Nachteule-Tabitha blubbrt
Nachteule-Tabitha blubbrt

 

Nachteule-Tabitha blubbrt
Nachteule-Tabitha blubbrt

 

1

Wieso der Weg das Ziel ist

Nachteule-Tabitha
09.08.2019

Nächtliche Schlaflosigkeit, davon bin ich überzeugt, macht vor niemandem Halt, erst recht nicht vor Menschen, deren Köpfe stets voll von hintergründigen Gedanken stecken. Es war irgendwann vor langer Zeit, etwa 400 bis 500 Jahre vor Christus, als in China ein Philosoph lebte, der lange nach seinem Tod und über Jahrtausende hinweg Beachtung finden sollte, dessen Ansichten und Erkenntnisse die Menschen bis ins 21. Jahrhundert begleiten und bewegen sollten.

Wovon er sicherlich nichts ahnen konnte, als er zu seinen Lebzeiten nicht schlafen konnte und die später so wichtigen Gedanken niederschrieb. Es ging ihm dabei um alles mögliche, um Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung, um die Kraft, die aus der Ruhe geschöpft werden kann und selbst um das, was heute noch Jahr für Jahr die Generationen der Schul- und Ausbildungs- beziehungsweise Studienabsolventen quält: die Wahl des richtigen Berufes, den man so sehr liebt, dass man nie wieder arbeiten muss. Und vielleicht war Konfuzius in seinem Leben auch einmal auf einem Weg. Den er möglicher Weise in der Momentaufnahme noch nicht vollständig deuten konnte, dem er aber alles abgewann, was möglich war, und dem er eine so große Bedeutung zumaß, dass er schließlich zu den folgenden Worten fand: Der Weg ist das Ziel.

Der Weg ist das Ziel – fünf Worte, die die Zeit bis heute überlebt hatten und von vielen als Mantra benutzt werden. Nicht nur von Menschen, die sich im bildlichen Sinne auf dem Weg befinden, sondern auch von denjenigen, die tatsächlich auf einem Weg sind: Pilger. Im Zusammenhang mit Pilgerwegen und Wallfahrten ist das Zitat des Konfuzius tatsächlich schon sehr häufig herangezogen worden, sodass es fast abgedroschen erscheint. Ob es tatsächlich noch immer gültig ist? Oder überwiegt nicht doch das Ziel, wegen dem sich die Menschen doch letztendlich auf den Weg machen? Was wäre überhaupt ein Weg ohne Ziel, kann er ohne dieses existieren?

Der Begriff „Pilgern“ stammt von den lateinischen Worten „per agere“ ab, was als „jenseits des Ackers“ oder als „in der Fremde“ übersetzt werden kann. Im Gegensatz zu einer einfachen Reise, die ja ebenfalls zwangsläufig in der Fremde von statten geht, handelt es sich beim Pilgern im ursprünglichen Sinne stets um eine religiös motivierte Reise, die über einen längeren Zeitraum hin andauert und sich damit von einem Urlaub abhebt. Gepilgert sind Gläubige zu allen Zeiten, Routen und Ziele gibt es viele. Die Destinationen werden dabei weniger zufällig ausgewählt als dass sie einen kirchlich-historischen Hintergrund, eine Besonderheit aufweisen.

Im Fall von christlichen Pilgerstätten wird beispielsweise die Lourdes-Grotte im Süden Frankreichs als Ort angesehen, an dem die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria achtzehn Mal der heiligen Bernadette erschienen sein soll. Der in der Grotte befindlichen Quelle werden heilende Kräfte zugeschrieben, weshalb besonders kranke Menschen in Scharen zu der Pilgerstätte strömen, sich mit dem Wasser benetzen und es in Kanistern mit nach Hause nehmen.

Der ähnlich bekannte Jakobsweg endet in der spanischen Stadt Santiago de Compostela, wo sich das Grab des Apostels Jakobus befindet. Es muss jedoch nicht nur der Ort des Zieles ausschlaggebend sein, auch dort stattfindende Ereignisse bewegen immer wieder zehntausende von Menschen dazu, sich auf den Weg zu machen. Beispiele hierfür sind die Ministrantenwallfahrt nach Rom, wo zwar auch die zahlreichen Sakralbauten und der Vatikanstaat eine Rolle spielen, das Aufeinandertreffen der Messdiener aber ausschlaggebend ist, oder der alle drei Jahre in einem anderen Land der Erde stattfindende Weltjugendtag.

