Nachteule-Tabitha blubbrt
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Land trifft Stadt: Aus dem Gai nach Paderborn

Nachteule-Tabitha
05.07.2019

Ich bin spät auf, wieder einmal. Mit dem Unterschied, dass ich nicht in meinem Bett liegen und die Leuchtsterne an meiner Decke zählen kann. Stattdessen bin ich kilometerweit entfernt von allem, was mich an Zuhause erinnert, in einer Stadt, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Es ist eine Stadt, die nicht schläft, und deren Lichter und Geräusche, die sich hinter der Fensterscheibe des kleinen Studentenzimmers abspielen, mich ebenfalls davon abhalten.

Zuhause genieße ich an der Nacht vor allem die Ruhe und das Gefühl, dass ich der einzige Mensch der Welt bin und die Nacht ganz für mich habe, aber die Lebhaftigkeit der Stadt reizt mich aus irgendeinem Grund. Es ist schön zu wissen, dass ich nicht weit laufen müsste, um eine andere, schlaflose Person zu treffen. Sich sicher sein zu können, dass die Stadt niemals einschläft – das ist aufregend.

„Die Stadt“ – lange Zeit war das ein Mythos, eine Art andere Welt, in die ich als Kind höchstens einmal von außen hineingespäht habe. Ich bin in Sigmaringen geboren, und auch wenn es „Kreisstadt“ heißt, würde wohl kein Sigmaringer von sich sagen, er würde tatsächlich sehr städtisch leben. Der Landkreis Sigmaringen und generell die Schwäbische Alb sind mit den zahllosen kleinen Dörfern, zwischen denen nichts als Felder und Äcker liegen, doch insgesamt sehr ländlich geprägt. Städte wie Reutlingen, Ulm oder Stuttgart liegen zumindest von meinem kleinen Örtchen Inneringen aus nicht in unmittelbarer Nähe, und so war ein Besuch in der Stadt für mich stets eine Art Ausflug, etwas Besonderes. Ich wuchs damit auf, dass man, um etwas zu besorgen, sei es Essen, Klamotten oder Bücher, wegfahren musste. Das war für mich lange Zeit Stadt: ein Ort, an dem man sich kurz aufhielt, um sich für das Leben zuhause wieder einzudecken.

Oder aber ein Ort, an dem man Dienstleistungen und Attraktionen in Anspruch nehmen konnte: Arzttermine, Kinovorstellungen, Freibad-Besuche. Im Alter von etwa 10 Jahren war ich dann zum ersten Mal in Berlin, einer Millionenstadt, und von da an zog es mich öfter in Städte. Rom, London, Barcelona, Hamburg, Krakau und sogar Shanghai – dem Maximum einer Stadt. Im Geographie-Leistungskurs, viele Jahre nach meinem ersten Besuch in Berlin, lernten wir die Ursachen und Gründe für die zunehmende Verstädterung kennen und analysierten anhand von Zahlen, wie sich das Leben in der Stadt von dem auf dem Land unterscheidet. Ich glaube aber, dass sich zwischen dem Land- und dem Stadtleben unzählig viele Unterschiede finden lassen, die mit Einwohnerzahlen, Stadtdefinitionen und der Anzahl an Einkaufsläden pro Quadratkilometer nichts zu tun haben.

Deswegen bin ich bei meiner Reise in die ostwestfälische Stadt Paderborn besonders konzentriert darauf, Unterschiede zu meinem dörflichen Leben in Süddeutschland zu finden. Paderborn ist eine Großstadt mit 150 000 Einwohnern, zum Vergleich: Inneringen hat ungefähr 1 000.  Bereits die Tatsache, dass diese Stadt alleine 4 verschiedene Telefon-Vorwahlen, sowie 7 Stadtbezirke plus die Kernstadt und 9 unterschiedliche Postleitzahlen hat, macht mir klar, dass es hier anders zugeht als in meinem kleinen Inneringen, dass sich sowohl die Postleitzahl als auch die Telefon-Vorwahl noch mit anderen Örtchen teilt.

Nach neun Stunden Flixbusfahrt, die ich dank der funktionierenden Klimaanlage auch weitestgehend unbeschadet überlebt habe, empfängt mich in Paderborn die Hitze, und meine gute Freundin Theresa, bei der ich die nächsten vier Tage verbringen werde. Das Experiment Stadtleben startet – ich kann es kaum erwarten.

