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Das Mädchen, das Bücher stiehlt - Buchrezension zu “Die Bücherdiebin”

Nachteule-Tabitha
03.10.2019

Liesel Memminger ist spät auf. In dem Keller, in dem sie die Nacht verbringt, ist es düster. Kein Licht dringt von oben hinein. Obwohl es dort unten kalt ist, denkt sie nicht im Traum daran, sich in ihrem Zimmer im ersten Stock schlafen zu legen. Die dicken Kellerwände scheinen nicht nur das Licht des Mondes und der Straßenlaterne draußen zu verschlucken, sondern auch den Krieg, der unbarmherzig wütet und dabei vor der kleinen Stadt Molching in der Nähe von München nicht Halt macht.

Eine Kerze wird angezündet. Im spärlichen Schein der Flamme sind die Worte zu erkennen, die Liesel zusammen mit ihrem Papa an die Wand gemalt hat, “Das ist dein Wörterbuch”, hat er zu ihr gesagt. “Wann immer du ein neues Wort lernst, schreib es auf.” Liesels Finger wandern über die Seite des Buches, ihre Lippen bewegen sich lautlos zu den Worten, die ihre Augen aufnehmen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass er ihr das Lesen beigebracht hat, ihr Papa, dessen Hand sie anfangs gar nicht hatte ergreifen wollen, als sie im Auto der Frau vom Sozialamt saß. Es war schließlich nicht ihr richtiger Papa gewesen, und Rosa, die sie an eine große, dunkle Gewitterwolke erinnerte, war nicht ihre Mama gewesen. Jetzt ist es anders. Liesel schlägt das Buch zu, ein Windstoß an Müdigkeit übermannt sie. Sie spürt die Kostbarkeit der Sätze und Seiten, die sie gelesen hat, sieht sie umherschwirren wie Glühwürmchen, bis sie schließlich eingeschlafen ist - die Bücherdiebin.

Beinahe ein Jahrhundert später fühle ich mich wie Liesel Memminger. Ich bin unheimlich müde, aber die Worte, die auf der Buchseite vor mir umher tanzen, halten mich in ihrem Bann, hindern mich daran, die Augen zu schließen. Ich bin die dritte Nacht hintereinander spät auf, weil die Bücherdiebin in Gedanken nicht mehr von mir weicht. Am Anfang war sie nur die Protagonistin eines gleichnamigen Romans, der in meinem Bücherregal Staub gesammelt und im Licht der einfallenden Sonne gefunkelt hat. Ich weiß nicht, wieso ich diesem Buch so lange keine Beachtung geschenkt habe. Ich weiß nicht, wieso es ganz plötzlich anders war. Die 608 Seiten, die der Roman fasst, lagen schwer in meiner Hand, aber in mir war plötzlich das starke Verlangen, diese Geschichte zu lesen. Und ich habe es nicht bereut. “Die Bücherdiebin”, im Original “The Book Thief”, erschien im Jahr 2005. Es ist bereits der zweite erfolgreiche Jugendroman des australischen Schriftstellers Markus Zusak.

Aus der außergewöhnlichen Perspektive des Todes lernt der Leser die zu Beginn des Romans 1939 neunjährige Liesel Memminger kennen. Von ihrer Mutter getrennt wird Liesel als Pflegekind und helfende Hand zu der Familie Hubermann gebracht. Ihr neues Zuhause: eine Straße, die nach dem Himmel benannt wurde. Liesel ist traumatisiert durch den Tod ihres kleinen Bruders auf der Fahrt nach Molching. Sie klammert sich an das letzte, was sie an ihn erinnert: das Handbuch für Totengräber, das bei seiner Beerdigung im Schnee gelandet ist. Es ist das erste von vielen Büchern, das sie stehlen wird.

Die erste Zeit in der neuen Familie ist geprägt von Alpträumen, aber auch von einer wachsenden Freundschaft mit Rudi, dem Nachbarsjungen, von der Vertrautheit mit ihrem neuen “Papa” und der Faszination für Worte und Bücher, die in ihr immer größer wird. Während sie mithilfe ihres Vaters nächtelang das Lesen erlernt, beginnt in der Welt um sie herum der Aufstieg des NS-Regimes und infolgedessen der Zweite Weltkrieg. Auf den Straßen Molchings parodieren Nationalsozialisten, werden Juden in Richtung Dachau vorbei getrieben.

