Nachteule-Tabitha blubbrt
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Die Magie der schönen Worte

Nachteule-Tabitha
01.03.2019

Was es mit Poetry Slam auf sich hat...


Ich bin spät auf

Und

Lasse die Welt vorüberziehen

Wolken die am dunklen Himmel nicht mehr weiß sind

Regen der vom Glas des großen Fensters rinnt

Leises Flüstern, hört mich einer,

oder ist da wieder keiner

keiner außer mir, spät auf

Wo ist das Leben in der Nacht?

Wo ist die Welt, wenn sie vorbeigezogen ist?

Ich warte auf ein kleines Zeichen,

Winke des Himmels, die mich erreichen

Ich sehe sie kommen und wieder gehen,

kann meine Träume schwer bloß verstehen

Spät auf


Träum ich allein, bin ich allein?

Muss ich das jeden Abend aufs Neue sein?

Ich suche Gesellschaft und Einsamkeit

Gehe zwei Schritte und fühle mich weit

Langsam, ganz langsam begreife ich

Alles ist anders, anders bin ich

Und wo ich stehe wird mir schnell klar

Dass das Alleinsein nur Einbildung war

Dass die, die tagsüber am Hellsten scheinen

In der Nacht am leisesten weinen

Dass die Dunkelheit nicht das Leben bedeckt

Sondern den Sinn für das Wichtigste weckt

Dass wir Tags vor den Nachtstunden flieh´n

Und Stillsein nicht Kunst ist, sondern nur Disziplin

Und ich bin lange nicht allein

Spät auf


Wer befürchtet, dass mein Schlafmangel nunmehr soweit fortgeschritten ist, dass ich keine vollständigen Sätze mehr bilden kann, den kann ich glücklicherweise beruhigen. Ich war nur wieder einmal spät auf, und wollte mich an etwas neuem versuchen.

Worte sind mehr als aneinandergereihte Buchstaben und Sätze mehr als unwillkürlich zusammengesetzte Worte. Es ist faszinierend, wie viel die Reihenfolge und die Wahl von Worte bewirken kann, wenn es darum geht, Gefühle zu vermitteln. Jeder, der schon einmal versucht hat, Gefühle in einem Tagebucheintrag oder einem Brief festzuhalten, kann verstehen wie das gemeint ist. Der Schwierigkeit und Herausforderung des Textens war sich auch der Amerikaner Marc Kelly Smith bewusst, als er in den 1980er Jahren in seiner Heimatstadt Chicago begann, „Poetry reading“- Events zu veranstalten. Smith hatte bereits im Alter von 19 Jahren eine Leidenschaft für Gedichte entwickelt, aber dass er damit einmal zum Gründervater einer völlig neuen Szene werden sollte, hätte er sich wohl kaum erträumt. Auch nicht, als er sich eines Tages ein Baseball-Spiel im Fernseher ansah, wo Treffer auch als „Slam-Dunks“ bezeichnet werden, und dabei mit einem Journalist telefonierte. Der Journalist interessierte sich für die abendlichen Gedicht-Lesungen und deren Betitelung. „Poetry-Slam“ sagte Marc Kelly Smith geistesgegenwärtig, und damit war er ins Leben gerufen: der Gedicht-Wettstreit.

Was bei Liebesbriefen und Tagebuchtexten im Privaten passiert, sollte plötzlich an die Öffentlichkeit gelangen: passionierte Dichter stellen ihre Texte, ihre Poetry auf einer Bühne m Publikum vor. Am Ende wird entweder von einer Jury oder vom Publikum direkt entschieden, welcher der Texte am meisten überzeugt hat. Wer bei einem Poetry Slam antreten will, muss einige Regeln beachten. Zunächst unterscheiden sich die Teilnahmemöglichkeiten zwischen einer Offenen Liste, in die sich vor Beginn des Wettbewerbs alle Interessierten eintragen können, und einem Challenging System wobei ein Teil der Teilnehmer im Voraus vom Veranstalter eingeladen wird, und sich ein weiterer Teil in eine offene Liste eintragen kann.

Bei der Wahl des Textes sind die Teilnehmer weitgehend frei. Anders als der Name vermuten lässt müssen sich die einzelnen Zeilen nicht reimen. Lyrik ist nur eine Option – ebenso wie Kurzprosa, Rap oder Comedy. Das Wichtigste ist dabei, dass der Text selbst verfasst wurde. Requisiten, Musikinstrumente oder Kostüme dürfen nicht zur Veranschaulichung herangezogen werden. Um die Veranstaltung in einem zeitlichen Rahmen zu halten und allen Teilnehmern dieselben Chancen einzuräumen, gibt es Zeitlimits, die von Veranstaltung zu Veranstaltung variieren können, in der Regel aber zwischen fünf und sechs Minuten betragen.


“The point is not the points, but the poetry.“


Obwohl die Veranstaltungen einen Wettstreit darstellen, liegt der Fokus auf der Leidenschaft für Sprache und Poesie. Dies ist auch die Ansicht von Allan Wolf, einem Experten des Poetry Slam. Geldpreise sind – zumindest im deutschsprachigen Raum – ohnehin zur Seltenheit geworden, vielmehr geht es bei der Prämierung um symbolische Ehre und kleine Sachpreise wie Klamotten oder Alkohol. 

Obwohl der Dichterwettstreit seine Anfänge in Nordamerika hatte, gilt heute die deutsche als die größte Poetry-Slam Szene. In vielen großen, aber auch in kleinen Städten gibt es regelmäßig Veranstaltungen, bei denen passionierte Texter ihr Talent unter Beweis stellen und andere Menschen mit ihren in Bestform getrimmte Gedanken und Gefühle bereichern können. Mittlerweile finden gar Landesmeisterschaften im Poetry- Slam statt. Auch der Weg von Julia Engelmann begann mit derartigen Veranstaltungen. Die gebürtige Bremerin ist heute nicht nur für ihre Texte, sondern auch für ihre ebenso poetische Musik berühmt. Im Alter von 25 Jahren hat Julia Engelmann bereits drei Bücher voller zauberhafter Texte, zwei Singles und ein Album veröffentlicht.

Sie spricht und singt von allem, was sie – und uns alle –bewegt und erreicht mit ihren scheinbar einfach gewählten Worten eine unglaubliche Wirkung bei ihren Zuhörern. Es gelingt ihr, andere zu inspirieren, selbst zum Stift zu greifen. Obwohl mein spät auf verfasster Text nicht annähernd dieselbe Kraft besitzt wie Texte berühmter Poeten wie Julia Engelmann, bin ich der festen Überzeugung, dass jeder einzelne hat das Zeug dazu hat, zum Poetry Slammer zu werden. Jeder, der den Mut hat, sich darauf einzulassen. Darauf, die eigenen Gefühle erst einmal anzunehmen und sie in Worte zu fassen. Auch wenn es Zeilen gibt, die man nicht einmal zu denken wagt, und die man unter keinen Umständen in der Öffentlichkeit preisgeben möchte, gibt es sicherlich so einiges, dass man am liebsten der ganzen Welt mitteilen möchte. Vor Glück, oder weil es so schrecklich weh tut - oder manchmal auch beides gleichzeitig. 


Du musst leben, du wirst nicht gelebt. Du bleibst halt stehen, wenn du nicht gehst. Nimm´ mal die Steine aus dem Weg. Warte nicht auf den Startschuss. Warte nicht auf das Glück

Julia Engelmann, „Grüner wird’s nicht“ 

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