Theresa ist 2015 nach Paderborn gekommen, um dort Literaturwissenschaft zu studieren. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe zur Universität in einem der Studentenheime, und für die nächsten vier Tagen ist das kleine Zimmer unsere provisorische WG. Das ist der erste Unterschied, der mir bezüglich des Stadtlebens auffällt: die Formen des Zusammenlebens. Eine Wohngemeinschaft ist in Städten nicht ungewöhnlich, zurückzuführen auf das geringe Angebot für Wohnraum und auf die hohen Mietpreise, die als Einzelmieter auf einen zukommen. Auf dem Land hingegen, wo genug Platz für alle ist und die Mieten aufgrund geringerer Nachfrage deutlich niedriger sind als im innerstädtischen Bereich, setzt sich diese Form des Zusammenlebens nur langsam durch, auch wenn in den letzten Jahren tatsächlich eine Tendenz nach oben zu erkennen ist. Aus diesem Grund ist es auch wichtig, die beiden Begriffe Verstädterung und Urbanisierung voneinander abzugrenzen. Während die Verstädterung tatsächlich als Wachstum der Städte nach Einwohnerzahl, Anzahl und Fläche verstanden wird, beschreibt die Urbanisierung die Ausbreitung der städtischen Lebensformen in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Wirtschaft bis in das nichtstädtische Umland hinein.

Die Stadt kommt also näher, auch in Inneringen, aber davor komme ich erst einmal ihr näher. Meine erste, mehr oder weniger schlaflose Nacht in Paderborn endet damit, dass mich in den frühen Morgenstunden ein ohrenbetäubend lautes Martinshorn aus dem Schlaf reißt. Während Theresa neben mir unbekümmert weiterschläft, muss ich dem Drang widerstehen, sofort zum Fenster zu rennen, wie ich es zuhause immer mache. Um zu sehen, ob es sich um Notarzt, Feuerwehr oder Polizei handelt, und in welche Richtung das Fahrzeug fährt. Unfälle, Verbrechen oder Brände sind bei uns zuhause logischerweise seltener als in einer Stadt mit 150 000 Einwohnern, und Theresa ist es längst gewohnt, dass pro Tag mindestens drei Mal ein Martinshorn am Studentenwohnheim vorbei rauscht.

Zwei Stunden später stehen wir unschlüssig vor dem Studentenheim. Die Sonne brennt, unsere Mägen knurren und auf der Straße fahren unaufhörlich Autos vorbei. An Sommertagen wie diesen steht die Luft in den Städten vermutlich um einiges mehr als bei uns auf der Alb, andererseits sind hier Freibäder, Badeseen und kühle Geschäfte nicht weit. Jetzt geht es aber erst einmal darum, ein vernünftiges Frühstück zu finden. Dabei haben wir die Auswahl von mindestens vier verschiedenen Bäckereien und Cafés alleine in diesem Stadtbezirk. In diesem Moment vermisse ich unseren kleinen, einzigen Bäcker im Dorf. Wo du schon beim Betreten das halbe Dorf, etwa die Eltern deiner besten Freundin oder deine Oma oder ihre beste Freundin erkennst und freundlich begrüßt. Wo die Verkäuferin fragt, wie die letzte Abiturprüfung gelaufen ist oder dir nachträglich alles Gute zum Geburtstag wünscht. Eine familiäre, persönliche Atmosphäre – klingt, wie direkt aus einem Werbeprospekt für Ferien auf dem Land entnommen, ist aber wirklich wahr.

Nach dem Frühstück zieht es uns in die Innenstadt. Was absolut kein Problem ist, weil wirklich alle zwei Minuten ein Stadtbus direkt ins Zentrum fährt. Man muss sich nur an die nächstgelegene Bushaltestelle stellen und warten. Etwas, wovon ich in Inneringen nur träumen könnte. Hier fährt genau drei Mal am Tag ein Schulbus nach Gammertingen ab, nach Sigmaringen höchstens zweimal. Wer zu spät kommt, hat Pech gehabt und darf im Zweifelsfall bis zu fünf Stunden warten, um das nächste Mal die Gelegenheit zu haben, das Dorf mit dem Bus zu verlassen. Vor meinem 18. Geburtstag beschlich mich manchmal das Gefühl, hier einfach fest zu sitzen, für immer und ewig. Meine Eltern hätten genauso gut ein gelbes Auto mit Taxi-Schild auf dem Dach fahren können, weil sie genau das jahrelang für mich waren. In der Stadt dagegen wird ein Auto schon fast überflüssig, braucht Platz, den es in der Innenstadt kaum gibt.

