Nachteule-Tabitha blubbrt
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Ein Fest des Glaubens? Mit 80 000 Pilgern nach Rom

Nachteule-Tabitha
02.08.2019

Es ist zweiundzwanzig Uhr, als sich die Metrotüren vor mir öffnen. Sie spucken mich aus in einen Bahnhof, in dem es von Menschen nur so wimmelt. Italiener, Franzosen, Portugiesen und jede Menge Deutsche, ein Stimmgewirr, aus dem sich keine einzelnen Sätze entnehmen lassen. Die Wärme, die sich in dem unterirdischen Gebäude im Laufe des Tages angestaut hat, legt sich wie eine Decke auf meine Haut und treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Immer noch.

Gegen Mittag steigen die Temperaturen in der Innenstadt von Rom auf bis zu 36 Grad, was uns zu der Frage bringt, wieso wir ausgerechnet Anfang August, im europäischen Hochsommer, hier sind. Erst jetzt, gegen Abend, wird die Wärme erträglich und lockt uns vom Hotel noch einmal zurück in die Stadt. Heute Nacht, das weiß ich, werde ich spät auf sein, wieder einmal. Weil das Leben - wieder einmal - viel zu schade ist, um es schlafend im Bett zu verbringen. Auf den Straßen, die meine Freunde und mich zur Spanischen Treppe führen, herrscht der selbe Geräuschpegel wie in der Metrostation, nur das Kreischen der einfahrenden Züge wird ersetzt durch die temperamentvolle Stimme eines Straßenmusikers vorne an der Ecke. Die italienische Hauptstadt Rom zählt rund 3 Millionen Einwohner, aber an diesem Abend sind wir noch viel mehr. Rom hat Besuch: von 80 000 Ministranten aus der ganzen Welt!

Die Ministrantenwallfahrt nach Rom: seit dem Jahr 1962 lädt sie alle vier bis fünf Jahre zehntausende Jugendliche aus der ganzen Welt in die ewige Stadt ein. Dahinter steckt der Internationale Ministrantenbund CIM, kurz für Coetus Internationalis Ministrantium, der sich seit seiner Gründung 1960 für die Liturgie, den pastoralen Aspekt der Kirche, aber auch vor allem für den Frieden einsetzt. Frieden, den unter anderem die Ministrantenarbeit immer wieder verdeutlicht. Der Dienst am Altar unterscheidet sich zwischen zwei Ländern nicht stark, selbst wenn sie sich am entgegengesetzten Ende der Welt befinden. Wie im Glauben selbst sind oft nicht die Worte ausschlaggebend, die gesprochen werden, sondern die Taten, die vollbracht werden. Deswegen verbindet Ministranten auf der ganzen Welt ein unsichtbares Band, das sich nur alle vier bis fünf Jahre als roter Faden durch ihr Leben zieht: dann, wenn der CIM wieder zu einer internationalen Wallfahrt in die italienische Hauptstadt einlädt. Dort, wo die Geschichte des christlichen Glaubens nahezu greifbar ist, wo sich eine bedeutende Kirche an die nächste reiht und der Heilige Vater, das Oberhaupt der katholischen Kirche residiert, wird es den jungen Menschen ermöglicht, ihren eigenen Glauben noch einmal neu zu begreifen und zu erfahren.

Begibt man sich in diesen Tagen im August in die Innenstadt von Rom, ist von Besonnenheit und tiefem Glauben allerdings weniger zu bemerken. Stattdessen Party, soweit das Auge reicht. Pilgergruppe schwenken ihre bunten Fahnen, auf denen der Name ihrer Seelsorgeeinheit, ihres Bistums oder ihres Herkunftslandes aufgedruckt ist. Manche singen a cappella, andere sind professionell mit einer Musikbox ausgestattet. Das Liedgut: Heimatlieder, Fußballlieder, ab und zu Schlager oder tatsächlich einmal christliche Lieder wie etwa das Mottolied der aktuellen Wallfahrt.

Ein Großteil der Pilgergruppen kommt Jahr für Jahr aus Deutschland, wiederum ein Großteil davon aus der Erzdiözese Freiburg, nach der Erzdiözese Köln die größte in Deutschland. Entsprechend häufig kommt es zu einer Konfrontation zweier „verfeindeter“ Lager: den „Badensern“ und den Schwaben. Ein solches Zusammentreffen erkennen Außenstehende schnell an einer wehenden Baden-Flagge, einem schmetternden „Der Schwab muss raus aus dem Badner Land“ und einem zaghaft dagegen ansingenden „Einst ging ich am Ufer der Donau entlang...“. Eine Begegnung, die man im Fußballstadion oder auf dem Volksfest erwarten würde, aber weniger auf einer Pilgerfahrt. Kommt die Liturgie, mit der die Ministranten im Gottesdienst jede Woche in Berührung kommen, dabei zu kurz?

Es gibt Kritiker, die die Teilnehmer bei solchen Veranstaltungen als „Eventchristen“ bezeichnen. Die den Ministranten vorwerfen, nur aufgrund solcher „Gaudi-Fahrten“ Teil dieser Gruppe zu sein. Und dass sie die an der Rom-Wallfahrt teilnehmen, um für sechs Tage mit ihren Freunden Party zu machen, ohne dabei von den Eltern gestört zu werden. Diese Vorwürfe gibt es, und sie werden belegt durch die ausgelassene Stimmung in der Stadt. Durch die Tatsache, dass sich die Jugendlichen dort nicht den ganzen Tag mit der Liturgie, eine der vier Säulen der katholischen Kirche, befassen oder in der Kirche stehen.

