Nachteule-Tabitha blubbrt
Nachteule-Tabitha blubbrt

 

Vom Himmel hoch da komm ich her

14.12.2018

Man muss spätauf sein, wenn man ihn in aller Ruhe betrachten will. Er thront hoch über den Dächern der Stadt, und allzu oft bleibt im Alltag keine Zeit, kurz stehen zu bleiben und nach oben zu sehen. Dennoch gehört er zu Pfullendorf wie kaum etwas anderes, und jedes Jahr zum Adventszauber kehrt er in das Bewusstsein der Menschen zurück: der goldene Engel.

Das Pfullendorfer Kirchendach ziert er schon länger und seit dem Jahr 2006 spielt er eine tragende Rolle im jährlich für ein Adventswochenende stattfindenden Adventszauber. Damals befasste sich der „Arbeitskreis Weihnachtsmarkt“ mit einer Neukonzipierung, die Veranstaltung sollte durch einen besonderen Programmpunkt hervorgehoben werden. Plötzlich kam die Idee auf, den goldenen Engel in den Mittelpunkt der Pfullendorfer Gemeinde zu rücken – im wahrsten Sinne des Wortes. Der Engel sollte mobil werden, seinen Posten auf der Kirchturmspitze verlassen und mitten unter den Besuchern den Adventszauber weitertragen. Geht nicht? Gibt´s nicht!

Die Bergwacht Sigmaringen kennt dieses Motto auch. Wer sich hier engagiert, ist schwindelfrei, entschlossen und voller Tatendrang. Im Sommer befreien die Bereitschaftsleiter Kletterer im ganzen Landkreis aus Notlagen. Im Winter spannen sie eine Seilbahn von der Spitze des Pfullendorfer Kirchturms über den Marktplatz hinweg bis auf ein passend stehendes Hausdach – und das schon seit elf Jahren. Wird das irgendwann Routine? „Nein,“ sagt die Bergwacht. „Wir sehen das jedes Jahr wieder als neue Herausforderung an. Wo Routine entsteht, sind Fehler nicht weit.“ Aber das Projekt Engelsabstieg funktioniert.

Und dann ist da Judith. Eigentlich ist Judith nur als Helfer auf den Pfullendorfer Adventszauber mitgekommen. Seit vielen Jahren ist die junge Frau Mitglied der Sigmaringer Bergwacht, hat schon den einen oder anderen Abstieg in luftiger Höhe mitgemacht, und ist sofort Feuer und Flamme, als ihr Bereitschaftsleiter Dieter Sorg anbietet, selbst einmal den Engel zu spielen. „Ich habe gesagt: Ja sofort, und ehe ich mich versah, war ich auch schon oben,“ lacht Judith.

Das war vor vier Jahren. Aus der Spontanaktion ist eine Art Tradition geworden, auch ihre Verwandlung ist sie schon gewohnt. Denn über die Winterjacke und die standardmäßige Bergwacht-Ausrüstung kommt nun noch ein langes, weißes Gewand, leuchtende Flügel und ein Heiligenschein - ganz wie es sich für einen Engel gehört. „Alleine wegen den schönen Klamotten wird man schon von allen neugierig angesehen,“ sagt Judith. „Und man wird dafür bewundert, dass man sich das traut.“

In der Tat füllt sich das Weihnachtsdorf in der Pfullendorfer Altstadt bereits am Spätmittag beträchtlich. Bühnenprogramm, zahlreiche Verkaufsstände und kulinarische Highlights sorgen für Zeitvertreib, bis kurz vor 18:00 Uhr schließlich alle Blicke gen Himmel gerichtet sind. Ganz oben am Kirchturm leuchtet ein kleines Licht. Judith trifft jetzt gemeinsam mit ihrem Team von der Bergwacht die letzten Vorbereitungen. „Über die kleine Mauer zu steigen, das ist jedes Mal eine Überwindung,“ beschreibt sie. In ihren Einsätzen im Sommer erfolgt der Abstieg normalerweise mit dem Rücken zum Abhang. Das ist hier anders. Sie sieht die Dächer unter ihr und etwas weiter weg die Menschenmasse, die gespannt darauf wartet, dass der kleine Trupp an Fanfarenspielern den Engelsabstieg mit einem Stück ankündigt.

Ob es da oben kalt ist? „Und wie,“ bestätigt Judith. Sie fügt grinsend hinzu: „Ich hab da drunter mehrere Schichten an!“ Mit dem Erleuchten des Kirchturms durch Scheinwerfer und die Dachinnenbeleuchtung beginnt Judiths Flug in die Tiefe – langsam und gemütlich. Das Drahtseil ist in der Dunkelheit kaum zu sehen, dafür ihr strahlen weißes Gewand. Judith winkt nach links und rechts, genießt den Abstieg sichtlich. „Das geht nur, weil ich mich auf meine Kollegen von der Bergwacht zu hundert Prozent verlassen kann.“ Dass sie das kann, bestätigt die Statistik. Vier mal ist sie geflogen, und vier mal wieder sicher unten angekommen.

Was dann folgt, ist ebenfalls schon Tradition in Pfullendorf: ein dem auf der Kirchturmspitze gleichender goldener Engel, geschmiedet von Peter Klink, wird als Wanderpokal an eine Person oder eine Gruppe verliehen, die sich über das Jahr hinweg ehrenamtlich engagiert hat, beispielsweise die Feuerwehr oder die Vesperkirche.

Damit ist das Ziel, den goldenen Engel zum Leitfaden des Programms im Adventszauber zu machen, gelungen. Mit seiner außergewöhnlichen Idee wollte der Arbeitskreis aber auch erreichen, dass das Weihnachtsdorf über die Pfullendorfer Stadtgrenze hinweg an Bekanntheit gewinnt. Erfolgreich: zahlreiche Besucher aus den Nachbarorten strömen jedes Jahr nach Pfullendorf, Sonderzüge werden als Zubringer angeboten. Bereits im Jahr 2015 zählte der Engelsabstieg rund 2000 Zuschauer.

Als Kind hat Judith stets voller Spannung auf das Christkind gewartet. Dass sie selbst einmal zum Engel werden würde, hätte sie wohl nicht erwartet. Mit ihrem Flug trägt sie dazu bei, die Weihnachtskultur in Pfullendorf und generell ein Stück weit aufrecht zu erhalten. Unter dem Jahr ist Judith – wer hätte es gedacht – gerne in den Bergen und dem Donautal unterwegs und betreibt Karate. Wenn sie es mit ihrem Beruf vereinbaren kann, ist sie gerne bereit, auch in Zukunft weiter durch die Lüfte zu fliegen. Sie fühlt sich als Engel durchaus wohl. Obwohl Judith, wie sie mit einem Zwinkern zugibt, im Kreise ihrer Bergwachtkollegen auch gerne öfters mal Bengel statt Engel genannt wird.

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