schlaflosen Nacht zwei Monate vor dem Abitur, noch so anfühlt, als wären sämtliche Wegweiser in meinem Blickfeld auf Chinesisch geschrieben – irgendwann werden sie sich mir sicherlich auch in der mir vertrauten deutschen Sprache offenbaren. Oder aber auf Französisch – denn auch wenn das Gedankenkarussell und ich uns noch nicht zu hundert Prozent auf eine Zukunftsperspektive festgelegt haben, kann ich mir doch sehr gut vorstellen, dass meine Lieblingssprache ihren Platz darin finden wird. Bis dahin versuche ich, nun erst einmal einzuschlafen. Für Zukunftsängste und freudige Planungen ist morgen Nacht dann wieder genug Zeit.  

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Nachteule-Tabitha

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