Dazu ist es viel zu voll – Geschäfte, Restaurants, Eisdielen, Kirchen und Menschen, wohin man auch sieht. Ich muss anfangs gegen den Reflex ankämpfen, jeden davon zu grüßen. Was bei fünf bis zehn Vorbeiziehenden auf einmal natürlich ziemlich schwierig umzusetzen ist. Ganz anders auf dem Dorf, wo man dann schräg angesehen wird, wenn man einmal nicht freundlich „Hallo“ sagt. Das kann sich wie ein Zwang anfühlen, aber gleichzeitig ist es doch ein angenehmes Gefühl. Es ist ein wahres Klischee, dass im Dorf jeder jeden kennt, und ich mag es. Die Anonymität, die in der Stadt herrscht, kommt mir trist vor, auch wenn so mancher dort bestimmt seine Freiheit entdeckt, sich zu kleiden und zu verhalten, wie er es möchte, ohne auf die Meinungen anderer hören zu müssen. Auffallen – das ist in der Stadt sicherlich deutlich einfacher als auf dem Land, weil man sich einfach nicht rechtfertigen muss.

Alles in der Stadt ist irgendwie mehr. Mehr Menschen, mehr Häuser, breitere Straßen und größere Gebäude. Das gilt auch für den Supermarkt, in dem ich erst einmal völlig überrumpelt bin. Ich stehe im real von Paderborn und fühle mich wie in einem US-amerikanischen Target. In diesem Supermarkt gibt es alles; er ist Lebensmittelgeschäft, Klamottenladen, Baumarkt und Drogeriemarkt in einem. Zwischen all diesen Regalen jenes mit den Cornflakes auszuwählen, gestaltet sich dabei äußerst schwierig.

Wenn es über Paderborn dunkel wird, beginnt langsam das Nachtleben. Dabei ist die Auswahl, wie könnte es anders sein, groß. Es gibt Clubs, es gibt Bars, aber es gibt auch das Paderquellgebiet, ein Park mitten in der Stadt. An lauen Sommerabenden wie diesen sitzen dort überall Studenten, Familien und Schüler und genießen die entspannte Atmosphäre. Ein großer Kontrast zu den rauschenden Festern, die wir auf der Schwäbischen Alb haben, aber das ist auch einfach meine persönliche Meinung. Ich habe schon bei der Abireise nach Lloret gemerkt, dass ich mich in Clubs nicht halb so wohl fühle wie in den Festzeltern in unserer Region. Jede Woche findet irgendwo anders ein Fest statt, auf dem man dann die halbe Schule und das halbe Dorf trifft. Lästereien über das Outfit der einen, Gerüchte über die potentielle Beziehung des anderen, jeder kennt jeden, Heimlaufen im Morgengrauen und drei geklaute Straßenschilder – wie ich das genieße.

Paderborn ist nicht Inneringen, und das ist auch gut so. Ich liebe es, in das Leben der Stadt einzutauchen, alles das in Anspruch zu nehmen, was es zuhause nunmal nicht gibt. Aber genauso sehr liebe ich es, nach einer Reise in die Fremde zurückzukommen. Wo ich von unserem Hahn Roswitta geweckt werde, anstatt des Martinhorns. Wo ich mir meine Brezel beim einzigen Bäcker des Dorfes hole und anschließend mit meinen Freunden diskutiere, wer an diesem Abend auf dem Dirndl-Fest den Fahrer spielt. Wer weiß, wie sich das Leben anfühlen wird, wenn ich in einer Weile anfange, zu studieren. Definitiv werde ich Inneringen verlassen und das städtische Leben noch einmal viel intensiver kennenlernen. Dann bin ich wieder spät auf, in einer Stadt, die nie schläft, und die ich voller Neugier erkunden kann.

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