24 kleine Überraschungen - Emma will einen Adventskalender

23.11.2018

Emma ist spätauf. Inoffiziell und klammheimlich natürlich, denn äußerlich sieht sie aus wie jedes andere fünfjährige, friedlich schlafende Mädchen auch.

Als sie ihrer Mama näherkommen hört, kneift sie ihre Augen noch ein bisschen fester zu. „Gute Nacht liebe Emma.“ sagt Mama. „Und morgen bist du wieder brav, damit der Nikolaus dich nicht schimpfen muss!“

Pff brav, Emma versteht die Welt nicht mehr. Sie ist immer brav! Und besonders brav ist sie, wenn es, wie heute Mittag, darum geht zu diskutieren. Emma hatte eine lange und ausführliche Diskussion mit ihrer Familie zum Thema: „Ich brauche einen Adventskalender.“ Und der Ausgang dieses Streites lässt sie unmöglich einschlafen.

Eigentlich sollte das nicht einmal zur Frage stehen, findet Emma. Sie weiß, dass der Adventskalender einst von einer Mutter erfunden wurde, die es leid war, ständig die Fragerei ihrer ungeduldigen Kinder anzuhören. „Wie lange dauert es noch bis Weihnachten?“ „Wieso kann das Christkind nicht einfach schon heute kommen?“ Wenn man aber jeden Tag eine kleine Überraschung auswickeln darf, vergeht die Zeit vom ersten bis zum 24. Dezember fast wie im Flug, und kein Kind muss mehr nörgeln. Folglich sollten die Mütter und Väter über diese Erfindung froh sein! Und jetzt ist es ausgerechnet Emmas Mutter, die gesagt hat: „Nein Emma, dieses Jahr nicht. Große Kinder brauchen doch keinen Adventskalender mehr!“ Aber Emma ist doch erst fünf und normalerweise hört sie regelmäßig den Satz: „Dafür bist du noch zu klein!“ Und überhaupt, während dieser Diskussion ist ihre Cousine Jule daneben gestanden, die immer noch einen Adventskalender bekommt. Und die ist fünfzehn, und damit praktisch schon fast erwachsen.

Letztendlich hängt es doch ohnehin nicht vom Alter ab, ob man sich darüber freut oder nicht. Was gibt es Schöneres als dieses Gefühl beim Aufwachen, das Rascheln des Geschenkpapiers und die Zahlen darauf, die immer höher werden, bis am 24. Dezember endlich das Ende erreicht ist? Nicht zu vergessen der kleine Anflug von Traurigkeit, wenn nach dem großen Weihnachtsfest alles zu Ende ist und die Warterei von vorne losgeht. Eigentlich, wenn Emma es sich recht überlegt, sollte es einfach das ganze Jahr Advent sein, mit 365 kleinen Geschenken! Seufzend dreht sie sich zur Seite. So viel verlangt sie ja gar nicht. 24 Tage reichen auch!

„Außerdem kosten solche Teile, wenn sie nicht gerade mit billiger Schokolade gefüllt sind, doch ein Heidengeld!“ hat sich zu allem Überfluss auch noch Emmas Vater eingeschaltet. Da konnte Emma nur verächtlich brummen. Sie braucht ja auch keinen 50 Euro teuren Nagellack-Kalender wie ihre Cousine, die sich nun jeden Tag einen anderen Pastellton auftragen kann. Es geht ihr nur darum, jeden Morgen etwas zu haben, auf das sie sich freuen kann. Es muss kein Playmobil-Kalender oder eine reine Schmuckkiste sein! Die 24 hübsch verpackten Päckchen, die ihre Mutter ihr in den vergangenen Jahren geschenkt hat, würden ihr vollkommen genügen. Viele davon hat sie selber gemacht: kleine Armbändchen oder gehäkelte Stirnbänder, die alljährlichen Karamellbonbons oder Püppchen aus Filzwolle. Dazu noch praktische Dinge wie Haargummis oder Stifte und auch mal der ein oder andere Schokoladenriegel.

Und das ist nur eine Möglichkeit. Emma hat eine Freundin, die im Dezember 24 Tage lang jeden Morgen ein anderes Marmeladenbrot in den Kindergarten mitbringt, weil ihre Großtante ihr einen „Marmeladenkalender“ schenkt. Die außergewöhnlichste Geschmacksrichtung war eindeutig Nuss-Granatapfel. Ein anderer Freund bekommt jedes Jahr einen Edelstein-Kalender und kann damit eine ganze Schatztruhe füllen. Wieder eine andere häkelt mit ihrer Oma Topflappen und bekommt dann jeden Morgen ein buntes Stück Wolle. Alles schöne Dinge, die nicht allzu viel kosten, und damit keine „Werbefallen der geldgierigen Industrie“ sind, wie Emmas Vater gerne zu sagen pflegt. So kann der Dezember ja nur wie im Flug vergehen!

Genauso, wie Emma es für diese lange Nacht auch gerne hätte. Irgendwann muss sie wohl doch eingeschlafen sein, denn als ihre Mutter sie am nächsten Morgen sanft aufweckt, fällt ihr zunächst gar nicht mehr ein, dass sie sich gestern über den Adventskalender geärgert hat. „Komm steh auf, Oma wartet in der Küche auf dich!“ Tatsächlich steht Oma in der Küche und hat einen großen Sack in der Hand. „Aber du bist doch gar nicht der Nikolaus!“ ruft Emma. „Das nicht.“ lacht Oma. „Aber für die Adventskalender ist ja auch nicht der Nikolaus zuständig, oder?“ „Danke!“ jubelt Emma, und fragt sich aufgeregt, womit der Sack wohl gefüllt sein könnte. Edelsteine? Marmeladengläser? Oder vielleicht doch mit etwas ganz anderem? „Das ist eine Überraschung“, sagt Oma mit einem geheimnisvollen Lächeln.

Und das, findet Emma, ist ja eigentlich auch das Beste an einem Adventskalender.

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Nachteule-Tabitha

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