Wie immer im Leben lässt sich hier nichts pauschalisieren. Bei 80 000 Pilgern gibt es 80 000 Geschichten, 80 000 Varianten die Stadt, die Stimmung und die Ereignisse in sich aufzunehmen. Die Ziele, mit denen sich ein Ministrant auf den Weg nach Rom begibt, sind vielfältig: manche wollen tatsächlich genau das: Party, Gaudi und die südländische Sonne. Manche suchen die Gemeinschaft, andere Gott, wieder andere sich selbst. Und alles davon ist möglich in der ewigen Stadt, die mit 80 000 zusätzlichen Bewohnern äußerlich aus allen Nähten platzt und innerlich Platz birgt, für alle, die ihn benötigen.

Jede Erzdiözese veranstaltet während der Wallfahrtswoche ihre eigenen Gottesdienste und Zusammentreffen. Beim Eröffnungsgottesdienst der Erzdiözese Freiburg in der Basilika St. Paul vor den Mauern sorgen eine eigens angeheuerte Band, bunte Lichteffekte, moderne christliche Lieder und auf die jungen Zuhörer zugeschnittene Predigten für eine Begeisterung für den Glauben, die den Ministranten zuvor wohl möglich nie begegnet ist. Genau dieser Gottesdienst wurde im Nachhinein der Ministrantenwallfahrt 2018 von einer katholischen Internetseite streng kritisiert. Es sei wie in der Disco zugegangen, die Liturgie und die Ehrwürdigkeit des Gotteshauses seien nicht ausreichend respektiert worden. Bei vielen, die an diesem Gottesdienst selbst teilgenommen haben, stößt die Kritik auf Unverständnis.

Warum sollte der Glaube nicht an die heutige Zeit angepasst werden dürfen? Dass er in seiner alten, versteiften Form für die jüngeren Generationen nicht mehr funktioniert, zeigen die leeren Kirchen doch ganz eindeutig - während hier 8 000 Jugendliche auf engstem Raum zusammensitzen. Die Predigten zuhause halten sich meist sehr eng am zuvor verlesenen Evangelium und die Lieder stammen aus dem Gotteslob, wo sie seit dem 20. Jahrhundert abgedruckt sind und von Generation zu Generation weitergesungen werden. Das verleiht dem Glauben seine Ehrwürdigkeit, seine Tradition und die Standfestigkeit über die Hindernisse der Jahrhunderte hinweg, aber es fällt schwer, sich als Jugendlicher damit zu identifizieren. Erst recht wird es schwierig, wenn Ministranten auf Gleichaltrige treffen, denen die Identifikation mit dem Glauben überhaupt nicht gelingt. Dann müssen sie sich rechtfertigen, müssen Gelächter und Unverständnis aushalten und sich gleichzeitig weiter motivieren, den Dienst am Altar pflichtbewusst auszuüben.
Würden diese verunsicherten Messdiener nach Rom kommen und dort genau dasselbe erleben wie zuhause – karge Liturgie, veraltete Rituale, strenge Regeln und das Gebot der Besinnung – würde ihre Motivation nicht unbedingt steigen.

Stattdessen erfährt man in Rom, dass Glaube auch anders funktioniert. Dass es viele jungen Menschen gibt, die auf dem gleichen Weg unterwegs sind. Die genauso verunsichert zwischen Gott und der weltlichen Seite, die sich davon zunehmend abwendet, hin und her sehen und etwas suchen, auf das sie bauen können. Vielleicht finden sie es hier. In einer gerammelt vollen Metro, in der Ministranten aus drei Bundesländern lauthals zusammen singen. Im Schweiße seines Angesichts auf der Heiligen Stiege, die angeblich sogar Jesus einmal kniend erklommen haben soll. Auf dem Petersplatz, wo der Papst im Rahmen einer eigens für die Pilger organisierte Audienz mit dem Papamobil durch die Mengen fährt und von einer riesigen Menschenmasse bejubelt wird wie ein Star. Oder eben während den von den Diözesen organisierten Gottesdiensten.

Fakt ist: Glaube war noch nie einfach. Es wird immer Konflikte geben, weil manche dabei sind und manche nicht. Das steht einem jeden frei. Meiner Meinung nach ist das Wichtigste am Glauben, dass man bei aller Begeisterung und Überzeugung dafür die Toleranz gegenüber anderen nicht verliert. Nach Rom fährt, wer nach Rom fahren will, aus einem Grund, den er sich selbst ausgesucht hat. Nichts ist vorgeschrieben. Eine verdammt gute Erfahrung, wenn sonst immer alles nach einem bestimmten Plan und Schema zu laufen scheint.

Plan und Schema – davon ist auch an diesem Abend auf der Spanischen Treppe keine Spur zu sehen. Stattdessen ausgelassene Tänze unter dem wolkenlosen Sternenhimmel, Seifenblasen, die im Rahmen eines Flashmobs für deutsche Minis verteilt wurden, glückliche Gesichter wo man hinsieht. In wenigen Tagen werden wir uns wieder auf der ganzen Welt verteilen. Dann kehrt bei uns wie in Rom der Alltag zurück und einzelne werden sich streiten, inwiefern Glaube gefeiert werden darf und wer die Grenze setzt.

Aber bis dahin sind wir hier, eine Einheit, eine große Gemeinschaft, die zusammen spät auf ist.

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