Nachteule-Simon blubbrt
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Auf Spurensuche - Überbleibsel der rauen Räuberzeit

15.03.2018
Auf Spurensuche - Überbleibsel der rauen Räuberzeit

Ich bin schlaflos im Gai, weil ich, als ich in der Nacht, durch die einsamen, nebligen Straßen und verwinkelten Gassen der Altstadt von Pfullendorf gelaufen bin, ein etwas mulmiges Gefühl gehabt habe. Am Tag wirkt, die Stadt mit ihrem beschaulichen Ortskern und ihren alten Fachwerkhäusern, charmant und gemütlich. Zumindest braucht man zu dieser Tageszeit sich keine Sorgen machen, dass Ganoven und Gangster einen bedrohen und überfallen. In der Nacht im Winter, wenn nur noch wenige Menschen sich in den Straßen aufhalten und die meisten sich lieber in den Häusern aufwärmen, fühlt man sich dagegen allein und versucht auch aufgrund der Kälte schnell das Weite zu suchen. Wenn der Nebel dazu noch die Stadt umhüllt und die meisten Gasthäuser ihren Betrieb eingestellt haben, verspürt man einen Hauch von einer Stadt in Transsilvanien.
Durch eine, auf der Homepage der Stadt, angebotene Räubertour, welche das Räuberleben im 19 Jahrhundert, nachspielen sollte, kam ich auf die Idee nach der Räuberspurensuche im Großraum von Pfullendorf. Da der Räuberführer in dieser Jahreszeit noch Winterschlaf hält, versuchten wir selbst etwas über das Räuberleben vor Ort herauszufinden. Zu unserem Erstaunen konnten nur sehr wenige Pfullendorfer etwas über das Thema berichten. Ein paar Experten stellten uns letzten Endes klar, dass das Räuberleben eher ein Marketing Konzept darstellt und Pfullendorf, im Vergleich zu anderen Orten, eher wenig mit dem Räuberzeitalter gemein hat. Stattdessen gibt es in der Region, einen Ort, auf dem das Ganovendasein deutlich mehr zu trifft, als auf die ehemalige Reichsstadt Pfullendorf. Gemeint ist hierbei das Örtchen Ostrach, welches östlich von Pfullendorf liegt und zirka 7000 Einwohner hat. Hier trieb eine bekannte Räuberbande unter der Leitung des legendären Xaver Hohenleiter, auch bekannt als der schwarze Veri, ihr Unwesen.
Der Grund warum sich die Räuberbande in Ostrach und Umgebung, Anfang des 19 Jahrhunderts, so wohlfühlte, lässt sich anhand der Lage des Ortes, begründen. Ostrach, war die einzige Gemeinde, welche sich direkt, im 19 Jahrhundert, mit ihren Ortsteilen im Länderdreieck, zwischen den Gebieten der Hohenzoller, Badens und Württembergs, befand. Durch die Grenzen konnten sich die Räuber relativ unbehelligt bewegen, da die Räuberfänger, die Gauner nur innerhalb der Grenzen bei einem Überfall verfolgen konnten. Oftmals überfiel, die Bande des schwarzen Veri, Ortschaften in einer der drei Ländereien und flüchteten anschließend über die Grenzen, da es zur damaligen Zeit noch keine Grenzkontrollen gab. Ostrach und seine vielen Ortsteile, welche vom Hauptort etwas auseinanderliegen, waren somit der perfekte Ort, für die Räuber. Im Vergleich zu Piraten kann Ostrach als das „Tortuga“ in Oberschwaben bezeichnet werden. Oftmals trafen sich die Räuber in einer Kneipe in Spöck, einem Ortsteil vom heutigen Ostrach und überlegten sich ihren Plan für die nächsten Überfälle. Bei der Umsetzung ihrer Pläne, setzten sie auf ein Sammelsurium von geheimen Austauschmöglichkeiten, so genannte Zicken. Darunter versteht man, verschiedenste Zeichen, beispielsweise graphische Kennzeichnungen welche an Häusern oder Baumstämmen markiert wurden und mit denen nur die Räuber etwas anfangen konnten. Aber auch spezielle Gestik und Mimik oder Stimmen wurden verwendet. Außerdem benutzten die Räuber eine Geheimsprache, das „Rotwelsch“, damit neugierige Lauscher von ihrem Konzept nichts mitbekamen. Im Räuberleben spielten "überraschender Weise" auch Frauen beziehungsweise die Ehefrauen eine große Rolle. Oftmals sorgten sie für die Ablenkung der männlichen Opfer, indem sie die Männer bezirzten oder sich entblößten, während die Ganoven währenddessen im Hof oder in den Häusern, Beute machten. Trotz einiger Erfolge konnte der schwarze Veri im Jahre 1819 in der Nähe von Laubbach, ebenfalls einen Ortsteil von Ostrach gefangen genommen werden. Er wurde nach Biberach überstellt, wo er im Ehinger Tor, eingesperrt wurde. Laut einer Sage, welche mit ziemlicher Sicherheit stimmt, wurde der Schelm, aufgrund der Stahlketten, nach einem Blitzeinschlag im Turm getötet. Neben seinen Taten macht ihn dieser ungewöhnliche Tod zu einer noch heute bekannten Legende in Oberschwaben.
Durch die Berühmtheit des Xaver Hohenleiters, sind in Ostrach noch heute Überbleibsel, wenn auch keine direkten, erkennbar. Ein Beispiel ist die schwarze Veri Wurst in einer Metzgerei in Ostrach, welche bei den Kunden sehr beliebt und etwas Besonderes ist. Auch gibt es ein Ortsmuseum, indem die Ortsgeschichte vorgestellt wird. Neben der Besonderheit der Grenzdreiteilung, Kriegerischer Auseinandersetzungen zu Zeiten Napoleons, wird auch etwas über das Leben der Räuberbande des schwarzen Veris erwähnt. Unter anderen werden beispielsweise die graphischen Zinkenzeichen vorgestellt. Außerdem wird die Räuberbande namentlich mit Bildern präsentiert. Desweiterem setzt Ostrach auch im Marketing auf dauerhafte Programme im Zusammenhang mit den Räubern. Beispielweise wird es im nächsten Jahr ein großes Räubertheater, welches auf die Raubzüge des schwarzen Veri basiert, geben. Zu guter Letzt, kann bestätigt werden, dass das Ganovenleben sich in Ostrach etabliert hat und die Region nach wie vor prägt. Unsere aufwendige und zeitkostende Spurensuche war somit erfolgreich.

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