Wie der christliche besitzt jeder Glaube seine Pilgerstätten, sei es die saudi-arabische Stadt Mekka und ihr Heiligtum, die Kaaba, im Islam, die Stadt Jerusalem für die Juden oder damaligen Aufenthaltsorte Buddhas, beispielsweise in Nepal, für die Buddhisten. Für all diese Pilger ist ihr Glaube der größte Ansporn. An Pilgerstätten suchen sie die physische Nähe zu mit ihrem Glauben verbundenen Ereignissen und Personen, sowie – etwa im Falle von Lourdes – Heilung und Erlösung. Sowohl auf ihrem Weg als auch am Ziel schätzen die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten, Menschen, die denselben Glauben teilen. Glaubensveranstaltungen bieten die Chance, sich auszutauschen. Besonders auf dem langen, nicht immer einfachen Weg hoffen viele Pilger, den Beistand und die Gesellschaft Gottes zu finden, in der Liturgie und dem Glauben Halt zu finden. Wenn sie das Gefühl haben, dass das tatsächlich eintrifft, dann ist der Weg tatsächlich ein Stück weit schon das Ziel.

Man muss schließlich auch die Fakten betrachten: ein Flug nach Spanien kostet nicht die Welt. Nur um das Ziel Santiago de Compostela zu erreichen würde sich keiner dazu entscheiden, zumindest eine längere oder kürzere Etappe der Strecke zu Fuß zu bewältigen. Der Weg wird viel mehr bewusst gegangen. Und das heutzutage nicht mehr nur von Menschen, die in ihrem Glauben tief verwurzelt sind. Der Begriff des Pilgerns ist im Wandel, weil er heute nicht mehr untrennbar mit dem Wort „Glaube“ zusammenhängt. Immer mehr Menschen entscheiden sich unabhängig von ihrem Glauben dazu, zu einer Pilgerreise aufzubrechen, besonders auf den Jakobsweg, der ja nicht wie etwa der Weltjugendtag mit einer christlichen Veranstaltung verbunden ist.

Vielleicht ist das die Begleiterscheinung einer Welt, in der alles gar nicht schnell genug gehen kann. Vielleicht ist das gemächliche Wandern, die Strecke, die man nicht im Sprint zurücklegen kann, die irritierende Aussage: „Ich laufe jetzt nach Spanien“ ja so etwas wie eine Kampfansage, ein Konter gegen die Regeln und Fakten, die den Alltag bestimmen. Alltag, den es auf Pilgerreise nicht gibt. Es gibt eigentlich nur Wandern, und vielleicht ein Stück weit Frieden und Harmonie, den Gläubige suchen und gleichzeitig ausstrahlen, und den auch Nicht-Gläubige spüren wollen. Die Stimmung auf solchen Wegen ist besonders, und das spürt man als Atheist vermutlich genauso wie als Strenggläubiger. Und „jenseits des Ackers“ unterwegs zu sein bedeutet: das Umfeld, die Umgebung und die Enge um einen herum einfach einmal zurückzulassen, Menschen den Rücken zuzukehren, die einem vielleicht ja gar nicht so guttun. Und vielleicht wird einem das auch erst unterwegs zum ersten Mal bewusst.

Pilgern also als Selbstfindungstrip? Manche belächeln das. Manche kritisieren das auch, sind der Ansicht, dass das Pilgern den Gläubigen vorbehalten bleiben muss. Dabei kommt aber unweigerlich die Frage auf: ab wann ist man überhaupt gläubig? Muss man vorher einen Test durchlaufen, ein Opfer bringen oder mit Stempelkarten zehn Mal in die Kirche trotten, wie einst vor der Konfirmation oder Firmung? Meiner Ansicht nach muss jeder mit sich selbst ausmachen, was er will. Nur: Das Pilgern sollte nicht zum Hype werden und es sollten nicht plötzlich alle anfangen zu pilgern „weil jeder es halt macht“, ein Trend, der dafür sorgt dass die Pilgerwege bald voll mit Mitläufern ist, für die dieser Weg zu sich selbst eigentlich gar nichts bedeutet. Wenn man pilgern geht, dann nur, weil man es auch wirklich will und persönliche Gründe dafür hat.

