Auf Spurensuche - Überbleibsel der rauen Räuberzeit

30.10.2018

Ich bin schlaflos im Gai, weil ich, als ich in der Nacht durch die einsamen, nebligen Straßen und verwinkelten Gassen der Altstadt von Pfullendorf gelaufen bin, ein etwas mulmiges Gefühl gehabt habe.

Unter Tags wirkt die Stadt mit ihrem beschaulichen Ortskern und ihren alten Fachwerkhäusern charmant und gemütlich. Zumindest braucht man sich zu dieser Tageszeit keine Sorgen zu machen, dass Ganoven und Gangster einen bedrohen und überfallen. Doch nachts und vor allem im Winter, wenn sich nur noch wenige Menschen in den Straßen aufhalten und die meisten sich lieber in den Häusern aufwärmen, fühlt man sich dagegen allein und versucht schnell das Weite zu suchen. Wenn der Nebel dazu noch die Stadt umhüllt und die meisten Gasthäuser ihren Betrieb eingestellt haben, verspürt man einen Hauch von einer Stadt in Transsilvanien.

Als ich auf der Homepage der Stadt von der Räubertour gehört habe, eine Stadtführung, welche das Räuberleben im 19. Jahrhundert näherbringen soll, kam ich auf die Idee nach der Räuberspurensuche im Großraum von Pfullendorf. Da der Räuberführer in dieser Jahreszeit noch Winterschlaf hält, versuchten wir selbst etwas über das Räuberleben vor Ort herauszufinden. Zu unserem Erstaunen konnten nur sehr wenige Pfullendorfer über das Thema berichten. Ein paar Experten machten uns klar, dass das Räuberleben eher ein Marketingkonzept darstellt und Pfullendorf, im Vergleich zu anderen Orten, eher wenig von Räuberei betroffen war. Stattdessen gibt es ganz in der Nähe einen Ort, der von der Räuberzeit deutlich stärker betroffen war, als die ehemalige Reichsstadt Pfullendorf. Gemeint ist das Dorf Ostrach, welches östlich von Pfullendorf liegt und zusammen mit den umliegenden Orten etwa 7.000 Einwohner hat.

Hier trieb eine bekannte Räuberbande unter der Leitung des legendären Xaver Hohenleiter, auch bekannt als der Schwarze Veri, ihr Unwesen. Der Grund, weshalb sich die Räuberbande in Ostrach und Umgebung Anfang des 19. Jahrhunderts so wohl fühlte, lässt sich mit der Lage des Ortes begründen. Ostrach lag im 19. Jahrhundert, zusammen mit den heutigen Teilorten, im Dreiländereck zwischen Hohenzollern, Baden und Württemberg. Durch die Grenzen konnten sich die Räuber relativ unbehelligt bewegen, da sie die Strafverfolgung nach einem Überfall nur innerhalb der jeweiligen Grenzen verfolgen konnte. Oftmals überfiel die Bande des Schwarzen Veri Ortschaften in einer der drei Ländereien und flüchtete dann über die Grenzen, die damals noch offen und ohne Kontrollen waren.

Ostrach und seine vielen Teilorte, die rund um den Hauptort verstreut liegen, waren somit der perfekte Ort für die Räuber. Im Vergleich zu den Piraten kann Ostrach als das „Tortuga“ Oberschwabens bezeichnet werden. Oftmals trafen sich die Räuber in einer Kneipe in Spöck, einem heutigen Teilort der Gemeinde Ostrach und überlegten sich ihren Plan für die nächsten Überfälle. Bei der Umsetzung ihrer Pläne setzten sie auf ein Sammelsurium von geheimen Kommunikationsmöglichkeiten, den sogenannten Zinken. Darunter versteht man verschiedente Zeichen einer Räubersprache, beispielsweise graphische Kennzeichnungen an Häusern oder Baumstämmen, mit denen nur die Räuber etwas anfangen konnten. Aber auch spezielle Gestik und Mimik oder Geräusche wurden verwendet.

Außerdem benutzten die Räuber eine Geheimsprache, das „Rotwelsch“, damit neugierige Lauscher von ihrem Konzept nichts mitbekamen. Im Räuberleben spielten überraschender Weise auch Frauen, beziehungsweise die Ehefrauen eine große Rolle. Oftmals sorgten sie für die Ablenkung der männlichen Opfer, indem sie die Männer bezirzten oder sich entblößten, während die Ganoven währenddessen im Hof oder in den Häusern Beute machten. Trotz einiger Erfolge konnte der Schwarze Veri im Jahre 1819 in der Nähe von Laubbach, südöstlich von Ostrach, gefangen genommen werden. Er wurde nach Biberach überstellt, wo er im Ehinger Tor eingesperrt wurde. Laut einer Sage wurde der Schelm, aufgrund der angelegten Stahlketten, nach einem Blitzeinschlag im Turm getötet.

Neben seinen Taten macht ihn dieser ungewöhnliche Tot zu einer noch heute bekannten Legende in Oberschwaben. Noch heute erinnern einige Artefakte in Ostrach an die Berühmtheit des Xaver Hohenleiters. Ein Beispiel ist die Schwarze-Veri-Wurst in einer Metzgerei in Ostrach, welche bei den Kunden sehr beliebt ist. Auch gibt es ein kleines Museum, in dem die Ortsgeschichte vorgestellt wird. Neben der Besonderheit der Grenzziehung, den kriegerischen Auseinandersetzungen zu Zeiten Napoleons, wird auch etwas über das Leben der Räuberbande des Schwarzen Veri erzählt. So werden etwa die geheimnisvollen Zinkenzeichen vorgestellt. Außerdem wird die Räuberbande namentlich mit Bildern präsentiert. Desweiterem setzt Ostrach auch im Marketing auf verschiedene Programme im Zusammenhang mit den Räubern. Beispielweise gab es in diesem Jahr ein großes Räubertheater, welches die Raubzüge des schwarzen Veri nacherzählt. Außerdem wurde die Bahnstrecke, die von Aulendorf über Ostrach nach Pfullendorf führt, kürzlich in "Räuberbahn" umbenannt.

Es kann also festgehalten werden, dass sich das Treiben der Räuberbande des Schwarzen Veri vor 200 Jahren so stark in das kollektive Gedächtnis der Ostracher Bevölkerung eingebrannt haben muss, dass auch heute noch oft darauf Bezug genommen wird. Die Bande um Xaver Hohenleiter lebt sozusagen in der Tradition und touristischen Vermarktung weiter. Unsere aufwendige und zeitintensive Spurensuche nach Überbleibseln der Räuberzeit war erfolgreich.

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