Liesel liest gerade ein Buch namens Die Ankunft des Fremden, als an der Haustüre der Familie Hubermann ein jüdischer Faustkämpfer klopft und das Leben der Familie Hubermann verändert. Liesel muss lernen, dass neben den Büchern, die sie stiehlt, auch die Freiheit unter dem Nationalsozialismus immer kostbarer wird. Und dass die Macht der Worte groß genug ist, um alles andere zu überwinden...

Die Macht der Worte - Markus Zusak besitzt sie mindestens so gut wie seine Protagonistin. Die Sprache, in der Liesels Geschichte erzählt wird, ist ein Kunstwerk an sich, ein Bildband an Momenten. Die Magie des Schreibens besteht darin, Worte so aneinander zu fügen, dass aus den Sätzen Bilder und Szenen entspringen. “Der Zucker war so hart wie Glas”, schreibt Zusak, oder “Worte, die er schmecken konnte”. Er überlässt es oft dem Leser, die Kombination seiner Worte auf eine eigene Weise zu interpretieren, gleichzeitig machen es die angeführten Vergleiche extrem einfach, in die Szenerie einzutauchen.

Es braucht nur wenige Seiten bis man sich selbst fühlt wie ein Bewohner der Himmelsstraße, wie Liesels bester Freund, beflügelt von all den schönen Worten, entschlossen, einen Juden vor dem Tod zu retten, erleichtert, wenn am Morgen nach einer Bombennacht alle unversehrt den engen Luftschutzkeller verlassen. Der Unterschied liegt im Detail: die Geschichte der Bücherdiebin wird nicht aus ihrer eigenen Sicht erzählt, nicht in den Worten eines auktorialen Erzählers aus dem Nichts. Es ist der Tod, der verbitterte, sanfte, ewig bestehende Tod, der während dem Zweiten Weltkrieg von einer aufsteigenden Seele zur nächsten eilt und dazwischen seinen Blick nicht von dem kleinen Mädchen Liesel nehmen kann. “Die Bücherdiebin” - der Roman, in dem der Tod erzählt, wie schön das Leben sein kann.

Markus Zusak wurde in Australien geboren, seine Eltern jedoch wuchsen in Deutschland und Österreich auf. In einem Interview gibt der Autor zu, dass er vor der Reaktion der Deutschen auf seine Romanveröffentlichung den meisten Respekt hatte. Dass er auf Kritik stoßen würde, weil er als Australier ein Buch über die deutsche Geschichte schreibt. Dass “Die Bücherdiebin” überflüssig wäre in einem Meer aus Biographien und Autobiographien aus dem dritten Reich.

Die Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2009, des Jugendbuch- und Kritikerpreis der Jury der jungen Leser 2009 beweisen das Gegenteil. Deutschland braucht diese Geschichte. Vielleicht vor allem aufgrund des Fokus des Buches auf der einfachen Bevölkerung im dritten Reich. Menschen, die weder einer verfolgten Minderheitsgruppe angehören noch dem nationalsozialistischen Regime. Menschen, die Frieden wollen, und Wohlstand, die sich dabei auf falsche Versprechen und gefährliche Vaterlandsliebe einlassen. Weil sie keine andere Wahl haben.

Ich lebe in einer Generation, die den Krieg im eigenen Land nur aus Erzählungen kennt. Für mich ist Frieden etwas, in das ich hineingeboren wurde, mit dem ich aufgewachsen bin. Viel zu schnell erscheint es mir selbstverständlich, dass wir ohne Angst leben, uns frei durch Europa bewegen und auf die Unterstützung anderer Länder im Ernstfall hoffen können. Mit dieser Selbstverständlichkeit steigt die Gefahr einer Wiederholung der Ereignisse: weil wir vergessen, wie kostbar Frieden und demokratische Werte sind, hören wir auf, uns dafür einzusetzen. Wir lassen zu, dass rechtspopulistische Stimmen laut werden und rassistische, nationalistische Denkansätze legitimiert werden.

An diesem Punkt sollte jeder von uns von Geschichten wie diese hören: Krieg, der sich wie ein schwarzer Schatten über alles legt, der von einem einzelnen Mann geworfen wird, der die Macht haben wollte.

Als ich die letzten Worte von “Die Bücherdiebin” gelesen und das Buch zur Seite gelegt habe, war ich traurig, wütend und glücklich. Traurig über alles, was der Krieg und der Nationalsozialismus aus diesem kleinen Dorf, das es in Wirklichkeit nicht gibt, gemacht hat. Wütend, dass es geschehen ist und heute teilweise verharmlost und relativiert wird. Und glücklich, dass wir die Chance haben, unser Schicksal in die Hand zu nehmen. Damit die Macht der guten Worte die der bösen überdauert und am Ende, wann immer dies sein mag, gewinnt.

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