In meinen Augen ist dies auch der größte Ratschlag, den man vor und während einer Pilgerreise beherzigen sollte. Man muss eine große Motivation und einen starken Willen dafür aufbringen, was bevorsteht, anderseits ist es fast unmöglich, den Weg durchzuhalten. Neben den Bergstrecken werden nämlich Täler kommen, in denen das Ziel, selbst die Tagesetappe unerreichbar scheint. Das ist der Punkt, an dem man sich selbst in Erinnerung rufen muss, wofür man unterwegs ist. Damit diese Konzentration gelingt und man sich während der Reise bewusst auf alles einlassen kann, was sich einem in den Weg stellt, muss die Planung VOR der Reise stimmen. Versicherungen, Unterkünfte, Routen – das muss stehen.

Die perfekte Packliste – das findet man in jedem beliebigen Pilgerratgeber oder im Internet. Ich möchte an dieser Stelle daher eher auf die kleinen Geheimtipps eingeben, die ich bei meinen Pilgerfahrten nach Rom in 2014 und 2018, zum Weltjugendtag 2016 nach Krakau und nach Taizé in 2016 gelernt habe.

Erstens: auch wenn es einem zunächst unnötig vorkommt: ein Pilgertuch ist unglaublich wertvoll. Als Kopftuch, als Schweißband, oder um anderen zu zeigen, woher man stammt. Im besten Fall tauscht man sein Pilgertuch gegen ein anderes aus einem anderen Land und trägt so ein Stück der schönen Fremde immer bei sich.

Zweitens: man muss nicht unendlich viele vollen Wasserflaschen mitschleppen. Gerade in Rom sind an jeder Straßenecke Brunnen mit Trinkwasser anzutreffen. In Krakau, als wir rund 7 Stunden zum Gelände des Abschlussgottesdienstes gepilgert sind, standen vor jedem Haus freundliche Menschen, die uns mit Wasser versorgt haben. Natürlich sollte man nicht naiv sein und auf die Hilfe anderer bauen, aber man darf zumindest darauf hoffen.

Drittens: eine schöne Idee ist es, ein kleines, platzsparendes Büchlein und einen Stift mitzunehmen, um die Namen und Adressen derer festzuhalten, denen man auf dem Weg begegnet. Am besten lässt man sie selbst hineinschreiben und bittet sie, zusätzlich die Orte einzutragen, die man in ihrer Heimatstadt unbedingt besuchen sollte. So hat man plötzlich eine Liste voller potentieller Gastgeber plus exklusiver Locals-Empfehlungen.

Der Weg – um ihn drehen sich nahezu alle Tipps und Vorteile, die hier geschrieben stehen. Weil er eben doch ein verdammt wichtiger Teil der Reise ist.
Vielleicht ist es ja so: ohne das Ziel würde es keinen Weg geben, und ohne den Weg kein Ziel. Wir müssen allem eine Beachtung schenken, wie es Konfuzius einst, 400 Jahre vor Christus, in einer schlaflosen Nacht getan hat. Und vielleicht sollten wir ab und zu auch auf das Nachdenken verzichten und es einfach tun, denn wie sagte Kafka Jahrhunderte später: „Wege entstehen, wenn wir sie gehen.“

Beitrag ergänzen

0 Beiträge

Schreiben Sie einen Beitrag zu dieser Seite

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

Diese Webseite verwendet Cookies. Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Datenschutzinformationen

Nachteule-Tabitha

gefördert durch:

Logo Landaufschwung

gefördert durch:

Logo Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Entwicklungsagentur:

Logo Wis

Projektnehmer:

Logo creaktiv Werbung & Kommunikation
 
Klicken Sie hier, um diese Seite bei Facebook empfehlen zu können. Bereits beim Anklicken werden Daten zu Facebook übertragen.
Twitter aktivieren